Fast sein ganzes Leben hat er geübt, so zu lächeln, dass man sein schiefes Gesicht nicht bemerkt. Heute zeigt Marcel Friederich seine Behinderung mit Stolz. Er ist anders – das sagt er zumindest über sich selbst. Aber anders sein heißt für ihn nicht mehr, weniger wert zu sein. Denn genau das hat sich der Siebenunddreißigjährige jahrelang eingeredet. Erst seit Kurzem akzeptiert sich der Mann mit dem schiefen Lächeln endlich so, wie er ist, und will dabei ein Mutmacher für andere sein. Von Geburt an lebt Friederich mit dem seltenen Möbius-Syndrom. In seiner linken Gesichtshälfte fehlen Nerven – das beeinträchtigt seine Mimik. Besonders sichtbar wird das, wenn er lacht: Dann bewegt sich nur die rechte Seite seines Gesichts, wodurch sein charakteristisches schiefes Lächeln entsteht. Darüber hinaus hat Friederich auch das Poland-Syndrom, das unter anderem seinen Gleichgewichtssinn beeinträchtigt und dazu führt, dass seine Finger an der linken Hand nicht vollständig ausgebildet sind. Doch das fällt erst auf den zweiten Blick auf. Heute stört ihn das kaum noch. Im Gegenteil: Friederich möchte anderen ein Vorbild sein und zeigen, dass man offen mit Behinderungen, Krankheiten oder persönlichen Besonderheiten umgehen sollte. Ganz selbstverständlich zeigt er, wo und wie sich Fehlbildungen an seinem Körper zeigen, hebt seine verkürzten Finger hervor. All das geschieht mit einer natürlichen Selbstverständlichkeit. Im Gespräch weist er so auf seine Behinderung hin, dass man aufmerksam hinschaut, und zugleich vermittelt Friederich das Gefühl, dass das vollkommen in Ordnung ist – dass man neugierig sein darf. Beim Fototermin stellt er sein schiefes Lächeln selbstbewusst zur Schau und fragt mit einem Augenzwinkern, ob er noch breiter lächeln soll. Ungeschickte Fragen über seine Behinderung? Für ihn gibt es keine – und damit macht er deutlich: Anderssein ist nichts, weswegen man sich verstecken müsste, sondern etwas, über das man sprechen kann und darf. Zugleich wünscht Friederich sich, damit zu einem respektvolleren und verständnisvolleren Miteinander in der Gesellschaft beizutragen, wie er sagt. Menschen, die anders und doch wie die meisten sind Sein Buch über „Mutmacher-Menschen“ soll genau diesen Weg weisen und mehr Inklusion sowie Offenheit fördern. „Ich wollte aber nicht nur über mich schreiben, sondern meine Reichweite nutzen, um andere mitzunehmen“, sagt Friederich. Er porträtiert elf Menschen, die auf unterschiedliche Weise „anders“ sind – jeder mit einer besonderen Geschichte. „Mir war wichtig, eine Bandbreite an Themen abzubilden“, sagt der Autor. Unter den Protagonisten des Buches sind ein Profisportler im Rollstuhl, eine Frau, die vier Fehlgeburten verkraften musste, ein Mann mit unterentwickelten Armen, eine Frau ohne Haare, jemand, der offen über Depressionen spricht, und ein junger Mann, dessen Vater sich das Leben nahm. Es sind Geschichten, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Und doch gibt es viele Menschen, die ähnliche Erfahrungen teilen wie die Porträtierten in Friederichs Buch. Denn nahezu jede zweite Person in Deutschland, insgesamt rund 40 Millionen Menschen, lebt mit einer chronischen Erkrankung. Dazu gehört auch Kathi, die mit gleich zehn chronischen Krankheiten durch das Leben geht. In ihrer Schulzeit war sie regelmäßig Mobbing ausgesetzt, unter anderem wegen ihrer Neurodermitis und ihres Lipödems. Mit 21 Jahren erhielt sie dann zusätzlich die Diagnose Diabetes und man sagte ihr, sie könne keine Kinder bekommen und müsse ihr Lieblingshobby aufgeben. Und heute? Inzwischen ist Kathi Mutter von drei gesunden Töchtern und spielt weiterhin leidenschaftlich Tischtennis. Ihre Geschichte soll anderen chronisch kranken Menschen Kraft schenken und zeigen, dass Krankheit einem erfüllten Leben nicht im Weg stehen muss. „Jeder kann ein Mutmacher für andere sein“ Friederich zeigt in seinem Buch die Vielfalt menschlicher Lebenswege. „Jeder kann ein Mutmacher für andere sein“, betont der Mann mit der seltenen Behinderung. „Ich möchte noch mehr Menschen einbeziehen. Menschen mit einer Sehbeeinträchtigung zum Beispiel oder People of Colour.“ Derzeit befindet er sich mitten in der Gründung eines Mutmacher-Vereins. Damit möchte er eine Anlaufstelle schaffen und dazu beitragen, Beeinträchtigungen zu enttabuisieren. Außerdem bietet er Workshops zu diesem Thema an Schulen und in Unternehmen an. Er sagt, auch er selbst hätte ein Vorbild in seinem Leben gebrauchen können. Friederich wurde 1988 in Mainz geboren und wuchs nach seinen Worten wohlbehütet in Nackenheim südlich von Mainz auf. Seine Kindheit verlief unbeschwert, frei von spürbaren Einschränkungen. Niemand schaute ihn seltsam an, und er selbst fragte sich nie, warum er anders aussah als etwa sein Bruder. Mit dem Wechsel auf das Gymnasium änderte sich das. Friederich musste die ersten verletzenden Sprüche hören. Ältere Schüler forderten ihn immer wieder auf, zu lachen, um über sein schiefes Gesicht zu spotten. Diese Form der Ausgrenzung war dem damals Dreizehnjährigen bis dahin völlig fremd. „Wenn ich mal nicht an der Reihe war, gemobbt zu werden, habe ich selbst andere gemobbt, um die Aufmerksamkeit von mir wegzulenken“, sagt Friederich. Die Ausgrenzung im Fußballverein tat am meisten weh Noch belastender als die Hänseleien in der Schule war für ihn jedoch die Ausgrenzung im Fußballverein. Fußball war einer seiner wichtigsten Lebensinhalte. Wie viele Jungen wollte auch er Profifußballer werden, genauer gesagt Torwart in der Bundesliga. Doch mit der Zeit wurde er auf die Bank gesetzt. „Plötzlich war ich auch da weniger wert“, erinnert sich Friederich. Dass das den Jungen tiefer traf als der Spott zuvor zeigt sich daran, wie er davon erzählt: Er wählt die Worte vorsichtiger und bewusster. Als sein Traum – ohnehin schwer zu erreichen – zerplatzte, suchte er nach einem anderen Weg, seine Leidenschaft für den Sport zu bewahren. Nach einem Praktikum bei einer Tageszeitung in Mainz stand Friederichs Entschluss fest: Er wollte Sportjournalist werden. Er begann ein Publizistikstudium an der Johannes-Gutenberg-Universität. „Das war mein Weg, mutiger und selbstbewusster zu werden.“ Sein Hobby machte er zum Beruf und fand darin Bestätigung. Doch die Zweifel blieben. Weil andere ihm immer wieder das Gefühl gaben, er sei wegen seiner Behinderung weniger wert und habe schlechtere Chancen, glaubte Friederich das irgendwann selbst. Während des Studiums sammelte er Erfahrungen. Mal beim Fernsehen, mal in Fußballvereinen. Er wurde Redakteur bei einem Sportmagazin. 2016 wechselte er ins Medienteam des Fußball-Klubs RB Leipzig. Doch seine Arbeit im Journalismus war auch eine Kompensation, wie Friederich sagt. Er habe nur so hart gearbeitet, weil er sich selbst von seiner Behinderung habe ablenken wollen. Auf Fotos habe er stets darauf geachtet, ernst zu schauen, um sein schiefes Lächeln zu verbergen. Die Erinnerungen an das Mobbing aus der Schulzeit saßen tief. Im Jahr 2019 wurde er schließlich Chefredakteur des Basketball-Magazins BIG. „Ich habe in kürzester Zeit so viele tolle Jobs machen dürfen“, sagt Friederich. „Aber das lag auch daran, dass ich nie länger als drei Jahre irgendwo geblieben bin. Ich wollte immer noch härter arbeiten, um mir selbst zu beweisen, dass mein Erfolg trotz meiner Behinderung verdient ist.“ Und doch kehrte keine Ruhe ein. Friederich wog 20 Kilogramm zu viel, ernährte sich ungesund, arbeitete zu lange und kompensierte die fehlende Freizeit mit Alkohol. „Ich habe mich nur noch über meine Rolle definiert: Marcel, der Sport- und Medienexperte. Das war für mich mein einziger Wert.“ Er hat es doch in die Bundesliga geschafft Im Januar 2021 bekam er eine Position bei der Deutschen Fußball Liga (DFL). Erst als stellvertretender Leiter, dann als Leiter der externen Unternehmenskommunikation. „Als ich an meinem ersten Arbeitstag meinen Kaffee holte, bin ich an der Meisterschale vorbeigelaufen“, erinnert sich Friederich. „Da dachte ich: Krass, jetzt hast du es wirklich in die Bundesliga geschafft.“ Er lächelt dabei, die Erleichterung ist spürbar, doch gleichzeitig liegt etwas Nachdenkliches in seinem Blick. Er lebte wieder in seiner Heimat Mainz, arbeitete für die Bundesliga und hatte seine heutige Partnerin kennengelernt. „Da habe ich mich gefragt: Muss ich in dieser Lebenssituation wirklich immer noch mein eigentliches Thema mit Arbeit verdrängen?“ In einem Urlaub beschäftigt sich Friederich zum ersten Mal in seinem Leben mit dem Möbius-Syndrom. Bei seiner Recherche findet er einen Verein, der Menschen mit dieser seltenen Krankheit verbindet. Dort lernt er eine Frau kennen, die einen Podcast zu diesem Thema betreibt und Friederich einlädt, ihr Gast zu sein. „Und dann habe ich, statt mein schiefes Lächeln zu verdrängen, endlich angefangen zu reflektieren“, sagt der Mainzer stolz. Kurz vor Weihnachten 2022 nahm er die Einladung an. „Ich habe gemerkt, wie viel Freude es mir bereitet, über mein Leben mit dem Syndrom zu sprechen“, erinnert er sich. „Es war befreiend.“ Anfang 2023 teilte er zum ersten Mal in den sozialen Medien etwas über das Möbius-Syndrom – mit einem Hinweis auf die Podcastfolge und damit auf seine persönliche Geschichte. Anfangs zögerte er. „Wer sollte sich schon dafür interessieren?“ Doch am Ende war es ihm egal. Innerhalb weniger Tage erreichte sein Beitrag eine halbe Million Menschen. Er sagt, er habe plötzlich gemerkt, „wie viel Wirkung darin steckt, über das Anderssein in positiver Form zu sprechen“. Er begann, regelmäßig Beiträge über das Thema zu veröffentlichen. Jedes Mal erhielt er positive Rückmeldungen. Kurz darauf meldete sich ein Verlag mit der Anfrage, ob er ein Buch über sein Leben und das Syndrom schreiben wolle. Das tat er – und ergänzte es um weitere Geschichten. Sein Buch „Mutmacher-Menschen: Schräg. Stark. Außergewöhnlich“ ist im November als Taschenbuch erschienen und knüpft an den Podcast an: positiv über das Anderssein zu sprechen. Mittlerweile bekomme er höchstens einen neugierigen Blick, sagt Friederich. Viel öfter aber werde er direkt auf sein Projekt angesprochen. Zwar habe er später erfahren, dass ihm wegen seiner Behinderung einige berufliche Chancen entgangen seien. Doch das mache ihn heute eher nachdenklich als traurig. „Ich bin glücklich darüber, wie sich mein Leben entwickelt hat.“ Sein schiefes Lächeln ist kein Makel mehr, sondern eine Einladung: hinzusehen, zu fragen, ins Gespräch zu kommen.
