FAZ 06.05.2026
20:48 Uhr

Carl-Schmitt-Debatte: Sein gefährliches Denken fasziniert noch immer


Carl Schmitts anhaltende Zitierfähigkeit gibt manchem Zeitdeuter Rätsel auf. Im Jüdischen Museum Berlin diskutierten Raphael Gross, Anna-Bettina Kaiser und Jan-Werner Müller auch über eigene Lektüreerfahrungen.

Carl-Schmitt-Debatte: Sein gefährliches Denken fasziniert noch immer

Ist der Mann Ausdruck seiner Zeit oder umgekehrt? Die penible Unterscheidung zwischen kontextueller Variable und individueller Schaffenskraft ist in der ideengeschichtlichen Forschung Standard. Im Fall von Carl Schmitt stellt sich die Frage jetzt ganz aktuell. Ist der fälschlicherweise als „Kronjurist des Nationalsozialismus“ – das waren eher Hans Frank oder Roland Freisler – abgestempelte Rechtsgelehrte heute en vogue, weil die Zeit Carl Schmitts zurückgekehrt ist oder weil er seiner Zeit ein Begriffsangebot machte, dass auch die Nachwelt nicht ausschlagen kann? Eine Podiumsdiskussion in der Veranstaltungsreihe des Jüdischen Museums Berlin zu „Paradoxien der Demokratie“ fragte jetzt „Wer rettet uns vor Carl Schmitt?“ Das impliziert zumindest, dass selbst in einer kritischen Auseinandersetzung noch bewusst oder unbewusst Schmitts Idee vom Katechon, dem „Aufhalter“ nach dem Zweiten Thessalonicherbrief, fortlebt. Hinter der Titelfrage der Berliner Veranstaltung steckte die Frage: Wie kam es dazu – dass die Abwehr Schmittscher Gedanken heute wieder so dringlich scheint? Die vielen Labels, die Raphael Gross, Anna-Bettina Kaiser und Jan-Werner Müller unter der Gesprächsleitung von Mariam Lau für Schmitt verwendeten, „Anti-Liberaler“, „Antisemit“, „Menschenverführer“, sind zweifelsohne zutreffend, an seiner „riesigen weltweiten Rezeption“ (Gross) ändern sie nichts. In manchen Fällen bedingt das eine vermutlich sogar das andere. Ein fester Platz im anti-liberalen Kanon Reizvoll war, dass die drei Intellektuellen jeweils für sich eine persönliche Schmitt-Geschichte erzählen konnten. Die Verfassungsrechtlerin Kaiser von der Humboldt-Universität, die nicht anders konnte, als sich in ihrer Beschäftigung mit dem Ausnahmezustand mit Schmitt zu befassen. Der Ideengeschichtler Müller, der im politikwissenschaftlichen Curriculum der Universität Oxford die anti-liberale Leseliste von Isaiah Berlin nach dessen Tod modernisieren sollte. Oder Gross, Präsident des Deutschen Historischen Museums, der im Geschichtsstudium nicht glaubte, dass es rechte Denker gebe und dann Schmitt entdeckte. Auf einer intellektuellen Ebene ist, wenn man Müller folgt, die Renaissance oder eher Persistenz von Schmitt damit ein liberales wie linkes Produkt, eine Folge des liberalen Brauchs, zwecks Kanonisierung des Liberalismus immer auch einen Anti-Kanon vorzulegen, und einer postmarxistischen Langeweile mancher Linker, denen Marx nicht mehr reichte und die richtige anti-liberale Vordenker suchten. Da Schmitt aber nicht nur in Proseminaren oder verfassungsrechtlichen Aufsätzen herumgeistert, sondern tagesaktuell diskutiert wird, betonte die Politikjournalistin Lau als Moderatorin, dass der Abend „keine akademische Debatte“ werden solle. Im Gegenteil, mit der Innen- und Außenpolitik der Regierung Trumps seien Schmitts Ideen „ganz oben angekommen“. Ein Satz, der die Schwierigkeit, ideengeschichtliche Kontinuitätslinien mit empirischer Kausalität zusammenzuführen, nicht auflöste, aber zum Kern der Schmitt-Faszination vordrang: Bei ihm finden sich Worte, Formeln, Bonmots zur Rationalisierung und Legitimierung – je nachdem, aus welchem Blickwinkel man schaut – einer aus den Fugen geratenen Gegenwart. Der Büchmann-Schmitt der geflügelten Worte gibt heute mit dem „Ausnahmezustand“ den Takt der öffentlichen Debatte vor, denn während sich Rechtskonservative ohnehin in jenem wohlfühlen, kokettiert auch die liberale Neuentdeckung der mit einem verballhornten Gramsci-Zitat beschworenen „Zeit der Monster“ mit dem Ende einer liebgewonnenen Normalität. Dass Schmitt, der in seiner Rezeption schon früh zur Antithese der liberalen Demokratie stilisiert wurde, jetzt aus der Schublade geholt wird, da der (vermeintliche) Fall des westlichen Staatenmodells kommentiert werden muss, überrascht nicht. Völkerrechtliche Großraumordnung statt Universalismus, Reichspräsident statt Verfassungsgericht, knallharter Dezisionismus statt langsame Konsenskultur – wenn man Schmitt mit Schmitt liest, ist im Krisenfall jener souverän, der die Alternative zur Normalität formulieren kann. Dass Schmitt intellektuell ein „gefährlicher Verführer“ sei, wie Kaiser sagte, zeigt nicht zuletzt die von ihr ausführlich referierte Verfassungsgerichtsbarkeitsdebatte. Mehr als 65 Aufsätze wurden in den Weimarer Republik zu dieser Streitfrage verfasst – doch nur Schmitt und Hans Kelsen sind bis heute als verfassungsrechtliche Archetypen bekannt. Nicht zu Unrecht betonte also Gross, dass man „alles, was man bei Schmitt findet“, auch anderswo finde – aber nur bei ihm mit einer solchen unbändigen „Zerstörungslust“, als hätte er nur auf das zeitdiagnostische Buch dieses Titels gewartet. Während man am Ende viel über Schmitt, seinen Reiz und die von ihm ausgehende Gefahr, erfuhr, blieb die Suche nach dem Katechon – dem Wer uns rettet – ergebnislos. Sind es vielleicht doch die in der Literatur zur Ideengeschichte der alten Bundesrepublik bestens eingeführten säkularisierten Schmittianer, die, in Plettenberg geschult, Schmitts Problemaufrisse mit liberalen Synthesen füllen? Ernst-Wolfgang Böckenförde, Reinhart Koselleck, Hermann Lübbe – dass am Ende sogar in die bundesrepublikanische Normalität jene Idee des Ausnahmezustands eingewogen ist, könnte eine der Paradoxien der Demokratien sein, die das Jüdische Museum mit der Kuratierung einer Gesprächsreihe für Alarmierte adressieren möchte.