Markus Gaugisch und Frederick Griesbach überlegen lange, bevor sie antworten. Um nicht in die Klischeefalle zu tappen. Um Verallgemeinerungen zu umschiffen. Denn das Thema hat eine ziemliche Falltiefe. Sowohl der 51 Jahre alte Bundestrainer als auch sein 15 Jahre jüngerer Assistent haben Frauen- und Männerteams trainiert. Das ist ungewöhnlich: Der Männerhandball mit seinen höheren Gehältern bietet mehr Möglichkeiten, Aufmerksamkeit und Ansehen. Deswegen bleiben Männer unter sich. Aus unterschiedlichen Gründen haben Gaugisch und Griesbach beides ausprobiert. Deshalb sind sie geeignete Kronzeugen der Geschlechterfrage: Wer ist leichter zu trainieren? Männer lassen es im Training ruhiger angehen „Die Spielerinnen sind immer offen, etwas im Training und im Spiel auszuprobieren und anders zu machen“, sagt Gaugisch und fügt an: „Sie sind nach meiner Erfahrung in jedem Training voll dabei. Ich muss sie eher bremsen. Sowohl in Bietigheim als auch hier in der Nationalmannschaft.“ Mit dem Metzinger Klub TV Neuhausen und der HBW Balingen-Weilstetten sammelte Gaugisch zwischen 2009 und 2015 Erfahrungen in der Männer-Bundesliga. Das nationale Vorzeigeprojekt im Frauenhandball (bis zur Bietigheimer Insolvenz in diesem Sommer) leitete er drei Jahre bis 2023 an. Männer ließen es in den Übungsstunden ruhiger angehen: „Da war immer noch etwas im Tank. Das heben sie sich für das Spiel auf.“ Auch habe er wenig reden müssen, um Neues einzubauen – das Männermotto sei: „Wird schon klappen.“ Die Frauen habe er überzeugen müssen, dass es sich lohnt, ihm zuzuhören. Beispiel: offensive Abwehr. Da wurde er gefragt, warum das sein müsse, wenn sich das Team mit den Hacken am Kreis in der defensiven Spielart doch wohl fühle. Diese Reflexion gefällt ihm: „Wenn es klappt, entsteht das Gefühl, etwas gemeinsam geschafft zu haben. Du musst als Trainer nur bereit sein, diesen Dialog zu führen.“ Dem stimmt Griesbach zu. Die beiden sind Lehrer. Gaugisch, aktuell beurlaubt, unterrichtet Deutsch und Sport, Griesbach unter anderem Physik. Letzterer sagt: „Ich erlebe bei den Frauen, dass ich erklären muss, was ich mache. Das ist gut so, das wünsche ich mir ja auch in der Schule: kritisches Nachfragen. Wenn ich die Frauen mit meinen Argumenten überzeugt habe, ziehen sie es durch.“ Allerdings habe diese Diskussionskultur auch Grenzen: „Manchmal müssen sie einfach machen, was gesagt wird.“ Nach Auszeiten zum Beispiel. Griesbach trainierte die Männer des TV Hüttenberg. Seit diesem Sommer ist er der Mann an Gaugischs Seite. Er verweist darauf: Weil die Trainer und Trainerinnen im Frauenhandball schlechter seien als im Männerhandball, gebe es bei den Frauen bis zu den Profis Schwächen in Technik und Taktik. Sie sind schlechter ausgebildet. Deswegen muss er in seinen Übungs-Einheiten manchmal „weiter unten“ ansetzen. „Ich sehe ständig andere Gruppen“ Auf vielschichtige taktische Inhalte verzichtet er deswegen zunächst. „Um flächendeckend eine annehmbare technisch-taktische Grundausbildung zu haben, brauchen wir gute Coaches bei den Frauen. Auch im Nachwuchs“, fordert er. Ein Auftrag, dem der Deutschen Handballbund (DHB) mit den Mädchen-Internaten in Stuttgart und Leipzig ab 2027 nachkommen wird. Einig sind sich beide, dass sich Frauen- und Männer-Handball auf höchstem Niveau taktisch kaum mehr unterscheiden. Gaugisch kennt aus früheren Turnieren die bitteren Minuten, in denen seinem Team das Konzept entglitt, seine Hilfestellungen erfolglos blieben. Häufig, schon vor Gaugischs Zeiten, war unstimmige Chemie im Team der Grund. Es gab Grüppchen: Auslandsprofis gegen Bundesligaspielerinnen. Alt gegen Jung. Das ging so weit, dass Pässe auf missliebige Kolleginnen verweigert wurden. Neid und Abneigung verhinderten gemeinsamen Erfolg. Auffallend oft spricht Gaugisch bei dieser WM in Deutschland und den Niederlanden davon, dass es seinen Spielerinnen um „Handball“ gehe. Und er schwärmt vom Wissensdurst „seiner“ Frauen. Die Jungen stellen sich nicht mehr hinten an, die Älteren akzeptieren es, weil es die Chance auf Siege erhöht: „Ich sehe ständig andere Gruppen beim Essen, im Bus, beim Kartenspielen, Darten oder Tischtennis“, sagt Gaugisch. Der Wohlfühlfaktor spiele eine größere Rolle als bei den Männern. Dort könne Reibung Höchstleistung erzeugen, bei den Frauen sei es eher Zuneigung oder wenigstens Wohlwollen. Das klingt nah am Vorurteil. Aber so haben es Markus Gaugisch und Frederick Griesbach erlebt.
