FAZ 05.01.2026
17:09 Uhr

Bürgstadter Berg: Die Wiederentdeckung einer großen Weinlandschaft


Zwischen Odenwald und Spessart entstehen Spätburgunder, die in Spitzenrestaurants in aller Welt ausgeschenkt werden. Wie gelingt es den Winzern dort, eine Balance zwischen Frucht und Gerbstoff in die Flasche zu bringen?

Bürgstadter Berg: Die Wiederentdeckung einer großen Weinlandschaft

Regenschwer hängen die Wolken an diesem Herbstmorgen über dem Kahlgrund, als hätten sie ihr Werk noch nicht vollendet, jedenfalls nicht dort, wo die Rheinebene an den ersten Spessarthöhen ihr Ende findet. Und so lässt sich auch nichts davon erahnen, dass sich der Weinberg, der bei idealer Sicht von den höchsten Punkten der Frankfurter Skyline aus mit einem Fernglas zu erkennen ist, kurz hinter einer Anhöhe in die Sichtachse schiebt. So nah und doch so weit – denn wer weiß schon, dass der Michelbacher Apostelgarten den Frankfurtern viel näher ist als der Erbacher Markobrunn, der Steinberg oder all die anderen legendären Lagen am Rhein? Und auch, dass der teilweise flurbereinigte Steilhang mit einem Bodenprofil aus Serizitschiefer, Quarzit und Gneis manchen Rheingauer Lagen ähnlicher ist als allem, was ringsum zu finden ist? Doch was heißt hier ringsum? Es dürfte in Deutschland nur wenige Weinbauregionen geben, die selbst in ihrer Nachbarschaft so unbekannt sind wie die, die den Main so lange säumen, bis er aus Spessart und Odenwald heraustritt und auf seinen letzten Kilometern dem Rhein zustrebt. Der Mangel an Aufmerksamkeit hat denn auch nicht nur viel mit der räumlichen Zersplitterung des Weinbaus zu tun, der sich am Untermain über etwa 40 Flusskilometer erstreckt. Hinzu kommt, dass es seit dem Ende des Alten Reichs keine mächtigen und kapitalkräftigen Förderer des Weinbaus gab, wie es einst die Benediktinerabtei Seligenstadt war oder der in Aschaffenburg residierende Mainzer Kurfürst. Stattdessen Reb-Areale, die nach dem Erbgang noch mehr zersplitterten und die die Rebkultur immer mehr zu einem mühsamen Nebenerwerb werden ließen. Vor allem aber ein Rebsatz, dessen oft bescheidene Produkte es mit den weltberühmten „Hocks“ (so die Verballhornung von Hochheim am Main als generische Bezeichnung von Rheinweinen) und den ebenso renommierten „Moselles“ nicht aufnehmen konnten. Denn nicht nur politisch verläuft unweit von Michelbach und seinen Nachbardörfern Wasserlos und Hörstein seit 200 Jahren eine Grenze, nämlich die zwischen Hessen und Bayern. Auch weingeographisch ist das Gebiet nicht zum Rhein hin orientiert, sondern nach Osten: Der Michelbacher Apostelberg ist die am weitesten im Westen gelegene Grand-Cru-Lage Frankens. Und Franken, so sollte man meinen, ist Silvaner, Rieslaner und ein wenig Gemischter Satz, der Rheingau aber Riesling, Riesling und nochmals Riesling. Auf der Spur des roten Geheimnisses Doch so säuberlich geschieden wie Hessen und Bayern ist die Weinwelt nicht, vor allem nicht im Weingut Höfler in Michelbach, das den größten Teil des Apostelgartens bewirtschaftet. 22 Liter hat es am Vortag geregnet, aber Vater Bernd, Mutter Edeltraut und Sohn Johannes mit seiner vom Mittelrhein stammenden Frau sind bester Dinge. Denn die letzten Silvanertrauben waren da schon gelesen und warteten mit weichen Kernen und damit hochreif nur darauf, in breiten Watten schonend gestampft zu werden, nicht mit Maschinenkraft, sondern mit stiefelbewehrten Füßen. Auch die Kelter hat noch keine Ruhe, wiewohl die Bütten schon sauber verstaut sind. Der Riesling, der im Apostelgarten dem des Rheingaus nicht unähnlich ist, wurde ebenfalls schon gelesen. Tatsächlich ist die Kelter noch voll mit Spätburgundertrauben, die nach einigen Tagen schonend abgepresst und dann vergoren werden wollen. Doch warum nicht nur Weißwein, sondern auch noch ein Roter, ausgerechnet ein Spätburgunder, den mit der richtigen Balance zwischen Frucht und Gerbstoff, Eleganz und Dichte auf die Flasche zu bringen die schwierigste Aufgabe ist, die ein Winzer sich stellen kann? Des Rätsels Lösung liegt nicht in Michelbach und den beiden anderen Weinbaugemeinden, die zu der Stadt Alzenau gehören. Um ihr auf die Spur zu kommen, muss man für eine gute halbe Stunde eine autobahnähnlich ausgebaute Bundesstraße nehmen. Mainaufwärts führt die durch die Kreise Aschaffenburg und Miltenberg, vorbei an prosperierenden Industriegebieten, vorbei aber auch an Klingenberg, der schon immer für Rotweine bekannten Weinhandelsstadt. Das Ziel der Fahrt liegt in und um Bürgstadt. Hier haben die Berge, die den Main von Würzburg kommend gesäumt haben, einem Talkessel Raum gegeben, an dessen von Südost nach Südwest drehenden Hängen seit Jahrhunderten mehr Reben stehen als in allen Lagen entlang des Mains bis hierher zusammen. Tatsächlich reicht auch der lange Arm der traditionsreichen Würzburger Weingüter bis hierher, deren „Steinwein“ bis heute den großen Weinen aus anderen Regionen nicht nachsteht. Doch so, wie der Staatliche Hofkeller im nahen Hörsteiner Abtsberg längst keine Weine von Weltruf mehr erzeugt, so begnügt sich das Würzburger Juliusspital damit, in den leicht erwärmbaren Buntsandsteinböden von Bürgstadt einen einfachen Schwarzriesling (Pinot Meunier) und einen „Standpunkt Spätburgunder trocken“ zu erzeugen. Der deutsche Pinot noir Zwischen diesen Weinen und dem, was Christoph Walter und sein Sohn Felix auf weniger als vier Hektar im Bürgstadter Berg und dessen Spitzenlagen Centgrafenberg und Hundsrück erzeugen, liegen nicht nur preislich Welten. Hier süffige Zechweine, dort charaktervolle Spät- und Frühburgunder, die jung zu genießen genauso unmöglich ist wie junge Prémier Crus von der Côte d'Or in Burgund. Ausgebaut werden die Weine im historischen Ortskern von Bürgstadt, wo einst auch ein gewisser Paul Fürst in einem landwirtschaftlichen Gemischtbetrieb aufwuchs, zu dem kaum zwei Hektar Weinberge gehörten. Heute bewirtschaften Paul und sein Sohn Sebastian mehr als 20 Hektar und damit so viel Fläche, dass sie Spät- und Frühburgunder vom einfachen Gutswein bis zum Grand Cru in einer Menge erzeugen können, dass die Weine nicht nur in der Region oder vielleicht noch in Franken getrunken werden. Paul Fürst war vielmehr der Erste, der mit seinen Spätburgundern die internationale Weinwelt auf das immense Potential aufmerksam machte, das die Kombination aus Spitzenlagen und einem vergleichsweise kühlen Klima für diese Rebsorte hierzulande bereithält. Dabei hätte der Lebensweg des heute 71 Jahre alten Grandseigneurs des deutschen Pinot noir um ein Haar eine andere Wendung bekommen als die, nach der Ausbildung in Veitshöchheim, Schloss Johannisberg und Geisenheim an den Main zurückzukehren. Nur der frühe Tod des Vaters verhinderte, dass Paul sein Winzerglück in Kalifornien suchte. 1979 übernahm er zusammen mit seiner Frau Monika den Familienbetrieb und hauchte der weithin darniederliegenden Tradition der Rotweinerzeugung auf den Buntsandsteinböden von Bürgstadt und Miltenberg bis hinunter nach Klingenberg neues Leben ein. Paul Fürst war der erste Winzer in Franken und einer der ersten in Deutschland, die nicht mehr darauf setzten, Spätburgunder nach einer Maische-Erhitzung mit einer Restsüße auszubauen oder dem Markt mit fadfruchtigem „Weißherbst“ zu willfahren – wie es überall in Deutschland bis in die späten Achtzigerjahre die Regel war. Es folgte ein Aufstieg, wie er steiler nicht sein konnte. Fürst trocken, also ohne Restzucker ausgebaute Spätburgunder, schafften es auf Weinkarten der Grandhotellerie wie die der „Ente vom Lehel“ in Wiesbaden, wo sie sich einträchtig neben einer Vertikale von Château Palmer wiederfanden. 1996 tauchte sein Bürgstadter Spätburgunder des herausragenden Rotweinjahrgangs 1990, nach burgundischer Art in kleinen Holzfässern („barriques“) ausgebaut, bei einer Blindprobe der größten 150 Rotweine aus der Alten und der Neuen Welt wie ein Komet am Weinhimmel auf. Allein war Paul Fürst damals nicht mehr. Im selben Jahr kamen die Rotwein-Pioniere Werner Näkel (Dernau, Ahr), Bernd Philippi (Kallstadt, Pfalz), Werner Knipser (Laumersheim, Pfalz) und Joachim Heger (Ihringen, Kaiserstuhl) zusammen und gründeten die legendäre Pinot-Connection. Eine junge Generation belebt die Weinberge Heute stehen die Grand Crus aus Bürgstadt auf den Weinkarten von Spitzenrestaurants in aller Welt – zu Preisen, die für deutsche Weine nur für Riesling-Auslesen vom Rhein, aus der Pfalz und von der Mosel erzielt wurden. Heute werden sie auch für trockene „fine wines“ bezahlt, Rotweine eingeschlossen, was dem deutschen Weinwunder buchstäblich Farbe verleiht. Doch anstatt sich als Weinmagier feiern zu lassen, sind Paul Fürst und sein 1980 geborener Sohn Sebastian, die das Weingut gemeinsam leiten, bis heute ihrer Heimat verbunden geblieben. Die an die 200 Lehrlinge und Praktikanten aus aller Welt, die in den vergangenen 40 Jahren in Bürgstadt ein- und ausgegangen sind, haben den Ruf der Region nicht weniger in die Weinwelt getragen wie die an Eleganz und Finesse kaum zu übertreffenden Weine selbst. Auch ihre Flächen haben die Fürsts nie für sich behalten. Manch junger Winzer und manch ein Quereinsteiger wie der auf der Insel Föhr geborene Bastian Hamdorf, den es mit seiner Familie nach Klingenberg verschlagen hat, bewirtschaften heute erfolgreich Parzellen, die sie vor Jahren nur dank des Engagements der Fürsts hatten pachten können. Mittlerweile ist es selbst in der Klingenberger Paradelage Schlossberg einfacher, an Parzellen zu kommen. Der Arbeitsaufwand in dieser fast nur per Hand zu bewirtschaftenden Terrassenlage ist so immens, dass allein die Gestehungskosten einer Flasche Wein bei mehr als dem Doppelten dessen liegen, was die deutsche Geiz-ist-geil-Trinkerschaft für einen Wein auszugeben bereit ist. Trotzdem ist in den Weinbergen zwischen Michelbach und Bürgstadt mehr Leben denn je. In immer mehr Weingütern gibt eine selbstbewusste junge Generation den Ton an und aktiviert das oftmals vergessene Potential ihrer Heimat, etwa die beiden Giegerich-Söhne Kilian und Philipp. Sie haben das elterliche Weingut in dem eher für Handball bekannten Ort Großwallstadt zu einem magischen Anziehungspunkt für Weinfreunde aus allen Himmelsrichtungen gemacht. nd während an der Mosel und selbst im Rheingau Rebflächen in bester Lage niemanden mehr finden, der sie bewirtschaften mag, werden am Main Flächen in ein Naturschutzkonzept eingebettet rekultiviert, und das, wie am Bürgstadter Berg, in Gemeinschaftsarbeit. So erhalten die Weinbauern eine über Jahrhunderte gewachsene Kulturlandschaft, die ohne ihre Arbeit binnen weniger Jahre unwiederbringlich verfiele. Weinkultur als Gemeinschaftsprojekt Kein Wunder ist es auch, dass immer mehr Flächen inzwischen biologisch bewirtschaftet werden – wofür die Stritzingers in Klingenberg anfangs nur belacht wurden. Heute tastet sich Anja Stritzinger, deren Leidenschaft neben dem Wein das Lateinische ist, in ihren Parzellen am Klingenberger Schlossberg in die Welt der pilzwiderständigen Rebsorten vor. Zum Gesamtbild des Maintals zwischen Spessart und Odenwald gehört schließlich auch, dass die Tradition der Straußwirtschaften dank der neuen Qualität des Weins eine Renaissance erlebt. Die Umsätze am Ort wiederum ermöglichen es Winzerfamilien, von ihrer Hände Arbeit zu leben. Bei all diesen Aktivitäten bleibt nichts dem Zufall überlassen. Eine Hand greift in die andere, die Öffnungszeiten der Hackerwirtschaften sind abgestimmt, alles wirkt gut organisiert. Gemeinsam haben die vielen Unternehmer der Region einen Verein gegründet, der den Tourismus fördern soll und mit der Lebensqualität um Arbeitskräfte wirbt. Tatsächlich zieht das Maintal mit Angeboten wie einem Rotwein-Wanderweg immer mehr Besucher aus dem Rhein-Main-Gebiet an. Und wer bleiben und mit Blick auf Weinberge wohnen möchte, der hat es nach Frankfurt nicht weiter als aus vielen Ecken des Taunus. Das Tüpfelchen auf dem i einer Region, die mit Weinkultur und Lebensfreude nicht in das Bild eines sich in Selbstzweifeln verzehrenden Landes passt, ist indes ein neuer Name. Aus „Zwischen Odenwald und Spessart“ wurde vor einigen Jahren in Anlehnung an die alte Zugehörigkeit zu Kurmainz „Churfranken“. Eine geniale Idee, die wie einige der größten Spätburgunder der Welt in der Region selbst entstanden ist – in Bürgstadt, im Centgrafenberg, bei den Weinfürsten.