Stefan Horngacher, geboren am 20. September 1969 in Wörgl (Österreich), ist seit April 2019 Bundestrainer der deutschen Skispringer. Mit dem Ende der Saison beendet er diese Tätigkeit. Zuvor war er Cheftrainer in Polen. Als Aktiver ist er zweimaliger Weltmeister mit dem Team (1991, 2001). Bei Olympia gewann er im Mannschaftswettbewerb zwei Bronzemedaillen (1994, 1998). Herr Horngacher, am Montag (16.30 Uhr in der ARD und bei Eurosport) beginnt die 74. Vierschanzentournee. Es wird Ihre letzte als Bundestrainer sein, weil Sie dieses Amt nach dem Ende der Saison aufgeben werden. Mit welchen Erwartungen reisen Sie zum Tourneestart nach Oberstdorf? Grundsätzlich mit einem guten Gefühl. Die Favoritenrolle haben in dieser Saison aus meiner Sicht mal andere Athleten, nicht die Deutschen. Für mich ist ganz klar Domen Prevc der Favorit, er springt aktuell extrem flüssig und souverän, er hat fünf der letzten sechs Weltcup-Springen gewonnen. An ihm führt kein Weg vorbei. Aber ich habe auch den Japaner Ryoyu Kobayashi auf der Rechnung. Er ist ein Tournee-Experte. Vergessen dürfen wir auch die Österreicher nicht. Die sind immer gut bei der Tournee. Ihre beiden derzeit sehr konstanten Springer Philipp Raimund und Felix Hoffmann zählen Sie nicht zu den Mitfavoriten? Nein. Beide sind aus meiner Sicht keine Favoriten für die Tournee. Dennoch bin ich überzeugt davon, dass sie dort stark springen werden. Wenn Sie wollen, dann können Sie sie zum erweiterten Favoritenkreis zählen, sie gehören derzeit zu den zehn besten Skispringern der Welt. Raimund und Hoffmann reisen als Vierter und Sechster der Weltcup-Gesamtwertung nach Oberstdorf. Was macht die beiden derzeit so stark? Das sind zwei Kämpfer, die sich durchgebissen haben. Es sind hoch talentierte Sportler, die die Chance genutzt haben, sich bei uns ganz nach vorn zu springen. Raimund wirkt derzeit noch konstanter und noch gefestigter als Hoffmann. Er ist derzeit ein begeistert wirkender Mensch voller Freude. Wirkt das ansteckend auf Ihre anderen Springer? Ich bin sehr froh, dass wir den Philipp nun schon seit drei Jahren im Team haben. Am Anfang war er voller Euphorie, dazu wild und willkürlich. In dieser Hinsicht haben wir versucht, ihn etwas einzufangen. Mittlerweile haben wir ein gutes Konzept für das gemeinsame Miteinander gefunden. Das funktioniert derzeit richtig gut. Sein Potential ist groß. Da ist noch einiges drin. Er verfügt über eine naturgegebene, außergewöhnliche Dynamik. Darüber hinaus ist er ein cleverer Sportler, er hat sich aus allen Richtungen Rat geholt. Er hört immer sehr gut zu, wenn wir ihm etwas Technisches für seinen Sprung mitgeben wollen. Philipp ist charakterlich ein ganz anderer Typ als Felix Hoffmann. Inwiefern? Felix und Philipp – das sind vom Wesen her zwei Welten. Felix ist deutlich introvertierter, taut aber zunehmend auf. Er ärgert sich auch nicht groß, zumindest nicht offensichtlich, oder zeigt es nicht nach außen. Beim Philipp siehst du hingegen sofort, ob er gut oder nicht gut drauf ist. Wie hat es Felix Hoffmann mit 28 Jahren plötzlich in die Weltspitze geschafft? Er ist schon seit langer Zeit auf einem echt guten Niveau gesprungen. Er hätte vor zwei Jahren beinahe den Sprung ins deutsche A-Team geschafft. Seitdem hat er sich sehr gut entwickelt. Vor dieser Saison haben wir ihn aus seinem bisherigen Trainingsumfeld herausgelöst und ihn in eine Trainingsgruppe mit Andreas Wellinger und Pius Paschke in den Chiemgau gesteckt. Aus der täglichen Arbeit mit diesen beiden Profis hat er viel für sich mitnehmen können. Er hat die Aufgaben, die wir ihm gestellt haben, bestens gelöst. Als Skispringer ist er ein Ästhet, nun bekommt er auch noch große Weiten hin. Ich habe schon im ersten Jahr, in dem er in unseren Fokus gerückt ist, gesagt: Wenn der alles zusammenbekommt, dann scheppert es richtig. Sie sprachen Andreas Wellinger an. Für ihn und Karl Geiger läuft es gerade gar nicht. Normalerweise sind das Ihre beiden besten Springer. Was ist da los? Wenn es nicht läuft, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass du es erzwingen willst. Aber das Springen und das Singen kannst du nicht erzwingen. Ich würde sagen, bei beiden hat sich ein Sprungbild verfestigt, das so nicht mehr funktioniert. Das aufzubrechen und zu verändern, ist sehr schwer. Die beiden sind erfahrene Sportler, sie sind von ihrem Weg überzeugt – nachvollziehbarerweise, da sie ja selbstbestimmt handeln müssen. In bestimmten Situationen jedoch ist der Blick von außen hilfreich. Und dann kann es auch sein, dass man aneinander vorbeispricht. Das ist mir als Sportler auch so passiert, das können wir Trainer daher nachvollziehen. Aktuell trainieren sie mit meinem Assistenten Maximilian Mechler, und ich habe ein gutes Gefühl, dass die beiden wieder den Anschluss finden werden. Beide sind aus dem Weltcup ausgestiegen, um zu trainieren. Wie haben sie vor der Tournee gearbeitet? Es gab ein spezielles Sprungtraining in Oberstdorf, Planica und auf den Olympiaschanzen von Predazzo. Gesprungen wird auf kleinen Anlagen, weil sich da gezielt an der Technik arbeiten lässt. Bei beiden habe ich zuletzt in Oberstdorf gesehen, dass sie spüren, wie sie die Sache nun anzugehen haben. Sie springen deutlich besser als zuletzt. Beide werden bei der Tournee starten. Was ist dort für sie möglich? Für einen Sieg werden sie nicht infrage kommen. Aber die Saison ist noch lang. Es gibt Mitte Januar noch die Skiflug-WM in Oberstdorf und im Februar die Olympischen Spiele von Cortina, wobei wir in Predazzo springen werden. Dafür brauchen wir die beiden. Was wird für Ihr Team möglich sein bei den Spielen? Ich habe auf jeden Fall einen Mann dabei, der das olympische Gefühl aufsaugen und leben wird, das ist Philipp Raimund. Und ihm liegen auch die Schanzen von Predazzo. Felix Hoffmann schätze ich dort auch stark ein. Und dann setze ich darauf, dass Wellinger, Geiger und Pius Paschke noch eine schöne Zündung machen vor den Spielen. Nach den Olympischen Spielen endet Ihre Zeit als Bundestrainer. Empfinden Sie die Entscheidung, aufzuhören, weiterhin als richtig? Ja. Ich habe schon vor zwei Jahren intern gesagt, dass ich nach den Olympischen Spielen von Cortina aufhören werde. Ich war dann sieben Jahre Bundestrainer, und irgendwann muss auch wieder mal ein Neuer kommen, der ein paar Dinge anders macht. Werden Sie in die Nachfolge miteinbezogen? Nein, aktuell nicht. Allerdings habe ich mir schon Gedanken dazu gemacht. Wie wird es für Sie weitergehen? Werden Sie ein anderes Traineramt übernehmen, oder bleiben Sie dem Deutschen Skiverband erhalten? Beides ist möglich. Es gibt mehrere Dinge, die mich interessieren würden. Ich weiß aber noch nicht genau, welche Richtung ich einschlagen werde. Aktuell ist für solche Gedanken aber auch gar kein Raum. Der Fokus liegt ganz klar auf dem Team, unserer Performance und darauf, die Herausforderungen der nächsten Monate erfolgreich zu meistern.
