Plötzlich sind sie da, „diese anderen Stimmen“ der Lyriker: Auden, Frost, Cummings und Plath, die nachts ins Zimmer kommen – „einst laut gesprochen in einem anderen Raum, jetzt bei mir reingeschneit“, heißt es 2003 im Gedicht „Und heute Nacht“ von Cees Nooteboom. Es ist verführerisch, die Zeilen, die von einem Haus auf einer Insel in warmen Gefilden sprechen, wie es Nooteboom auf Menorca besitzt, auf den Autor selbst zu beziehen, und die Beschreibung der Stimmen großer Autoren, die nun – ob eingeladen, ob einfach eindringend – im Kopf des Dichters präsent sind, wäre auch in den ausgewiesen autobiographischen Passagen von Nootebooms Werk kein Fremdkörper. Denn es ist nicht nur die wenig überraschende Tatsache, dass dem einen Autor die Texte der anderen präsent sind. Für den Mann im Steinhaus, der den Besuch „im Zeitmaß der Motte gegen das Licht“ empfängt, gehören die Stimmen der längst Verstorbenen ausdrücklich der Welt der Lebendigen an, „wie die Umarmung von Freunden, die Münder / von all diesen Toten ein lebender Atem / das immer fließende Wasser / von dem ich lebe“. Das Chaos als „nicht zu unterschätzende Kraft“ seines Lebens Cees Nooteboom, geboren 1933 in Den Haag, erlebte die deutsche Besatzung der Niederlande mit dem aufmerksamen Blick eines Kindes, das sich in einer undurchsichtigen Welt orientieren will und rasch merkt, dass es von den vorsichtigen Erwachsenen in seiner Umgebung nicht immer klare Worte erwarten kann. Der Tod ist präsent, sein Vater, der nicht mehr bei der Familie lebt, stirbt bei einem Bombenangriff in der letzten Phase des Krieges, die materielle Not, der Hunger zumal, endet nicht mit dem Waffenstillstand, vor allem aber bleibt dem Kind, dem Jugendlichen die Erinnerung an das erlebte „Chaos“, hält Nooteboom aus dem Rückblick vieler Jahrzehnte fest, das sein Leben und Schreiben als eine „nicht zu unterschätzende Kraft“ beeinflussen sollte. Die Klosterschule, die Nooteboom nach dem Krieg besuchte, schloss ihn bald wieder aus ihrem Unterricht aus, aber sie ermöglichte ihm, als Gegenpol zum Chaos der Welt ein Gefühl für Ordnung zu entwickeln, das ihn auch später nicht verließ. Er arbeite kurz in einer Bank und bereiste dann die Welt, erwarb ausgedehnte Sprachkenntnisse und hörte denen zu, denen er auf seinen Fahrten begegnete. Als Journalist war er bei großen Umbrüchen seiner Zeit dabei und suchte zugleich das Überzeitliche in den Künsten, den Abdruck, den sie in der Welt hinterlassen, während er sich zunehmend dankbar für den Beitrag zeigte, den sie zu seinem eigenen Leben leisteten. Bewusstsein der Gleichzeitigkeit Nootebooms Sensorium für die Kunst in der Welt und die Welt in der Kunst war groß, auch in historischer Hinsicht. Das gilt besonders für die Sprache – Worte besitzen in seiner Welt ein Eigenleben, sie haben eine beinahe materielle Existenz, die sich erkunden lässt wie auf einer Expedition und die Bedeutungen verbirgt, die sich erst nach und nach zeigen. In seinen Texten gibt es die gedehnte Zeit, in der Sekunden zu Ewigkeiten werden und umgekehrt chronologisch weit entfernte Ereignisse ineinander fallen können. Dieses Bewusstsein der Gleichzeitigkeit prägt nicht nur den Erfolgsroman „Die folgende Geschichte“, in dem eine chronologische Kreisbewegung in die Ruhe eines der Zeit entrückten Todesschiffes übergeht, sondern auch den Roman „Allerseelen“, der von einem historischen Moment im gerade wiedervereinigten Deutschland ausgeht und aus dieser Warte die Vergangenheit der Hauptfigur besichtigt und eine Ahnung der Zukunft zulässt. Sein ungeheuer umfangreiches Werk – Gedichte, Feuilletons, Romane, Reisetexte – wird kostbar dadurch, seine Beschreibungen unserer Wirklichkeit zielen aufs Transzendente, ohne je mit dem Okkulten zu flirten. Und wenn er in „Allerseelen“ festhält, „die meisten Lebenden“ seien „genauso unerreichbar wie die Toten“, dann lässt sich der Satz auch umdrehen. Nicht nur, dass der Austausch mit anderen Lebenden, denen, die nicht zu „den meisten“ zählen, eben doch von ungewöhnlicher Intensität sein kann, was im Roman an den Gesprächen dreier Freunde gezeigt wird. Sondern auch, dass, wenn die Lebenden schon die Toten nicht erreichen, das doch umgekehrt möglich ist, etwa durch die Heimsuchung wie im Gedicht „Und heute Nacht“. Nur dass die Stimmen der Dichter dann den Schein des Lebendigen besitzen, eine Präsenz, die auch in „Allerseelen“ immer wieder aufblitzt. Und im Gespräch der Freunde in die Frage aller Fragen mündet: „Möchtest du noch dasein, wenn du nicht mehr bist?“ Mit seinen wirklichkeitssatten und abgründigen Texten erreichte Nooteboom ein großes internationales Publikum, er wurde vielfach ausgezeichnet. Am gestrigen Mittwoch ist er im Alter von 92 Jahren auf Menorca gestorben.
