FAZ 11.05.2026
12:10 Uhr

Büromöbel König + Neurath: „Wir sind vor der Bugwelle der Insolvenzen“


König + Neurath plant für die Zukunft mit 700 statt 850 Beschäftigten. Der Vorstand des Büromöbelherstellers in Karben zapft nun gezielt Fachwissen der Belegschaft an. Und frühstückt mit ihr.

Büromöbel König + Neurath: „Wir sind vor der Bugwelle der Insolvenzen“

Patrick Heinen geht so locker wie flott die Treppe aus der Vorstandsetage zum Foyer hinunter und empfängt mit einem Lächeln. Der neue Alleinvorstand von König + Neurath wirkt keineswegs erschöpft. Michael Erhardt lächelt auch. Den Geschäftsführer der IG Metall in Frankfurt plagt offensichtlich nur eine Pollenallergie. Falls sie beide viel Kraft gelassen haben in den vergangenen Wochen, lassen sie es sich nicht anmerken. Zumal sie eine gute Nachricht mitbringen: „König + Neurath ist zurück und ein verlässlicher Partner“, sagt der Gewerkschafter. Dies soll auch der erst vor wenigen Wochen eröffnete Showroom in Paris verdeutlichen. Anstrengend und nervenzehrend sind die Tage seit November für den Manager und den Arbeitnehmervertreter aber gewiss gewesen. Für die Belegschaft gilt das nicht minder. Seinerzeit meldete der traditionsreiche Büromöbelhersteller aus Karben für Außenstehende überraschend Insolvenz an. Das daraus folgende sogenannte Eigenverwaltungsverfahren neigt sich in wenigen Wochen dem Ende zu. Rückblickend sagt der in Restrukturierungen erfahrene Heinen: „Der Zeitpunkt für die Sanierung in Eigenverwaltung hätte für König + Neurath nicht besser sein können – so kurios das klingen mag.“ Vorstand von König + Neurath lobt die IG Metall Der Alleinvorstand meint das keineswegs zynisch. Schließlich plant König + Neurath als Folge der Insolvenz und der Neuausrichtung mit rund 150 Beschäftigten weniger. 110 von ihnen hat das Familienunternehmen von jetzt auf gleich entlassen. Sie seien unter den Bedingungen einer Insolvenz „mit einer Transfergesellschaft einigermaßen anständig behandelt worden“, sagt Erhardt. Für den Großteil müssten noch andere Stellen gefunden werden. Vor diesem Hintergrund spielt Heinen auf den Lauf der Zeit in der von einer anhaltenden Kaufzurückhaltung der Kunden geplagten Branche an. Die Flaute am Bau schlägt durch. Werden weniger neue Büroräume bezugsfertig, sind auch weniger neue Möbel notwendig. In wirtschaftlich unsicheren Zeiten überlegen es sich Unternehmen überdies mehrfach, ob es das alte Mobiliar nicht doch nicht eine Weile tut. Darunter leiden nicht nur die Karbener seit vielen Monaten. Nun rutschten vermehrt auch Mitbewerber in die Zahlungsunfähigkeit. „Wir beenden die Eigenverwaltung in Kürze und befinden uns vor der Bugwelle bei den Insolvenzen“, sagt Heinen und lobt die „sehr zielorientierte und sehr konstruktive Zusammenarbeit“ mit Erhardt und dem Betriebsrat. Das seit dem Amtsantritt von Heinen vor vier Monaten Gelungene sei eine gute Grundlage für den Betrieb, meint Erhardt. Zumal die Übereinkunft zwischen Unternehmen und Arbeitnehmerschaft, Eigentümerfamilie und Banken unter hohem Zeitdruck zustande gekommen sei. Belegschaft verzichtet auf 15 Millionen Euro In Zahlen ausgedrückt, sieht das so aus: Die Arbeitnehmer verzichten auf 15 Millionen Euro. Diese Summe ergibt sich nach den Worten von Erhardt aus dem Verzicht auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld für die nächsten drei Jahre, zudem würden Tariferhöhungen um ein Jahr verschoben. Die Familie ist ins Risiko gegangen und gibt Geld in den Betrieb. Die genaue Millionensumme wird nicht nach außen getragen. Nicht geheim sind dagegen die geplanten Investitionen. 26 Millionen Euro will das Unternehmen in den nächsten Jahren aufwenden, um sich möglichst gut für die Zukunft zu wappnen. Klar ist: König + Neurath kann und muss sich fortan auf die Jagd nach verlorenen Marktanteilen machen. Denn im Verlauf des Insolvenzverfahrens musste der Betrieb auf Sicht fahren und konnte in Ausschreibungsverfahren keine längerfristigen Zusagen geben. In der Folge habe der Büromöbelhersteller gewisse Aufträge nicht bekommen, sagt Heinen. Die Hersteller könnten mehr Büromöbel bauen und liefern, als Kunden nachfragten. „Der Preis- und Margenkampf wird noch stärker“, sagt Heinen voraus. „Eine Insolvenz ist erst mal ein Vertrauensproblem“ Aber nicht nur darum geht es: „Eine Insolvenz ist erst mal ein Vertrauensproblem“, sagt der Gewerkschafter. Und diesen Knoten gelte es zu lösen. Dies betreffe das Verhältnis zu den Kunden wie jenes zur Belegschaft. Im Verlauf des Insolvenzverfahrens ist Letzteres außergewöhnlich gut gelungen, wie der Alleinvorstand meint. Er sei schon an der Sanierung einiger Unternehmen beteiligt gewesen, aber nirgendwo sonst sei die Zusammenarbeit mit der Arbeitnehmerseite so eng gewesen, sagt er. „Wir haben uns mehrfach am Tag miteinander ausgetauscht.“ Diesen Austausch setzt er fort – nicht zuletzt auf Drängen der Arbeitnehmervertreter. „Hier ist zu wenig auf die Leute gehört worden“, hebt Erhardt hervor. Demnach sollen Beschlüsse fortan nicht mehr nach alter Unternehmersitte von oben nach unten durchgedrückt werden. Vielmehr haben Betrieb und Arbeitnehmer einen „strukturierten Beteiligungsprozess“ vereinbart, wie Erhardt sagt. Das zunächst sichtbarste Ergebnis ist ein Baum im Foyer. Dort können Beschäftigte Verbesserungsvorschläge anheften. Das in vielen anderen Betrieben übliche Vorschlagswesen habe König + Neurath über Jahre vernachlässigt, da komme „nun richtig Schub hinein“, sagt Erhardt. Die Ideen der Mitarbeiterschaft müssten hervorgelockt werden. Heinen stimmt unumwunden der Annahme zu, jemand aus der Produktion wisse eher, was dort verbessert werden könne, als der Vorstand oder ein anderer Manager. Um möglichst rasch Fortschritte zu erzielen, frühstückt Heinen seit Neuestem zweimal in der Woche mit Beschäftigten aus verschiedenen Teilen der Produktion: „Es geht um Dialog. Wir wollen wie in einer Familie die wichtigen Themen direkt ansprechen und darüber diskutieren.“ Dies sei nicht zuletzt ein Ausdruck von Wertschätzung in schwerer Zeit. Der Alleinvorstand zielt nach seinen Worten auf Teams von Beschäftigten aus verschiedenen Abteilungen und „kurz getaktete Entscheidungsprozesse“. Der Betrieb brauche die gesamte Mannschaft. Idealerweise funktioniere er wie ein Uhrwerk. Zum Neustart nehme sich König + Neurath ein nicht näher beschriebenes Stuhl-Projekt vor. Zweimal in der Woche träfen sich die Beteiligten und berieten über den Fortgang. Im Manager-Neudeutsch heißt dergleichen Agilität. Diesen Wandel muss das Unternehmen aber auch zwingend vollziehen, wie Erhardt zu bedenken gibt. Schließlich fehlten schon 110 Beschäftigte, andere müssten ihre Aufgaben mit erledigen. Spezialisierung des Einzelnen wäre die falsche Antwort. König + Neurath sei überdies gut beraten, auf Kundenwünsche einzugehen. Heinen nickt und spricht die sogenannte Losgröße 1 an. Der Betrieb sei bisher vorwiegend auf größere Stückzahlen eingestellt – allerdings habe sich der durchschnittliche Auftragswert in der Vergangenheit verringert. „Der war früher deutlich höher“, sagt der Manager, der zum dritten Mal bei den Karbenern angeheuert hat. Im Verlauf des Gesprächs zeigen sich Manager und Gewerkschafter zumeist einig. Nur selten blitzen unterschiedliche Interessen auf. So etwa mit Blick auf die Idee der Gewerkschaft, in Karben künftig auch Küchen zu fertigen. Davon hält Heinen gar nichts. Umgekehrt möchten die Arbeitnehmervertreter die Stuhlfertigung im Unternehmen halten und nicht ausgegliedert sehen. „Das werden wir uns zum Jahresende noch mal anschauen“, sagt Heinen dem Gewerkschafter zu, der bei König + Neurath mehr Kollegen denn je hinter sich weiß. 170 Neueintritte hat die IG Metall nach seinen Worten im Verlauf des Insolvenzverfahrens verzeichnet. Die Gewerkschaft sei dort schon vorher sehr gut vertreten gewesen, nun sei der Organisationsgrad eben noch besser. Das dürfte das Unternehmen gerne als Vorteil ansehen. Begründung: „Ein starker Sozialpartner mit vielen Mitgliedern ist vielleicht hin und wieder anstrengender als ein schwacher, aber wenn wir als IG Metall und Betriebsrat eine Übereinkunft treffen, dann steht die auch.“