Die Worte, die Vincent Kompany am späten Mittwochabend an seine Mannschaft richtete, kosteten ihn einige Überwindung, aber das Geleistete war zu außergewöhnlich, um unerwähnt zu bleiben. Also gratulierte der Trainer des FC Bayern München seinen Spielern nach dem 3:1-Sieg beim 1. FC Köln am 17. Spieltag für die erfolgreichste Hinrunde, die jemals eine Mannschaft in der Fußballbundesliga gespielt hat. „Es ist ein innerlicher Konflikt mit meiner Mentalität, mitten in einer Saison einen Rekord zu bejubeln“, sagte der Trainer des FC Bayern, als er von seinem Umgang mit dieser Bilanz erzählte. Es gefiel Kompany überhaupt nicht, an so einem Mittwochabend während einer englischen Woche den „Immer-weiter-Tunnel“ zu verlassen, um historische Zusammenhänge zu betrachten. Schließlich steht am Samstag bereits das schwere Spiel in Leipzig an, wo die Gefahr besteht, nach 15 Siegen und zwei Unentschieden doch einmal ein Spiel zu verlieren. Zugleich war der Belgier sehr stolz. „Gratulation, muss ich einmal sagen“ Es sei „unfassbar schwierig, einen Rekord in diesem Verein zu erzielen“, sagte er, weil nach den sagenhaften Erfolgen der Vergangenheit „die Latte einfach so hoch liegt“. Nun hat Kompany den legendären Pep Guardiola überflügelt, der mit den Bayern während der Hinrunde der Saison 2013/2014 ebenfalls 47 Punkte erspielte. Damals hatte der Rekordmeister zwar vier Tore weniger zugelassen, dafür aber auch 22 Treffer weniger erzielt. Das konnte er nicht einfach ignorieren: „Gratulation, muss ich einmal sagen.“ Es wäre nicht verwunderlich, wenn die Bayern nach diesem kurzen Moment der Hochstimmung umgehend den Vorsatz gefasst hätten, die damalige Rekordsaison auch in der Kategorie der Gegentore zu überbieten. Denn die Art und Weise, mit der diese Mannschaft nach Perfektion strebt, ist geradezu erstaunlich. Dass Fehler passieren, gehört bekanntlich zum Wesen des Spiels, das müssen selbst die unglaublichen Münchner akzeptieren, und an diesem Abend passierten gerade in der ersten Halbzeit einige Fehler. Nicht akzeptieren müssen sie hingegen Momente, in denen am Energieeinsatz gespart wird. Der Kölner Trainer Lukas Kwasniok, dessen Mannschaft sich stark wehrte und die bis in die Nachspielzeit der ersten Halbzeit durch ein Tor von Linton Maina (41.) führte, sagte: „Du hast gegen die Bayern nur eine Chance, wenn du es schaffst, mehr zu laufen als sie. Das Problem ist, dass das fast nicht möglich ist, weil sie einfach so fleißig sind.“ Gut sichtbar war dieser feine Unterschied bei der Entstehung des Tores zum 1:1. Saïd El Mala begann bei diesem Angriff etwas zu spät mit seinem taktisch zwingend erforderlichen Sprint in die Defensive. So hatte Michael Olise ein, zwei Meter zu viel Raum. Vielleicht hat El Mala die Gefahr in seiner Unerfahrenheit einen Moment zu spät erkannt. Wahrscheinlicher ist aber, dass er es – wie die meisten Stürmer dieser Welt – nicht für nötig hält, in allen Situationen mit voller Hingabe zu verteidigen. Das Besondere am Spiel der Bayern ist, dass gerade diese Schwäche praktisch nicht vorkommt, auch nicht in einer komfortablen Tabellensituation an einem unbequemen Januarabend. Sie können nicht nur besser Fußball spielen als alle anderen, sondern sind zugleich auch noch gewissenhafter beim Erfüllen aller Fleißarbeiten – eine toxische Mischung für die Konkurrenz. Historisch gibt es immer wieder Teams voller Weltstars, die diese Stärke irgendwann am Ende einer Saison voll entfalten. Spitzenmannschaften, die das wirklich über ein ganzes Jahr auf dem höchsten Niveau durchziehen, sind aber sehr, sehr selten. Nicht nur für El Mala, sondern auch für Julian Nagelmanns Nationalmannschaft ist dieser FC Bayern daher ein spannender Orientierungspunkt. Und der höchste Repräsentant dieser unglaublichen Qualität war wieder einmal Harry Kane. Der Torjäger trete auf „wie so ein Außerirdischer“, sagte Kwasniok, „er ist kein Goalgetter, sondern der beste Allrounder europaweit.“ Kane schoss zwar an diesem Abend kein Tor, das überließ er Serge Gnabry (45.+5), Min-jae Kim (71.) und Lennart Karl (84.). Aber den dritten Treffer leitete der Engländer mit einem brillanten Pass tief in der eigenen Hälfte ein, und er war allgegenwärtig: hinten, in der Mitte, vorne, links und rechts. „Egal, wie viele Tore jemand auf dem Buckel hat, er ist sich nicht zu schade, diese Wege zu machen“, sagte Leon Goretzka. „Ich glaube, das ist auch unser Erfolgsrezept.“ Aber alle wissen: Dieser Zustand ist fragil. Und so erinnerte Sportvorstand Max Eberl anlässlich des Rekordes noch mal daran, dass Bayern München „vor 18 Monaten am Saisonende Dritter in der Bundesliga war“. Seither sei das Team „auf dem Weg, Dinge zu entwickeln, auf dem Weg, stabil zu werden“. Auf dem Weg, aber weit weg von irgendeinem Ziel. Das ist das sogenannte Mindset, mit dem die Bayern nun am Samstagabend in Leipzig in die Rückrunde starten wollen. Niemand spricht über die elf Punkte Vorsprung in der Tabelle, vielmehr behauptete Kompany, dass nun alles von vorne beginne: „Leipzig null Punkte, wir null Punkte, Leverkusen null Punkte, Dortmund null Punkte, jetzt wollen wir versuchen, auch die zweite Runde zu gewinnen“, sagte er. „Und wenn meine Mathematik okay ist, werden wir dann auch Meister.“ Mutmaßlich mit dem einen oder anderen weiteren Rekord.
