Der Januar ist der Wonnemonat der Klausurtagungen. Allerlei Parteien versuchen sich daran. Doch zumindest in dieser Disziplin ist die CSU bisher unerreicht. Auch deren Klausurtagungen können, wenn man sie live erlebt, desillusionierend sein. Und doch ist es der Partei gelungen, ihr Bild in mythische Höhen aufsteigen zu lassen: Kreuth, Kloster Banz, Kloster Seeon. Besonders Kreuth, die ehemalige Bildungsstätte der Hanns-Seidel-Stiftung am Tegernsee, die inzwischen von der CSU zugunsten Seeons aufgegeben wurde, hat heute noch einen Ruf wie Donnerhall. Aber auch der musste erst einmal wachsen, gehegt und gepflegt werden. Friedrich Zimmermann, von 1976 bis 1982 Vorsitzender der CSU-Landesgruppe im Bundestag, beschreibt in seinem Buch „Kabinettstücke. Politik mit Strauss und Kohl 1976 bis 1991“ die aus heutiger Sicht legendäre Klausurtagung 1976 als phasenweise sehr prosaisch. Der Tagungsraum sei von „entmutigender Funktionalität“ gewesen: „kahl, langgestreckt, zwei Blockreihen einfacher Stühle zum Hinundherwetzen“. Die Abgeordneten hätten „auf die Erleuchtung“ durch die Rede des Parteivorsitzenden Strauß gewartet – und seien enttäuscht worden. Strauß habe „über alle möglichen landespolitischen Themen“ gesprochen, „sogar die Lehrerbildung kam wieder einmal dran“. Jedoch: „Man wollte eigentlich etwas anderes hören.“ Heute ist hinlänglich bekannt, dass bald danach eine ganz andere Dynamik entstand. Sie führte schließlich zum Kreuther Trennungsbeschluss, also der Entscheidung der CSU-Landesgruppe, die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU im Bundestag zu beenden. Die Entscheidung wurde zwar später wieder aufgehoben. Trotzdem wären ohne diesen Beschluss Klausuren der CSU, ja die ganze Partei nicht das, was sie heute, bei allen Problemen, immer noch sind. Mit Überraschungen ist zu rechnen Max Straubinger, langjähriger CSU-Bundestagsabgeordneter, sagt, der „Mythos Kreuth“ und der „Kreuther Geist“ hätten ihren Ursprung in dem „Paukenschlag“ von 1976, dieser sei einem „politischen Erdbeben“ gleichgekommen. Hartmut Koschyk, früherer Bundestagsabgeordneter und von 2005 bis 2009 Straubingers Vorvorgänger als Parlamentarischer Geschäftsführer der Landesgruppe, sagt: „Es ging damals um eine Machtdemonstration der CSU.“ Seit Kreuth 1976 „wurde und wird immer wieder spekuliert, mit welcher Überraschung man bei einer Klausurtagung der CSU-Landesgruppe rechnen musste/muss“. Die CSU hat die hohen Erwartungen nicht immer erfüllt, aber doch oft genug, dass Journalisten fürchten mussten, etwas zu versäumen, wenn sie nicht nach Kreuth fuhren. Koschyk erinnert zum Beispiel an das Jahr 2007. Damals habe die Landesgruppe in Kreuth Edmund Stoiber als Ministerpräsident zunächst noch gestützt, Tage später habe ihn dann die Landtagsfraktion am selben Ort faktisch gestürzt. Auch Klaus Holetschek, früherer Bundestagsabgeordneter und heute Chef der CSU-Landtagsfraktion, sagt: „Unvergessen bleibt Kreuth 2007, als Edmund Stoiber nach parteiinternen Spannungen und öffentlichem Druck den Weg für einen personellen Neuanfang freimachte – ein Einschnitt, der zugleich für den erneuten Anspruch der CSU auf Geschlossenheit und Erneuerung stand.“ Derlei ist nicht immer planbar. Anders verhält sich das mit der Verbreitung der Beschlusspapiere, die schon vor Beginn der Klausur den öffentlichen Diskurs (etwa über Migration) befeuern und auf der Klausur debattiert werden sollen. So jedenfalls lautet die Theorie. Wie es eigentlich läuft, sagt der ehemalige CSU-Vorsitzende Erwin Huber: Es handele sich bei den Papieren um „leicht verspätete Silvester-Raketen: bunt, laut, singulär“. Sie müssten Botschaften mit „klarer Kante“ enthalten. „Ob in Regierung oder Opposition – hier spricht die CSU!“ In der politischen Wirklichkeit komme den Papieren keine große Rolle zu. Sie würden von den Bundestagsabgeordneten „kaum gelesen“ und auch bei der Klausur „nicht intensiv diskutiert“ – „das laute Abschießen ist ihr Zweck“. Der Termin ist ideal Huber, Straubinger und Koschyk weisen unisono auf die ideale terminliche Lage der CSU-Winterklausuren hin, insbesondere die der Landesgruppe, auf die kurz danach die Klausur der Landtagsfraktion folgt. „Es ist die erste bedeutende politische Veranstaltung zu Beginn eines neuen Jahres“, sagt Koschyk. Für Berliner Hauptstadtjournalisten, die zuletzt wieder zuhauf nach Seeon gekommen sind, bietet der Termin die Gelegenheit, der Dysfunktionalität ihres Arbeitsorts zu entfliehen oder zwanglos ihren Skiurlaub in Seeon mental ausklingen zu lassen. Dass die Klausur dort in diesem Jahr mit dem Stromausfall in Berlin zusammenfiel, war für die CSU eine glückliche Fügung: So ließ sich der Kontrast zwischen dem angeblichen Babylon des Nordens und der vermeintlich heilen Welt des Südens noch stärker als sonst akzentuieren. Teilnehmende F.A.Z.-Beobachtungen über Jahre zeigen, dass sowohl Politiker als auch Journalisten nach den für viele eher bräsigen Feiertagen neue Lust haben auf Input wie Output. Die CSU-Klausuren sind gute Rampen, um geschmeidig ins neue Jahr zu rutschen: In den Pressekonferenzen werden Informationen verlässlich und in bekömmlichen Portionen geliefert, auch das Essen fällt gegenüber den Festtagen kaum ab. Noch wichtiger ist das Wetter. 1976 in Kreuth war das misslich. Die Klausur fand allerdings auch im November statt, nach der Bundestagswahl. Zimmermann schreibt darüber: „Ein wunderschöner Ort, aber im November hat er, wie die meisten Orte in unseren Breiten, seinen Charme in die Mottenkiste gepackt.“ Seit 1978 findet die Klausur regelmäßig im Januar statt. Der Januar bietet die größte Schneesicherheit. Schnee ist wichtig. Er gibt den CSU-Topleuten nicht nur die Gelegenheit, in spektakulären Winterjacken (Dobrindt!) aufzutreten, sondern hilft vor allem, das typische Bild zu transportieren, das man etwa in Kiel oder Schwerin von Bayern hat. Laut Huber: „Schnee, Berge, Kirchturm.“ Außerdem insinuiert der Schnee, dass sich die wackeren CSU-Kämpfer nicht einmal von ihm haben abhalten lassen, ihr Grundlagentraining fürs Jahr durchzuziehen. Man kennt diesen Effekt aus dem Film Rocky IV, in dem sich der Boxer Balboa in Eis und Schnee auf den Kampf gegen Ivan Drago, den Klassenfeind, vorbereitet. Keine Statements im Nebel und bei Glatteis Es gibt dafür allerdings Einschränkungen: Als es dieses Jahr neblig war im oberfränkischen Banz, fanden die Pressestatements der Fraktionsklausur überwiegend im Warmen statt. Nicht dass am nächsten Tag in der Zeitung steht: „CSU stochert im Nebel.“ In Seeon verzichtete der frisch an der Hüfte operierte CSU-Chef Markus Söder darauf, sich auf den schwer kalkulierbaren Boden vor der Tagungsstätte zu begeben. Auch Glatteis lädt Journalisten ja gern zu Wortspielen ein. Und ungünstige Bilder drohen auch. Eng korreliert mit dem Wetter ist der Tagungsort. Laut Straubinger hat er „enorme Bedeutung“. Als Kreuth von der CSU aufgegeben werden musste, weil nach ihren Angaben die Pacht massiv erhöht werden sollte, war es schwer, adäquaten Ersatz zu finden. Straubinger gehörte zu denen, die lange gesucht haben – und dann aufs oberbayerische Seeon gekommen sind. Das gilt jetzt, nach der zehnten Landesgruppenklausur dort, allgemein als würdiger Nachfolger. Anders als der Erholungsort Kreuth wird über Seeon als „Kloster Seeon“ gesprochen, wie von Banz als „Kloster Banz“. Obwohl es sich dabei nicht mehr um aktive Klöster handelt, verstärkt der Begriff den gewünschten Eindruck, dass sich die Abgeordneten vom Lärm und Tand der Welt abwenden und nach innen gehen. Klöster haben eine große Bildungstradition. Kreuth war zwar kein Kloster, hatte aber etwas Klösterliches, gerade in der Kargheit der Ausstattung. Theo Waigel, Landesgruppenchef von 1982 bis 1989, arbeitete mit diesem narrativen Material und lud Intellektuelle und Dichter zu den Klausurtagungen ein, Martin Walser etwa. Dessen Schafkopfspiel mit CSU-Granden in Kreuth symbolisiert exakt die Verbindung von Gegensätzen, die für die Volkspartei CSU lange sinnstiftend und stilbildend war. Dieser Traditionsstrang ist inzwischen abgerissen. Leute wie den angeblichen Digitalvordenker Frank Thelen („Schulz und die SPD sind nicht mein Ding“), 2018 zu Gast in Seeon, kann man jedenfalls kaum auf eine Stufe mit Walser oder Reiner Kunze stellen. Eine zentrale Erfordernis für den Klausurort lautet, dass er abgelegen ist – oder zumindest die Anmutung von Abgelegenheit erzeugt. Holetschek spricht von der „Aura des Rückzugsorts“. Insbesondere in Kombination mit prominenten und mächtigen Klausurgästen, von denen es bei CSU-Klausuren viele gab – den amerikanischen Verteidigungsminister Dick Cheney etwa oder NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg –, fügt sich das aus Parteisicht zu einer unschlagbaren Botschaft: Selbst den Großen dieser Welt ist kein Weg zu weit, um zur CSU zu kommen. Bei den Gästen, so Huber, stehe der Prestigewert im Vordergrund. „Die kleine CSU ist dann ganz groß!“ Das gilt nicht zuletzt im Verhältnis zur CDU. Von der will man sich bei den Klausuren nämlich immer noch abgrenzen. Vielleicht nicht durch einen Trennungsbeschluss, aber durch anstößige Gäste wie vor einigen Jahren Viktor Orbán oder durch prometheische Forderungen („weniger Bundesländer“). Wichtig ist, dass der Ort schwer zugänglich ist Es reicht übrigens nicht, dass der Klausurort abgelegen ist, er muss auch schwer zugänglich sein. Kloster Banz zum Beispiel thront auf einer Anhöhe, es lässt, gerade wenn es im Nebel liegt, an Kafkas Roman „Das Schloss“ denken. Seeon wiederum liegt auf einer Halbinsel im Klostersee. Man muss sich, ehe man vorgelassen wird, zweimal bei der Polizei ausweisen. Es gehört zum Gesamtkunstwerk Seeon und zum Selbstverständnis der CSU als Partei der inneren Sicherheit, dass sogar ein Peter Ramsauer, ehemals Landesgruppenchef und Bundesminister (wer kennt ihn nicht!), dieses Jahr vom polizeilichen Prozedere nicht verschont blieb, auch wenn ihm das nicht behagte. Das Unzugängliche geht Hand in Hand mit dem Arkanen. Was passiert da hinter den dicken Mauern? Alexander Hoffmann, seit diesem Jahr Landesgruppenchef, befeuert die Phantasie: „Den Geist unserer Klausurtagungen, den gibt es wirklich.“ Und er fügt, nicht weniger geheimnisvoll, hinzu: „Dieser Geist entsteht durch den äußeren Druck einer Situation, dem die innere Geschlossenheit verbunden mit der festen Entschlossenheit zum Erfolg entgegengesetzt wird.“ Der Begriff Klausur leitet sich ab von lateinisch claudere („schließen“). Er bezeichnete einst im Kloster den abgegrenzten Bereich, der den Ordensangehörigen vorbehalten war und den diese nur mit Erlaubnis des Oberen verlassen durften. Ganz so ist es nicht mehr. Heutige Klausuren kennzeichnet ein Spiel mit Einschluss und Ausschluss. Das beherrscht die CSU nach wie vor besser als jede andere Partei. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum sie weiter so viel, um nicht zu sagen: unverhältnismäßig viel Aufmerksamkeit bekommt. Es ist eine Frage der medialen Kapazitäten und der Gewohnheit. Auch ist die CSU halt immer noch die stärkste Kraft im Freistaat. Florian Streibl, dessen Vater Max einst für die CSU bayerischer Ministerpräsident war, hat zuletzt als Fraktionschef eine Klausur für seine Partei, die Freien Wähler, abgehalten. Sie ziehen mit ihren Klausuren quer durch Bayern. Diesmal waren sie in Berchtesgaden. Einige interessante Themen wurden bearbeitet, es gab vielversprechende Bildmotive, etwa die Jenneralm. Aber das Interesse reichte nicht an das bei der CSU heran. Was fehlt der Klausur der Freien Wählern zum Legendenstatus? Streibl sagt, mit Bezug auf die CSU-Klausur 1976: „Legendär wird es meist dann, wenn Grundsätzliches infrage gestellt wird – auch Dinge, die man vielleicht besser unangetastet gelassen hätte.“
