FAZ 22.01.2026
10:52 Uhr

Cancún an Mexikos Karibikküste: Ins Nest der Schlangen bettet man sich gern


Vom Fischerdörfchen zum wichtigsten Urlaubsort Lateinamerikas, und das in nur 50 Jahren: Die Karriere des mexikanischen Retortenortes Cancún ist unglaublich – nicht trotz, sondern wegen seiner Künstlichkeit.

Cancún an Mexikos Karibikküste: Ins Nest der Schlangen bettet man sich gern

Es beginnt mit einem Schwindel und ist doch nicht ganz gelogen. Seit 1683 existiere es, behauptet so kühn wie frech das Restaurant „Lorenzillo“ in Cancún und bringt als Zeugen gleich am Eingang mit Krummsäbel und Hakenhand den Piraten Lorenzo als lebensgroße Plexiglasfigur in Stellung, der in jenem Jahr als echter Korsar an der mexikanischen Karibikküste sein Unwesen trieb. Tatsächlich gibt es das Lokal erst seit 40 Jahren, was für die Verhält­nisse Cancúns allerdings prähistorisch und damit in der chronologischen Rückdatierung gar nicht so sehr aus der Luft gegriffen ist. 400 Jahre, 40 Jahre, was macht das schon für einen Unterschied, Hauptsache alt – und schon haben wir gelernt, dass in dieser Sonnenstadt der Vexierspiele ganz eigene Maßstäbe und Wahrheiten gelten. Das Krokodil ist ein Feinschmecker Das Piratenrestaurant, das sich mit lauter falschen Freibeuterdevotionalien in der Art von Karibikflüchen schmückt, ist auf Langusten spezialisiert. Sie planschen in einer Schaluppe voller Wasser, ihres nahen Endes ungewiss, friedlich vor sich hin, stattliche Tiere von drei, vier Kilo Gewicht, vor der nahen Isla Mujeres von wagemutigen Tauchern gefangen. Zur passenden Begleitung steht ein Weinschrank voller keineswegs gefälschtem Prestige-Champagner von Krug Grande Cuvée bis zu Roederer Cristal bereit, den man sich am schönsten auf der Veranda des Restaurants mit Blick auf die Lagune servieren lässt. Und dort lungert direkt unter den Gästen Lorenza herum, die mit Lorenzo weder verwandt noch verschwägert, sondern ein vier Meter langes Feinschmecker-Krokodil ist, das sich vom entzückten Publikum mit Langusten füttern lässt. So unwirklich wirkt diese Szene, dass wir geneigt sind, das amphibische Raubtier für einen ferngesteuerten, mechanischen Gag zu halten, für eine weitere Inszenierung in der Retortenstadt Cancún – lassen uns dann aber von der Kellnerin davon abhalten, die Bissfestigkeit des Reptils persönlich zu überprüfen. Das würde, versichert sie verlegen lächelnd, uns ganz und gar nicht gut bekommen, weil in Cancún eben nicht alles Echte falsch und nicht alles Falsche echt ist. Cancún ist ein phänomenales Traumgebilde, ein spektakulär geglücktes Menschenexperiment, eine massentouristische Erfolgsgeschichte sondergleichen. Vor einem halben Jahrhundert lebten hier, an der Spitze der mexikanischen Halbinsel Yucatán, wenig mehr als hundert Menschen in einem Fischernest, umzingelt von undurchdringlichem Dschungel und unberührter Küste, belauert von hochgiftigen Korallenottern und übellaunigen Klapperschlangen, denen der Ort seinen Maya-Namen verdankt. Fünf Jahrzehnte später ist aus dem „Nest der Schlangen“ das bedeutendste Urlaubsziel Lateinamerikas und eine Blaupause für den Massentourismus in aller Welt geworden. Auf einer Länge von fünfzig Kilometern reihen sich Hunderte von Hotels mit Zehntausenden Betten aneinander, die Jahr für Jahr allein zehn Mil­lionen ausländische Gäste willkommen heißen, fast so viele wie die gesamte Schweiz. Und die Bewohnerzahl des Fischerdorfes hat sich inzwischen verzehntausendfacht. Die Mär von der verbrannten Erde Es war die Topographie, die Cancún für diese Karriere prädestinierte und die mexikanische Regierung veranlasste, ihr Meisterstück des massentouristischen Retortenexperiments mit einem rigiden, jeden Wildwuchs unterbindenden Masterplan hier zu verwirklichen. Kilometerlange Landzungen umschließen die Lagune Cancúns oder ragen wie spindel­dürre Sporne ins Meer, gesäumt von Stränden bis zum Horizont, so weiß und fein, dass man sie komplett in Sanduhren füllen könnte – so perfekt, so ideal ist diese Geographie für ein Sonnenurlaubsziel, dass man meinen könnte, die Schöpfung habe sie allein zu diesem Zweck erschaffen. Und die Menschen haben sich des Geschenks würdig erwiesen. Cancún straft alle Vorurteile Lügen, dass der Massentourismus zwangsläufig verbrannte Erde hinterlasse, soziale Verwerfungen verursache, die Natur unwiederbringlich zerstöre und dann wie ein Heuschreckenschwarm weiterziehe, um am nächsten Ort sein Vernichtungswerk fortzusetzen. Cancún ist auch fünfzig Jahre nach seiner Geburt aus dem Nichts noch ein hervorragend organisiertes, tadellos funktionierendes Touristenziel ohne nennenswerte Spuren von Patina oder Verfall, das unaufhörlich wächst und längst Menschen aus ganz Lateinamerika ernährt – darunter viele Kubaner, ohne deren Geldüberweisungen das sozialis­tische Vaterland wahrscheinlich längst pleite wäre. Und im Gegensatz zu allen anderen mexikanischen Großstädten sieht man in Cancún kaum Bettler oder Obdachlose, weil alle hierhergekommen sind, um ihr Glück zu machen, sei es auch noch so klein, und sich kein Mitleid mit Gescheiterten oder Schmarotzern leisten wollen. Die Wiege Cancúns ist die Zusammenballung monumentaler, 30 Stockwerke ho­her Fünfsternehotels in allen Spielarten des architektonischen Eklektizismus an der Lagune, eine Massentourismusmaschinerie mit der Skyline eines Manhattans am karibischen Meer, die vor allem bei Amerikanern beliebt ist, nicht nur bei Spring-Break-Studenten, sondern auch bei Urlaubern mit den ganz dicken Brieftaschen. Davon zeugt die Shopping Mall La Isla im Herzen der Hotelzone, die genauso glamourös glitzert wie ihre Schwestern in Dubai und in der die globalen Luxusmarken mit pompösen Filialen in der Größe von Vierzimmerwohnungen vollständig versammelt sind. Ihre Türen werden uns von höflichen Herren in Anzug und Krawatte mit einer an­gedeuteten Verneigung geöffnet, eine passende Geste der Unterwürfigkeit, wenn man bedenkt, dass eine Handtasche hier so viel kostet wie ein Mittelklassewagen und der Halsschmuck kaum weniger als ein Einfamilienhaus – absurd, aber wahr. Schöne Grüße von Marilyn Monroe Cancúns Vexierspiel mit den Maßstäben und Wirklichkeiten erleben wir auch im Amüsierviertel der Hotelzone, nicht weit entfernt vom Langusten-Piraten Lorenzo, mit aller Wucht. Inmitten riesiger Amüsierlokale, in denen Imitatoren von Marilyn Monroe und Freddy Mercury die Illusion der Unsterblichkeit vorgaukeln, Tequila kübelweise zum Gruppenrabatt ausgeschenkt wird und Nenas 99 Luft­ballons Abend für Abend in den Himmel steigen, hält das Restaurant „Hacienda El Mortero“ unverdrossen die Fahne der mexikanischen Authentizität hoch. Die Hacienda ist die Replik eines Konvents aus dem 17. Jahrhundert in Durango im Zentrum Mexikos. Mönche und Erzengel – allerdings aus Plastik – stehen gottesfürchtig Spalier, ein Springbrunnen im Patio plätschert idyllisch vor sich hin, vergilbte Fotos und Schautafeln be­schwören die Geschichte, und sei sie noch so traurig – so wie jene eines früheren Be­sitzers der Hacienda, dem ein Bär den Kopf abbiss und der seither in Vollmondnächten kopflos durch die Gegend reitet. Die Mariachis tragen Sombreros so groß wie Sonnenschirme, zwängen ihre Schmerbäuche in viel zu knappe Zorro-Kostüme und beschallen uns schmachtend mit Klassikern wie „La Guantanamera“ oder „Bésame mucho“. Haargenau entsprechen sie dem Idealbild des einheimischen Volksmusikanten, bis zum letzten Hosenknopf wollen sie wie die In­karnation mexikanischer Authentizität wirken und erreichen doch das genaue Gegenteil: Ausgerechnet sie erscheinen uns in Cancúns Retortenwelt wie Kari­katuren, wie Falsifikate, seltsam deplatziert, inszeniert, simuliert; ausgerechnet sie überzeugen uns davon, wie bequem es sich diese Stadt in ihrer Künstlichkeit eingerichtet hat, wie sehr sie sich von jeder geographischen Verankerung und Verpflichtung gelöst hat, wie selten sie versucht, das zu sein, was sie nicht ist und nicht sein kann – und wie gut sie damit lebt. Äußerst sparsam wird die mexikanische Pittoreske auch in die Costa Mujeres getupft, dem jüngsten Expansionsterri­torium Cancúns auf einer Landzunge im Norden der Stadt. Hier haben die Hotels wie das erst vor drei Jahren eröffnete RIU Latino zwar auch fast durchgängig fünf Sterne wie jene an der Lagune, dafür aber nur fünf Etagen. Und sie gönnen sich ganz nach dem europäischen All-inclusive-Geschmack ausgedehnte Poollandschaften, die sich zu einem breiten Meeresstrand öffnen. Das Hotel ist nur eines von einem halben Dutzend Häusern des spanischen Ferienhotelimperiums RIU in Cancún, das eng mit dem Tourismuskonzern TUI verflochten und ein weiteres Beispiel für die Haltbarkeit des Erfolgs dieses mexikanischen Megaurlaubsziels ist. Für RIU und TUI spielt die mexi­kanische Karibikküste heute eine größere Rolle als Kuba oder die Dominikanische Republik, massentouristische Pio­nier­­ziele wie Cancún, die sich aber längst mit Wildwuchs und Willkür ihr eigenes Grab schaufeln. Im Kokon der Künstlichkeit lässt es sich gut urlauben Dienstbare Geister setzen im RIU La­tino den Gästen aus aller Welt Sombreros auf und machen Beweisfotos von ihnen oder fahren mit Wägelchen voller Schnaps als mobile Barkeeper über das Hotelgelände, eine ferne Erinnerung an die fliegenden Händler in Mexikos Städten. Auch sonst sind überall fleißige Menschen damit beschäftigt, das Leben der Touristen so angenehm wie möglich zu machen – auch das der vielen amerikanischen Gäste, wobei die Herren gern T-Shirts mit Liebesbekundungen an Sportmannschaften, Whiskeysorten und Motorradmarken tragen und sich die Damen bei der Abendgarderobe unter fröhlicher Missachtung ihres Body Mass Index ein Beispiel an den Zorro-Mariachis nehmen – niemand rümpft die Nase, alles ist erlaubt, Toleranz die oberste Urlauberpflicht, so schön können Ferien sein. Dass die mexikanischen Hotelan­gestellten möglicherweise die Cousins und Cousinen jener Menschen sind, die in Trumpistan gerade wie Niederwild bei der Treibjagd verfolgt werden, muss hier niemanden interessieren – und wir begreifen, dass gerade das ein weiteres von Cancúns Erfolgsgeheimnissen ist: Man kann, man muss sich aber nicht für vieles oder für nichts interessieren. Cancún hüllt seine Besucher zwar in einen Kokon der Künstlichkeit, doch es findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern in einer Wirklichkeit, die jeder nach seiner Fasson auf Distanz halten kann. Man nimmt seinen Drink am Strand des RIU Latino, blickt auf die vorgelagerte Isla Mujeres und bleibt, wo man ist, oder auch nicht. Wir nehmen selbstverständlich ein Touristenboot auf das sieben Kilometer lange, einen Kilometer breite Inselchen, das schon vor Jahrhunderten von den Mayas besiedelt war und 1517 von Francisco Hernández de Cór­doba für die Europäer entdeckt wurde – und da offensichtlich alle Männer gerade draußen zum Fischen und die Frauen ganz allein auf der Insel waren, hatte der Conquistador schnell den Namen Fraueninsel zur Hand. Wir sind nicht allein. 50.000 Tages­besucher überschwemmen Tag für Tag das Eiland, machen auf dem Weg dorthin einen Schnorchelstopp am Korallenriff und stellen die Besatzungen der Boote vor die Herausforderung, das richtige, also ihr Menschenknäuel aus den Hun­derten orangenfarbener Rettungswesten wieder herauszufischen und so eine babylonische Verwirrung an Bord zu vermeiden. Auf der Isla Mujeres schwimmen wir dann an einem der schönsten Strände Mexikos unter Kokospalmen in Gesellschaft von Pelikanen und essen am Strand mit den Füßen im Sand wunderbare Meeresfrüchte. Ständig werden wir gefragt, ob wir Bedarf an Kokosnuss, Eiscreme, Massage, Tequila oder Golfwägelchen haben, doch hier zerrt das nicht an unseren Nerven, denn die Freundlichkeit der Menschen verhindert jede Frustration. In Dutzenden von Souvenirgeschäften könnten wir Maya-Masken aus Zedernholz erstehen, die mit den Wappen der beliebtesten Mannschaften aus NBA, NFL, NHL verziert sind, und uns in den Apotheken rezeptfrei mit einem ganzen Strauß an dubiosen Präparaten von Anabolika bis zu Abnehmspritzen eindecken, die vor allem bei Amerikanern beliebt sind. Und wenn sie schon von der Frucht des Verbotenen gekostet haben, können sie sich auch mit der Hocharistokratie der kubanischen Zigarrenkultur von Cohiba über Pártagas bis Romeo y Julieta eindecken und zum Zollschmuggler werden. Plötzlich wirkt Cancún wie eine Fata Morgana Doch das ist nur das eine Gesicht der Isla Mujeres. Das andere ist die Heimat gelassener Einheimischer, die trotz des Massenansturms ihre innere Ruhe nicht verloren haben. Sie leben in bescheidenen Ortschaften, in denen es vor Tortillerías und Taquerías, nicht vor Andenkenläden wimmelt, hocken zwischen dösenden Hunden auf Plastikstühlen vor der Haustür, grüßen jeden, haben immer Zeit für einen Schwatz und grillen abends auf umgebauten Ölfässern dieselben grandiosen Langusten, die der Pirat Lorenzo in Cancún auftischt. Fünf Fischerkooperativen mit tausend Fischern gibt es noch auf der Isla Mujeres, für die der Fischfang genauso wichtig ist wie der Tourismus. Und spätestens mit der Abenddämmerung sind die meisten der 50.000 Besucher verschwunden, und die Insel lebt für ein paar Stunden wieder so, als sei die Skyline der touristischen Trutzburgen auf dem Festland eine Fata Morgana, als sei das Echte wieder einmal nur eine Einbildung. An der Südspitze des Eilands zeugen die Überreste eines echten Maya-Tempels von der präkolumbianischen und prätouristischen Geschichte der Isla Mujeres. Er ist Ixchel geweiht, der Universalgöttin für Fruchtbarkeit, Liebe, Medizin, Überfluss und allerlei mehr, die als überlebensgroße Plexiglasskulptur mit Russ-Meyer-Monumentalbrüsten und einer Schlange auf dem Kopf als Selfie-Motiv vor dem Tempel bereitsteht – und wieder passt zwischen das Echte und Falsche kein Blatt. Berührt man die Göttin an der richtigen Stelle, so heißt es, wird jeder Schwangerschaftswunsch erfüllt. Und sollte die Ehe­gattin nach der Geburt eines Tages untreu werden, so lautet ein anderer Mythos, wird sie zur Strafe in einen Leguan verwandelt – von denen sich Dutzende in aller Seelenruhe an der Steilküste beim Tempel hoch über dem tosenden Meer sonnen. Wir betrachten sie still und fragen uns, ob göttliche Flüche auch für Touristen gelten und das eine oder andere Tier aus einem Urlaubsflirt entstanden sein könnte, Gelegenheit gibt es dazu in Cancún schließlich genug. Dann wird es höchste Zeit, den Göttern direkt ins Angesicht zu blicken. Wir verlassen Cancún in entgegengesetzter Richtung und nehmen den Tren Maya ins Landesinnere. Dreißig Milliarden Dollar hat das 1500 Kilometer lange Streckennetz gekostet, das die wichtigsten Ruinenstätten und Kolonialstädte in Yucatán miteinander und wie eine Nabelschnur Cancúns Künstlichkeit mit Mexikos Wirklichkeit verbindet. Der Zug ist trotz horrender Kosten und der einen oder anderen Grobheit gegenüber der lokalen Bevölkerung der ganze Stolz der mexikanischen Regierung, allen voran der Bahnhof in Cancún, der wie eine Mischung aus futuristischer TGV-Station auf freiem Feld und der großen Schwester von Mies van der Rohes Berliner Nationalgalerie aussieht. Und unser unablässig von Putzkolonnen mit Wischmob sauber gehal­tene Zug wird von derart viel Polizei bewacht, als seien nicht wir, sondern Papst und Präsident an Bord. In anderthalb Stunden bringt uns der Tren Maya durch den brettflachen Dschungel Yucatáns in die Kolonialstadt Valladolid, die der Tourismus wie ein tropisches Dornröschen wachgeküsst hat. Aus dem verschlafenem Provinznest, dessen Siesta bei unserem letzten Besuch vor einem Vierteljahrhundert niemals zu enden schien, ist ein lebendiges Städtchen voller Bars und Boutiquehotels, Restaurants und Kunsthandwerkateliers ge­worden, gespickt mit allen Ingredienzien einer mexikanisch-spanischen Schatztruhe: gepflasterte Straßen im Schachbrettmuster, einstöckige Häuser in leuchtenden Tropenfarben von Mango-Gelb bis Papaya-Orange, bodentiefe Fenster mit kunstvoll geschmiedeten Gittern und kecken Stuckhauben darüber, Patios mit Papageien und Kaskaden von Efeu. Flamboyant und Oleander, Palmlilien und Meermandelbäume schmücken die Plaza Mayor und locken Einheimische und Touristen gleichermaßen auf die magnolienweißen Eisenbänke, um brüderlich und schwesterlich den Zaunkönigen und Sperlingen bei ihrem Abenddämmerungskonzert zu lauschen – größer könnte der Kontrast zu Cancún und entspannter die Stimmung an diesem Ort nicht sein, an dem alles gewachsen und nichts erfunden ist und uns plötzlich ein eigenartiges Gefühl übermannt: Valladolids Wahrhaftigkeit kommt uns Cancúns Künstlichkeit nicht haushoch überlegen vor, sondern ebenbürtig, weil beide Orte mit demselben Recht existieren. 500 oder 50 Jahre machen da keinen Unterschied. Bestärkt wird unser Eindruck eine halbe Stunde westlich von Valladolid von einem Menschheitserbe, das nur auf den ersten Blick ein noch viel größerer Ge­gensatz zu Cancún ist: die Maya-Ruinen von Chichén Itzá mit ihrer gewaltigen Pyramide des gefiederten Schlangengottes Kukulkán, ein astronomisches Schlüsselbauwerk, das nicht nur das Weltall auf Erden widerspiegelt, sondern mit seinen 365 Stufen auch eine steinerne Inkar­nation des Kalenderjahrs ist. Kukulkán schlängelt sich spektakulär die zehn Ebenen der Pyramide hinunter und wird dank der exakt kalkulierten Exposition des Bauwerks bei der Tag-und-Nacht-Gleiche so effektvoll von der Sonne an­gestrahlt, dass er zu glühen beginnt und lebendig zu werden scheint, ein Wunder der Verwandlung, hinter dem nur die Götter stecken können. Wir dürfen es nicht erleben, setzen uns stattdessen ins Gras, betrachten Kukulkán und spüren trotz der Heerscharen von Souvenirhändlern, Horden von marodierenden Hunden und Massen an Strandurlaubern auf Kulturkurzreise, dass Chichén Itzá ein Ort voller Mystik und Mysterien, voller Sakralität und Spiritualität ist, nur vordergründig der genaue Gegenentwurf zur Profanität Cancúns und in Wahrheit ein Wesensverwandter: Chichén Itzá ist genauso unwirklich wie Cancún, genauso radikal aus dem Nichts im Nichts erschaffen, genauso ein Fanal menschlicher Willenskraft, das keinem anderen Ziel als der Anbetung der Sonne dient. Die Maya machen es längst nicht mehr, die Menschen in Cancún wahrscheinlich noch sehr lange. Informationen: Eine Woche im RIU Latino in Cancun kostet ab 1560 Euro pro Person im Doppelzimmer, inklusive Flug ab Deutschland, Transfer und All Inclusive. Eine Woche im neu eröffneten RIU Ventura in Cancún kostet ab 1567 Euro pro Person im Doppelzimmer, inklusive Flug ab Deutschland, Transfer und All Inclusive (www.tui.com). Die Ganztagestour ab Cancún mit Besichtigung der Maya-Ruinen von Chichén Itzá ist direkt bei TUI Musement auf der Website (www.tuimusement.com/de/), per App oder direkt im Hotel buchbar und kostet 136 Euro pro Person.