FAZ 23.01.2026
07:11 Uhr

Caritas-Altenpflege: Demenzkranke häufiger aggressiv


Die Caritas in Wiesbaden hat nach der Konsolidierung einen neuen Vorstand. Der katholische Wohlfahrtsverband sieht sich vor allem in der Altenpflege stark gefordert.

Caritas-Altenpflege: Demenzkranke häufiger aggressiv

Caritas-Vorstand Martin Mertes sieht seine Rolle als Sanierer erfüllt. Nach finanziell schwierigen Jahren sei die Konsolidierung der Caritas aus eigener Kraft gelungen. Die Finanzlage des katholischen Wohlfahrtsverbandes, der in Wiesbaden und dem Rheingau-Taunus-Kreis mit 1200 Mitarbeitern rund 50 Einrichtungen betreibt und 80 Millionen Euro jährlich umsetzt, sei nicht nur stabil, so Mertes. Der Caritasverband sei vielmehr in Zukunft für „kleinere Stürme gewappnet“ und könne sich wieder neuen Projekten widmen. Das Vertrauen zwischen Standortkommunen und Mitarbeitern sei zurückgewonnen, und alle vakanten Führungspositionen wurden zwischenzeitlich besetzt. Mertes sieht damit den perfekten Zeitpunkt gekommen, sein Engagement zu beenden. Der „Neue“ im Caritas-Vorstand ist schon in Wiesbaden angekommen: Otto Bachmeier führt seit Jahresbeginn die Geschäfte des Caritasverbands Wiesbaden-Rheingau-Taunus und hat zugleich die Geschäftsführung der gemeinnützigen Caritas Jugendhilfe GmbH übernommen. Der 57 Jahre alte Bankkaufmann und Ökonom wechselte vom Caritasverband Augsburg nach Hessen. Er bringt Erfahrungen aus der Geschäftsführung in verschiedenen Caritas-Organisationen mit. Bachmeier ist noch dabei, die zahlreichen Einrichtungen der Caritas in der Landeshauptstadt und der Region kennenzulernen und sich einen Überblick zu verschaffen. Von der Politik in Bund und Land erwartet er mehr als ein Handeln „nach Kassenlage“ und eine Gesetzgebung, die sich an der Finanzausstattung orientiert. Skeptisch blickt Bachmeier auf die aktuelle Diskussion um eine Absenkung der Standards in der Kinder- und Jugendhilfe, die für Landkreise und Kommunen einen enormen Kostenblock bedeutet. Frauenhaus vor der Eröffnung Bachmeier will die Caritas auf die sich wandelnden Not- und Bedürfnislagen ausrichten. Im Rheingau-Taunus-Kreis wird die Caritas im Februar ein neues Frauenhaus eröffnen, das mehr Plätze bereitstellen wird als zunächst geplant. Doch Wartelisten hält Bachmeier nicht für zumutbar. Gleichzeitig sei aber nicht jeder kommunale Wunsch nach einer Ausweitung von Angeboten in der Tagespflege finanzierbar. In der zunehmenden Vereinsamung von Senioren sieht Bachmeier eine Herausforderung, auf die Antworten gefunden werden müssten. Reagieren müsse die Caritas auch, wenn Senioren beispielsweise körperlich nicht mehr in der Lage seien, die Ausgabestellen der Tafeln aufzusuchen. Die Caritas müsse solche Versorgungslücken identifizieren und Lösungen finden. Dazu gehört womöglich auch die Gründung einer Bahnhofsmission in Wiesbaden, sofern die Prüfung den Bedarf bestätigt. Immer herausfordernder wird für die Caritas die Altenhilfe. Wie Nadine Morlock, die Geschäftsführerin der Caritas Altenwohn- und Pflegegesellschaft, berichtet, wird der Umgang mit Demenzkranken zunehmend komplexer. Nicht nur weil ihr Anteil in den Altenhilfeeinrichtungen von einst 20 bis 30 Prozent inzwischen auf 50 bis 60 Prozent gestiegen sei. Auch sei der Krankheitsverlauf heute schwerwiegender als vor zehn Jahren. Die Demenzkranken würden immer häufiger aggressiv gegenüber ihrem Umfeld, so die Beobachtung der Caritas in ihren zehn Altenpflegeeinrichtungen. Nach den Erfahrungen von Morlock steigt die Gefahr dieser Ausprägung der Demenz, wenn die Personen in ihrem Berufsleben komplexen Anforderungen und Tätigkeiten nachgegangen seien, beispielsweise in der Wissenschaft. Dann gehe nach einer Erkrankung bisweilen „die Aggression durch die Decke“.