FAZ 21.01.2026
14:16 Uhr

Champions-League-Endspiel: Alex Meier und die letzte Chance der Eintracht


Die Eintracht hat ihren Trainer freigestellt und steht in der Champions League vor einem Endspiel: In Baku brauchen die Frankfurter einen Sieg. Kann ausgerechnet Fan-Idol Alex Meier die Mannschaft stabilisieren?

Champions-League-Endspiel: Alex Meier und die letzte Chance der Eintracht

Irgendwann ist es an einem eisigen Januartag bei der Eintracht ruhig geworden. Ihre Spieler radeln gemächlich aus der Wärme ihres Proficamps zum gefrorenen Trainingsplatz, vorbei an einem einsamen Gabelstaplerfahrer, der fast seine Fracht verliert. Sie passen sich ein paar Bälle zu, keiner redet. Am lautesten klackern ihre Schuhe auf dem Boden. Vor dem entscheidenden Champions-League-Spiel gegen Qarabag Agdam (18.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei DAZN) machen nur die Torhüter ein paar Späße. Die Spieler sind alle da, Uzun, Theate, Kristensen. Nur ihr Trainer ist es nicht mehr. Niemand weiß, wo Dino Toppmöller ist, vielleicht in Niederrad, vielleicht an der Mosel, jedenfalls nicht im Frankfurter Stadtwald. An seiner Stelle spaziert Alex Meier am Platz entlang. Reichlich Konjunktiv Der langjährige Eintracht-Stürmer, eigentlich Trainer der A-Jugend, schlendert in einem Fünf-Meter-Radius umher, die Hände hinter dem Rücken. Er ist jetzt Ko-Trainer der Herrenmannschaft, übergangsweise. An seinen Füßen alte Adidas-Stollenschuhe, Modell Kaiser 5. Um seinen Hals eine kleine analoge Stoppuhr, in der rechten Hand eine Trillerpfeife in Silber. Die Haare trägt Meier immer noch wie früher: nach hinten gelegt, zu einem Zopf gebunden. Fußball spielt er auch noch wie früher: Als seine Spieler gerade Fünf-gegen-zwei üben, hält Meier mit Marco Russ, seinem langjährigen Mitspieler und Zopfkollegen, den Ball hoch. Nach 20 Sekunden plumpst der Ball auf den eisigen Boden, als Analyst Russ ihn annehmen will. Der „Fußballgott“ im Anorak beobachtet derweil, wie die Sonne Meter um Meter den Platz erobert. Das alles versprüht eine Melancholie, die die Eintracht gerade gut gebrauchen kann. Auch wenn unklar ist, wie viele aus der internationalen Eintracht-Mannschaft heute noch wissen, wer Alex Meier ist. Seit dem 3:3 in Bremen ist in Frankfurt einiges los. Erst diskutierten die Eintracht-Chefs stundenlang, dann war’s das für Toppmöller. Am Montag erklärte Vorstand Markus Krösche, wie es dazu kam – und wieso es dazu kommen musste. Je länger die Pressekonferenz dauerte, desto kürzer antwortete Krösche, desto schärfer schaute er zu den Journalisten. Der gefeierte Eintracht-Manager wirkte angekratzt. Er weiß: Es ist die letzte Chance für die Eintracht in der Champions League. Will sie noch eine Chance auf die Play-offs haben, muss sie gegen Agdam gewinnen. Sie hätte dann sieben Punkte und noch ein Spiel: am Mittwoch in einer Woche gegen Tottenham Hotspur. Gewänne sie dieses auch, dürfte das wahrscheinlich reichen. Das ist reichlich Konjunktiv. Vielleicht zu viel. Die frostige Stimmung jedenfalls erreichte auch die Mannschaft. „Zu oft waren wir alleine unterwegs“, sagte ihr Kapitän Robin Koch am Dienstag nach dem Training. Kleine Entscheidungen seien falsch getroffen worden; „dann läufst du immer hinterher“. Er wolle sich von Toppmöller verabschieden. „Wir hatten tolle zweieinhalb Jahre zusammen“, sagte Koch. In dieser Saison hatte Toppmöller Koch zum Spielführer gemacht. Das Amt wird der Verteidiger behalten, wenn die Eintracht in Baku antritt. Am Rand aber stehen zwei andere: Alex Meier, 43 Jahre alt. Und Trainer Dennis Schmitt, 32, der normalerweise für die zweite Mannschaft zuständig ist. Ein Scharnier zwischen alter und neuer Eintracht-Welt ist der zweite Ko-Trainer Jan Fießer. Schon in der vergangenen Saison, der erfolgreichsten seit einer ganzen Weile, war der Hesse für das Pressing und die Standards zuständig. Er ist der Einzige, der aus dem Team Toppmöller verblieben ist. Dennis Schmitt: „Die Nächte waren lang“ Für Schmitt hingegen ist vieles neu: „Die Tage waren lang und die Nächte kurz“, sagte er. Ihm war nicht anzumerken, dass er nun in der Champions League coacht statt in der Hessenliga. Es sei ein Traum, „ein solches Spiel begleiten zu dürfen“. Er wolle die Mannschaft enger verteidigen sehen. Und ansonsten die Vorteile eines Trainerwechsels nutzen – schließlich wisse der Gegner nie so recht, was auf ihn zukomme. Ob das die Eintracht selbst weiß? Zuletzt machte sie selten den Anschein. Eine der zahlreichen Eisflächen, auf denen Toppmöller ausrutschte, war die Stürmerfrage. In der Champions League kann Winterzugang Arnaud Kalimuendo nicht spielen, weil ihn die Eintracht nicht nachnominieren darf. Das heißt: Ansgar Knauff wird angreifen. In der Königsklasse spielte der 23 Jahre alte Flügelspieler stark, auch in Bremen traf er spät. Ein klassischer Stürmer ist er trotzdem nicht. Im Gegensatz zu einem anderen, der mit der Eintracht 3000 Kilometer Richtung Osten reist. Zuletzt spielten die Frankfurter im August 2013 am Kaspischen Meer. Sie gewannen 2:0. Und in einem kurzärmligen, weißen Trikot schoss ein langer Stürmer zwei Tore. Sein Name: Alex Meier.