FAZ 29.09.2026
14:48 Uhr

CDU-Richtungsstreit: Was war Christdemokratie?


Die CDU sucht nach einer neuen Erzählung, um die Wählergunst zurückzugewinnen. Das intellektuelle Erbe, auf dem der Erfolg der Partei beruht, haben die Parteifunktionäre allerdings verkümmern lassen.

CDU-Richtungsstreit: Was war Christdemokratie?

Seit dem Scheitern der CDU an der Fünfprozenthürde in Mecklenburg-Vorpommern geht in den Führungsetagen der Partei die Angst vor dem eigenen Verschwinden um. In einer düsteren Fraktionssitzung kam der Bundeskanzler auf das neue Buch des Journalisten Roger de Weck zu sprechen, der in „Glanz und Elend der Konservativen“ auf die enorme Bedeutung von Mitte-rechts-Parteien für die Stabilität parlamentarischer Demokratien verweist – und damit auf die Gefahr einer Bundesrepublik ohne Union. Liest man den bei Suhrkamp erschienenen Titel, erkennt man allerdings, dass Merz’ Lektüretipp den Eindruck der Ratlosigkeit der Partei nur verstärkt: De Weck hat zwar viel dazu zu sagen, wieso das Land die CDU braucht, aber darüber, was die Partei mit dem Land anstellen will, was für eine Zukunft und Gesellschaft sie vertritt, sagt er wenig. Die Antworten auf diese Fragen kann der Journalist der Partei nicht abnehmen. Die Parteifunktionäre konnten über das Problem inhaltlicher Leere lange hinweggehen. Unter Merkel, weil gekonntes Verwalten jede Programmatik entbehrlich erscheinen ließ, unter Merz, weil man dachte, wirtschaftsliberale Rhetorik werde ausreichen, um die Herzen der Wähler zu gewinnen. Jetzt, da der Kanzler nach einer „Erzählung“ für seine Vorhaben sucht, fällt auf, dass die Partei in weltanschaulicher Hinsicht mit leeren Händen dasteht. Schon seit einigen Jahren hört man aus dem Umfeld der Union Klagen darüber, dass es kaum noch Abgeordnete gebe, die mit dem christlichen Menschenbild eine substanziellere Verbindung pflegten als die Erwähnung in Parteitagsreden. Und auch bei de Weck spielt die christdemokratische Tradition nur eine nachrangige Rolle. Dabei sollte die Christdemokratie das eigentliche intellektuelle Kapital der Unionsparteien bilden, nicht das „Konservative“ und auch nicht „die bürgerliche Mitte“. Die Christdemokratie gehört zu den erfolgreichsten politischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts. Wer ihre Geschichte und Vorgeschichte kennt, weiß, welche riesige Lücke ihr Verschwinden reißen würde. Gegen Markt und Staat Der Anfang dieser Erfolgsgeschichte liegt, wie der in diesem Jahr verstorbene Politikwissenschaftler und CSU-Politiker Hans Maier gezeigt hat, bei den für die Kirche traumatischen Erfahrungen der Französischen Revolution – dem Sturz und der Hinrichtung des Königs, den Enteignungen von Kirchengut, dem kurzzeitigen Versuch, einen jakobinischen Vernunftkult an die Stelle des christlichen Gottesdienstes zu setzen. Lange schien es so, als stehe insbesondere die katholische Kirche auf der Verliererseite der Geschichte. Doch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigte sich, dass vielmehr die liberale, überwiegend protestantische Konzeption bürgerlicher Gesellschaft unter Druck geraten war. Nicht nur kam es zu einem überraschenden Wiederaufleben der Volksfrömmigkeit mitsamt Wallfahrten und Marienerscheinungen (wie im saarländischen Marpingen 1876). Vor allem die mit der Industrialisierung einhergehende Verarmung breiter Schichten tauchte das auf Vertrag und Individualität bauende liberale Gesellschaftsmodell in ein unmenschliches Licht. Hierauf entstand eine ausgesprochen breite katholische Vereins- und Karitativbewegung, von den mit Adolph Kolping assoziierten Gesellenvereinen bis zum späteren katholischen Volksverein unter Franz Brandts und Franz Hitze. Politisch setzte sich die Vertretung eines katholischen Standpunkts mit der Zentrumspartei durch, die als Gegner des bismarckschen Kulturkampfs großen Zuspruch erhielt. Das, wogegen sich der soziale und politische Katholizismus wandte, war das radikale Doppelgesicht der liberalen Welt: die Vermarktlichung der sozialen Beziehungen, wo vorher Familie, Zunft und Gemeinde den Egoismus im Zaum hielten, und die Säkularisierung des Staates, der sich anmaßte, die Ehe zum Verwaltungsakt und den Unterricht zu einer areligiösen Angelegenheit zu machen. Gegen beides, bald auch mit der Unterstützung der päpstlichen Lehre, setzte die katholische Bewegung sich erstaunlich erfolgreich zur Wehr. Was die katholischen Parteien West- und Mitteleuropas hierbei durchzusetzen halfen, war jedoch keine Restauration der hierarchischen christlichen Staaten Alteuropas, obwohl die Kirche an ihrer alten Staatslehre zunächst noch festhielt, sondern ein aus christlichem Geist begründeter Schutz konkreter Gemeinschaften vor den inhumanen Kräften der Moderne: Schutz des Handwerks, der Arbeiterbevölkerung, vor allem der Arbeiterfamilie, der Landgemeinde, auch des volkstümlichen Bedürfnisses nach religiöser Erziehung. Im Kaiserreich war das Zentrum daran beteiligt, die Sonntagsruhe und die Sozialversicherungen einzuführen. Zeitweise die zweitstärkste Kraft im Reichstag, emanzipierte die Partei sich früh von der klerikalen Hierarchie; ihr in der Praxis überwiegend überkonfessionell und säkular lesbares Programm machte sie wählbar für breite Schichten. In der Weimarer Republik schließlich gehörte das Zentrum zu den wenigen tragenden Säulen der Demokratie. Der eigentliche Siegeszug aber begann nach dem Zweiten Weltkrieg. Anders als die Konservativen waren die Christdemokraten, als die sie sich nun überkonfessionell wieder gründeten, nicht diskreditiert, weil ihnen der radikale Nationalismus immer fremd geblieben war. Dies machte sie in Westdeutschland, Belgien, Frankreich und Italien zu den geborenen Vertretern eines europäischen Friedensprojekts. Doch nicht nur das. Anders als ihre konservativen Verwandten konnte die christdemokratische Parteienfamilie auf eine lange Tradition populärer Sozialpolitik zurückschauen, die zur Stabilisierung der Nachkriegsgesellschaften so wichtig werden sollte. Der deutsche Sozialstaat – das wird oft vergessen – trägt größtenteils christdemokratische Züge. Eine Renaissance? Von Adenauers großer Rentenreform 1957, welche die Alten an der Wirtschaftsentwicklung teilhaben ließ, über die industrielle Mitbestimmung, Regionaltransfers im Dienst „gleichwertiger Lebensverhältnisse“, Agrarsubventionen, Eigenheimförderung, Ehegattensplitting, Kindergeld bis zu den zu großen Teilen kirchlich getragenen Sozial- und Fürsorgediensten: Überall machte sich in der Bundesrepublik eine spezifisch christdemokratische Weltanschauung geltend. Familien- und mittelschichtsorientiert, kritisch gegenüber Markt und Staat, haben die Unionsparteien eine eigene Gesellschaftsordnung verwirklicht, die nur bei zugekniffenen Augen mit den Idealbegriffen liberaler Staatlichkeit beschrieben werden kann. Eher trifft man die Sache, wenn man darin so etwas sieht wie eine Institutionalisierung der katholischen Lehre von der Gemeinschaftsbezogenheit und -gebundenheit der Person, deren sozialer Ort – die Familie, die Gemeinde, die Berufsgenossenschaft – beschirmt und beschützt werden muss. So erfolgreich und populär diese Tradition auch war, an sie kann freilich in den heutigen Richtungsdebatten der Union nicht ohne Weiteres angeschlossen werden. Dazwischen liegt nicht nur die ungeheure Individualisierung und Säkularisierung des gesellschaftlichen Lebens, die einige alte christdemokratische Forderungen gegenstandslos gemacht hat, sondern auch die Globalisierung, seit deren Siegeszug Politik nur noch um Wachstum und „Wettbewerbsfähigkeit“ kreist. Die damit einhergehende „Freidemokratisierung“ (Thomas Biebricher) der CDU hat die Partei in einem Maße von ihren einstigen sozialkatholischen Ambitionen entfremdet, dass es kühn wäre, ihr ohne Weiteres eine christdemokratische Neuausrichtung zu empfehlen. Dabei gäbe es genügend Gründe, einen frischen Blick in die Kompendien der katholischen Soziallehre zu werfen, wie Papst Leo XIV. aktuell unter Beweis stellt: Unkontrollierte Technologien, die von Social Media bis KI die Arbeits- und Lebenswelt ganzer Generationen umstürzen, ein kaputtreformiertes Bildungssystem, die neue Konjunktur der Wohnungs- und Bodenfrage, um sich greifende Vereinsamung und Atomisierung, nicht zuletzt die Wiederentstehung des aggressiven Nationalismus gäben einer Programmatik, die aus dem Vollen eines anderen Menschen- und Gesellschaftsbildes schöpft als dem der ungebundenen Freiheit, ein mächtiges Fundament. Das Ziel, die Kräfte von Markt, Technik und Staat auf ein menschliches Maß zu bringen, fände womöglich auch Zuspruch in einer Gesellschaft der Halb- und Nichtmehrgläubigen. Aber versteht die Union diese Ziele noch? Hat sie noch einen historischen Sinn für die von ihr und ihren Vorgängern erbrachten Leistungen? Fänden sich in der Partei Fürsprecher? Hier und da meldet sich tapfer der christlich-soziale Parteiflügel zu Wort. Wer allerdings beobachtet, wie unbeirrbar der Kanzler nach einer gefühlvollen Begleitung seines im Kern technokratisch-liberalen Programms sucht, wird geneigt sein, diese Fragen zu verneinen.