FAZ 14.01.2026
18:31 Uhr

CBS-Anchorman Dokoupil: „Sie kommen zuerst!“, verspricht er den Zuschauern


Die Nachrichten des US-Senders CBS haben ein neues Gesicht, und der Regierung Trump kann das nur gut gefallen: Der alerte Anchorman Tony Dokoupil wanzt sich ans MAGA-Lager heran. Mit Journalismus hat das nichts mehr zu tun.

CBS-Anchorman Dokoupil: „Sie kommen zuerst!“, verspricht er den Zuschauern

Die CBS-Nachrichtenlegende Walter Cronkite dürfte sich im Grab umdrehen angesichts des Mannes, der seit Kurzem an seiner früheren Stelle sitzt: Tony Dokoupil, von der CBS-Nachrichtenchefin Bari Weiss ernannter Moderator der „CBS Evening News“, zeichnete sich in seinen ersten Tagen vor allem durch sein gutes Aussehen und seine servile Haltung gegenüber der Regierung Trump aus. „Viel ist passiert, seit die erste Person in diesem Sessel saß“, sagte Dokoupil dramatisch bei seinem Debüt. Für ihn bestehe der größte Unterschied zu früher in dem „Vertrauensverlust in die Medien“. An dem seien diese selbst schuld, „weil wir die Perspektive des Durchschnittsamerikaners vernachlässigt und zu viel Gewicht auf die Analyse von Akademikern und den Eliten gelegt haben und nicht genug auf Leute wie Sie.“ Sein Versprechen an seine Zuschauer sei: „Sie kommen zuerst, nicht die Werbeindustrie, nicht Politiker, nicht Konzerninteressen.“ Anders als seine frühere Sendung Was daraus folgt, ist indes der Verzicht auf Unparteilichkeit und einen kritischen Ansatz: eine gedämpfte Reportage aus der Nachbarschaft in Minneapolis, in der vor wenigen Tagen die siebenunddreißigjährige Renee Nicole Good von einem ICE-Beamten erschossen wurde; ein zahmes Gespräch mit dem sonst pressescheuen Verteidigungsminister Pete Hegseth; ein anbiederndes „wir verneigen uns vor dir, Marco“ an den Außenminister Marco Rubio im Anschluss an einen Clip, der dessen zahlreiche Aufgaben aufzählte und ihn unter anderem als „grönländischen Premierminister“ imaginierte. Und dann war da das Stück, mit dem Dokoupil den fünften Jahrestag des Kapitolsturms abhakte: „Präsident Trump beschuldigt die Demokraten, die Attacke aufs Kapitol nicht verhindert zu haben, während der Demokratenführer im Repräsentantenhaus, Hakeem Jeffries, dem Präsidenten Schönfärberei vorwirft“, sagte er zu einer Demonstration von verurteilten Randalierern, die Trump begnadigt hatte. Kein Wort über die Quelle von Trumps Einschätzung – eine am selben Tag gestartete Website des Weißen Hauses, die den Aufstand mit mehreren Toten zu einer „friedlichen Demonstration“ umdeutet und die Schuld den Demokraten in die Schuhe schiebt, die eine „betrügerische Wahl zertifizierten und Dissidenten jagten“. Anstatt Dokoupil berichteten die CBS-Morgennews (für die er seit 2016 gearbeitet hatte, zuletzt als Ko-Moderator) über die Website und den „Versuch der Geschichtsrevision“. „Tiefe Traurigkeit und erhebliche Spannung“ Dokoupils Berichterstattung ist unverfänglich und launig. Genauso, wie Autokraten sich die Nachrichten wünschen, mit bloß dem Anschein von echtem Journalismus und bar jeder kritischen Note. Der neue Anchorman von CBS gebiert sich eher wie ein Realitystar denn wie ein Nachrichtenmann. Zum Start schickte CBS den Fünfundvierzigjährigen auf eine Tournee durchs Land, offenbar, um sich dem Publikum vorzustellen („Wissen Sie, wie man meinen Namen ausspricht?“). „Ziel dieser Roadshow ist weniger, die Nachrichten abzuliefern, als selbst die Nachrichten zu sein“, hatte Bari Weiss der „New York Times“ zufolge in einer Notiz geschrieben, man müsse „allabendlich virale Momente schaffen“. Dokoupil inszeniert sich also fleißig selbst, vergießt vor der Kamera Tränen über seine Kindheit in Miami, erhebt sich über Walter Cronkite („Wir werden verantwortungsvoller und transparenter als Cronkite oder jemand sonst aus seiner Zeit sein“) und gibt sich für einen Promotionsbeitrag des ebenfalls zu Paramount gehörenden Senders „Entertainment Tonight“ her, der Trumps Coup in Venezuela mit einer Storyline aus der Serie „Jack Ryan“ vergleicht. Als Dokoupil indes seine Roadshow angesichts einer echten Nachricht, nämlich der Tötung von Renee Nicole Good, unterbrechen musste, staunte man über die mickrige journalistische Substanz seiner Reportage aus Minneapolis. „Tiefe Traurigkeit und erhebliche Spannung im Hinblick darauf, was als Nächstes geschieht“, herrsche am Ort des Geschehens, sagte Dokoupil zu einer angespannten Situation, in der Demonstranten mit Plakaten auf die Straße gehen, auf denen von „Mord!“ die Rede ist und die Regierung Trump weitere ICE-Kräfte nach Minneapolis schickt. Eine Gute-Laune-Roadshow, die nicht anecken will All dies mag dann eben doch mit den Konzerninteressen im Hintergrund zusammenhängen. David Ellison und sein Vater Larry, die im Sommer den CBS-Mutterkonzern Paramount gekauft und Trump versprochen haben, die Berichterstattung „konservativer“ auszurichten, versuchen zurzeit, Warner Bros. Discovery an sich zu reißen. Dieser Deal – sofern er zustande kommt, der Warner-Vorstand hat Netflix den Zuschlag erteilt und widersetzt sich einer feindlichen Übernahme durch Paramount – ist ebenfalls von Trumps Plazet abhängig, und der war zuletzt nicht gut auf CBS zu sprechen. Als das CBS-Politmagazin „60 Minutes“ im Dezember, kurz nach Warners Zuschlag für Netflix, ein Trump-kritisches Interview mit der MAGA-Abtrünnigen Marjorie Taylor Green ausstrahlte, meinte der US-Präsident, die neuen CBS-Eigentümer behandelten ihn „noch viel schlechter“ als die alten, und überhäufte den Netflix-Chef Ted Sarandos mit Lob. Wenig später zog Bari Weiss eine regierungskritische „60 Minutes“-Reportage über Folter im CECOT-Hochsicherheitsgefängnis in El Salvador zurück, in das Trump rund 280 angeblich kriminelle Migranten ohne jeden Rechtsbehelf geschickt hatte. Bari Weiss hat sich auf die Fahne geschrieben, die Nachrichten von CBS neu aufzustellen. Aber in Zeiten wie diesen, in denen der US-Präsident innen- wie außenpolitisch das Recht des Stärkeren durchsetzt und sagt, Grenzen setze ihm nur seine „eigene Moral“, kann man eine Gute-Laune-Roadshow, die bei keinem anecken will, schon gar nicht bei der Regierung, nicht als Journalismus bezeichnen. So ­sehe „Staatsfernsehen“ aus, heißt es in Kommentaren im Netz.