FAZ 26.02.2026
09:09 Uhr

Champions-League-Aus: Kontrollverlust beim BVB


Dortmund verabschiedet sich in Bergamo aus der Champions League. Die individuellen Fehler häufen sich – das lässt sich kaum noch mit der Tagesform erklären. Woran liegt es?

Champions-League-Aus: Kontrollverlust beim BVB

Die Fülle der Eindrücke, Ereignisse und Erkenntnisse war überwältigend an diesem wilden Februarabend in der Lombardei; nur ein uraltes BVB-Motiv fehlte noch, als Niko Kovač die letzte Frage auf der Pressekonferenz nach der 4:1-Niederlage bei Atalanta Bergamo beantwortete. Also vervollständigte der Trainer diese denkwürdige Italienreise kurzerhand, als er sagte: „Auf diesem Niveau musst du den Willen haben, die Mentalität haben. Und die haben wir so in der Form heute leider nicht bringen können.“ „Mentalität“ ist ein historisch vergiftetes Wort in Dortmund, und eigentlich gehört es zu Kovačs großen Errungenschaften, dass er die berühmte Mentalitätsdebatte rund um diesen Klub hat verstummen lassen. Nun hat er sie selbst wieder in Gang gesetzt. Seine Mannschaft hatte sich zu Beginn der Partie von einem lauten Stadion und einer intensiven Spielweise der Italiener einschüchtern lassen. Der BVB ließ ein frühes Gegentor zu, nach einer Stunde lag die Mannschaft durch etliche Fehler beim Verteidigen 0:3 zurück. Und in der Nachspielzeit fehlte der Scharfsinn, um nach Karim Adeyemis Treffer zum 1:3 (75.) die Verlängerung zu erreichen. In der Nachspielzeit ereigneten sich chaotische Szenen, weil Torwart Gregor Kobel einen grausamen Fehler begangen hatte und den Italienern mit einem Fehlpass einen letzten Angriff ermöglichte, an dessen Ende der spanische Schiedsrichter einen streitbaren Elfmeter für Bergamo pfiff. Die Emotionen kochten, die Ersatzspieler Giorgio Scalvini (Bergamo) und Nico Schlotterbeck (Dortmund) sahen Rote Karten. Es herrschte Chaos. Den in diesem Wettbewerb so erfahrenen Dortmundern mangelte es in diesem und in vielen anderen Partien dieser Europapokalsaison an Souveränität. „Ein bisschen naiv“ sei dieser Auftritt gewesen, sagte Kovač, dessen Vorgesetzte sich nun schon auch Fragen nach der Qualität des Kaders stellen müssen. Es gibt nämlich diese beiden Kernmotive dieser Champions-League-Saison, mit denen die Verantwortlichen jetzt irgendwie umgehen müssen: Gegen die großen Klubs Manchester City (1:4), Tottenham Hotspur (0:2) und Inter Mailand (0:2) war Borussia Dortmund klar unterlegen. Bei Juventus Turin verspielte das Team in der Nachspielzeit einen 4:2-Vorsprung, und am Mittwoch war das Team mit der Intensität von Bergamo überfordert. Im Gesamtbild lässt sich das kaum mit der Tagesform oder den Zufällen einzelner Partien erklären. Zu viele Spieler machen zu viele Fehler in der Defensive, und die Offensivleute Serhou Guirassy, Maximilian Beier und Julian Brandt sind nicht effizient genug beim Verwerten von Chancen, von denen es in Bergamo genug gegeben hatte. Individuelle Fehler häufen sich Vor allem aber stellt sich die Qualitätsfrage vor dem Hintergrund eines anderen Dauerproblems der Europapokalabende: Die Dortmunder leiden unter massiven Schwächen im Passspiel in der eigenen Hälfte. Sobald Gegner intensiv und gut sortiert pressen, verliert diese Mannschaft die Kontrolle. „Du musst Präsenz zeigen, dem Gegner den Schneid abkaufen. Auch mit Gestik, mit Mimik, mit der Intensität des Zweikampfes – das haben wir nicht getan“, sagte Kovač. „Das reicht dann auf dem Niveau nicht.“ In Bergamo trugen die Ungenauigkeiten und technischen Fehler der Innenverteidiger Emre Can, Waldemar Anton und Ramy Bensebaini im Spielaufbau viel zum zwischenzeitlichen 0:3-Rückstand bei. Der Fehlpass von Gregor Kobel, der zum Elfmeter und zum Ausscheiden führte, war da nur noch der passende Schlusspunkt für das Dortmunder Europapokaljahr. Denn die Häufung genau solcher Momente führt zur Erkenntnis, dass mindestens 16 andere einfach besser sind. „Wenn du so viele individuelle Fehler machst, wird es schwer“, sagte Emre Can, und Kovač formulierte eine klare Forderung: „Wir müssen uns schleunigst darauf konzentrieren, dass wir gut verteidigen.“ Und das heißt auch, den Gegnern nicht so viele Möglichkeiten für Balleroberungen zu bieten. Eine Saison ohne weiteres Dramapotenzial? Im Moment wirkt dieser Klub aber gerade ein wenig verloren im eigenen Entwicklungsprozess: In der Bundesliga ist die Mannschaft eindeutig die Nummer zwei, ohne große Chancen auf die Meisterschaft. Und international gehört der BVB zwar schon in die K.o.-Phase der Champions League, aber selbst wenn die Mannschaft diese Play-off-Runde überstanden hätte, hätte sie gegen den FC Arsenal oder den FC Bayern ein mittelgroßes Wunder vollbringen müssen, um noch weiterzukommen. Der Schlüssel zu mehr hätte im derzeitigen Wettbewerbsmodus wohl darin gelegen, das Spiel gegen Bodø/Glimt zu gewinnen und dann mit einem weiteren Erfolg in Tottenham oder bei Inter Mailand die direkte Qualifikation fürs Achtelfinale und eine günstigere Position im Turnierbaum zu erreichen. Diesen Weitblick hatte Schlotterbeck, der außer sich war vor Wut über den leichtfertig verspielten Sieg gegen die Norweger. Anderen im Team fehlte das entsprechende Abstraktionsvermögen, weshalb jetzt eine Saison ohne weiteres Dramapotenzial droht. Zwei Saisonziele sind nach dem Aus im DFB-Pokal und in der Champions League schon verpasst. Wenn am Samstag kein Sieg gegen Bayern München gelingt, droht auch in der Bundesliga Langeweile, da die Meisterschaftsträume dann endgültig zur Utopie werden und der Vorsprung auf Platz fünf komfortabel genug ist für ein Frühjahr ohne echte Spannung.