Unter all den Mannschaften, die den deutschen Profifußball prägen, offenbart der VfL Wolfsburg derzeit die ehrlichsten Einblicke. Leider gibt es dafür keine Tabelle und keinen Titel. „Die Stimmung ist schlecht“, sagt Mittelfeldspieler Yannick Gerhardt über sein Team und seinen Verein. Man hört es selten, dass ein Profi seinen eigenen Arbeitgeber als „nicht gesund“ bezeichnet. Aber woran genau krankt es? Trotz millionenschwerer Investitionen ist der VfL Wolfsburg wieder einmal in akute Abstiegsnot geraten. Immer mehr Hauptdarsteller des Tabellenvorletzten sprechen offen über ihr Seelenleben und ihre Probleme. Zehn Spieltage vor Saisonende laut darüber nachzudenken, dass sich Grundlegendes ändern müsste, ist ein gefährliches Spiel. Vor allem Daniel Bauer wird dazu befragt, woran es hakt und was dem VfL Wolfsburg noch Hoffnung gibt. Der 43 Jahre alte Trainer ist Ende 2025 mitten in der Not vom vereinsinternen Experten für Nachwuchsarbeit zum Cheftrainer befördert worden. Nach der Entlassung seiner Vorgänger – dem erfahrenen Ralph Hasenhüttl und dem überforderten Paul Simonis – durfte mit Bauer ein Bundesliga-Novize übernehmen. Bauer hält seinen Vorgesetzten den Spiegel vor „Ja. Ich bin in Anführungszeichen ein Neuling. Aber warum ist das normal, wenn alle drei Monate der Trainer in Wolfsburg in der Kritik steht?“ – einen solchen Satz in einer öffentlichen Pressekonferenz fallen zu lassen und damit einen Blick über den Tellerrand des Trainer-Daseins einzufordern, trauen sich neben Bauer nur wenige im bezahlten Fußball. Denn damit hält er den eigenen Vorgesetzten den Spiegel vor. Dem VfL Wolfsburg Defizite in dessen Struktur, Kultur und Atmosphäre zu bescheinigen, ist eine solch kritische Einordnung, dass sie aus der Sicht von Bauer nach einer ziemlich guten Rechtsschutzversicherung verlangt. Die Frage muss erlaubt sein und gestellt werden: Wer hat bei der VfL Wolfsburg-Fußball GmbH, die durch den Volkswagen-Konzern finanziert und gesteuert wird, wirklich das Sagen? Vor allem Peter Christiansen kommt bei dieser Fragestellung ins Schleudern. Der Däne versucht seit seinem Amtsantritt im Sommer 2024, als Geschäftsführer Sport für mehr Ruhe, Analyse und Erfolg zu sorgen. Unter seiner Regie sind mit Hasenhüttl und Simonis bereits zwei Trainer und mit Sebastian Schindzielorz ein Sportdirektor gescheitert. Auf seinem Handeln basiert ein kunterbunt zusammengestellter Spielerkader, der Rätsel aufgibt. Unter anderem mit dem Algerier Mohamed Amoura, dem Kroaten Lovro Majer und dem Dänen Christian Eriksen verfügt der VfL Wolfsburg über hochbegabte Fußballer. Mit ihrer Hilfe sind jedoch 14 der bisherigen 24 Saisonspiele verlorengegangen. Die Mannschaft spielt zeitweise immer noch so pomadig, als wäre sie Tabellenneunter. An diesem Samstag im Heimspiel (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei DAZN) gegen den Hamburger SV wird es auch um die Frage gehen, ob Amoura und Co. wirklich nicht verstanden haben, worum es geht. Angesichts des drohenden Abstieges muss der VfL Wolfsburg auch noch bundesweiten Spott über sich ergehen lassen – verbunden mit der bösen These, ob der Verein in Deutschlands höchster Spielklasse überhaupt vermisst werden würde. Packt solche Häme die in Wolfsburg stets gut bezahlten Spieler bei der Ehre? „Wenigstens das sollte Ansporn sein“, findet Routinier Gerhardt. Trotz des vielen Misserfolges und der unklaren Zuständigkeiten perlt der Großteil an Kritik und Schuldzuweisungen am eigentlichen Hauptverantwortlichen ab. „Fußball ist Risiko“, sagt Vordenker Christiansen gerne, wenn er die Misere des VfL Wolfsburg erklären soll. Den aktuellen Spielerkader findet er weiterhin gut. Dem angeschlagenen Trainer bescheinigt er viel Talent und Potenzial. Mit Pirmin Schwegler ist vor Kurzem bereits ein neuer Sportdirektor installiert worden. Ob Christiansen abermals einen Trainerwechsel übersteht oder selbst seines Amtes enthoben wird, bleibt unklar. Seinen Angaben zu Folge entscheiden beim VfL Wolfsburg dessen Aufsichtsrat, die Geschäftsführung und die sportliche Leitung über alle Personalien gemeinsam. Dummerweise geht der Verein aber mit der Eigenart in das Saisonfinale, dass es bei ihm keine Konstante gibt. Auf und neben dem Platz fehlt es an einer starken Persönlichkeit, an der alle Halt finden und an der sie sich ausrichten können. Auch deshalb dürfte darüber spekuliert worden sein, ob nicht vielleicht Dieter Hecking oder sogar Felix Magath als rettende Trainer zurückgeholt werden könnten. Auffällig bleibt, dass die aktuelle Idee des Trainers von erfolgreichem Fußball nicht greift. Von Spiel zu Spiel wirkt das Team der „Wölfe“ wie ein nach dem Zufallsprinzip zusammengestelltes Potpourri. Dass Bauer als Cheftrainer mit Wurzeln im Nachwuchs des VfL dazu neigt, jungen Talenten aus dem eigenen Verein zu Einsatzminuten zu verhelfen, ist auf den ersten Blick lobenswert. Andererseits gibt es bessere Momente für Jugend-forscht-Projekte als den Kampf um den Klassenverbleib. Mal lobt Bauer sein Team als sehr motiviert und absolut wettbewerbsfähig. Dann wieder schimpft er über eine Schülermannschaft, die nicht bundesligareif auftritt. Ob es ihm oder Christiansen noch gelingt, den richtigen Ton gegenüber der Mannschaft zu treffen und sie aus der Reserve zu locken, erscheint fraglich. Nach der jüngsten 0:4-Niederlage beim VfB Stuttgart sprach der konsternierte Trainer in eine Kamera des Fernsehsenders Sky: „Es geht überhaupt nicht um meine Person. Um meine Zukunft fürchte ich mich gar nicht. Ich fürchte um die Zukunft des Klubs.“
