Im vergangenen Sommer war im Amberger Congress Centrum eine Ausstellung mit Fotografien von Bryan Adams zu sehen. Der Oberbürgermeister war stolz darauf, dass in seiner Stadt Bilder von jenem Mann zu sehen waren, den die ganze Welt als Popsänger kennt. Die Oberpfälzer müssten für Kunst nicht in Großstädte wie München und Berlin fahren, vielmehr bringe die Stadt Kunst nach Amberg. Ein Satz, der zwei Fragen provoziert. Erstens: War es nicht eher Adams selbst beziehungsweise sein Management, das seine Werke nach Amberg brachte? Schließlich sind seine Fotografien noch ausdauernder auf Tournee als er selbst. Und zweitens: Handelt es sich bei seinen Bildern um Kunst? Seit Kurzem kann Adams geltend machen, dass das Hessische Landesmuseum in Darmstadt die Frage bejaht, schließlich zeigt es in seinen schönsten Räumen noch bis zum 21. Juni eine umfassende Schau mit Aufnahmen des Kanadiers. Gar als „bedeutenden Fotografen“ preist es ihn an und stellt ihn in eine Reihe mit Peter Lindbergh, Walter Schels und Candida Höfer, deren Werke zuvor am gleichen Ort gezeigt worden sind. Das Landesmuseum ist die erste große altehrwürdige Kulturinstitution, die Adams präsentiert. Dieser Nobilitierung liegt offenbar ein Deal zugrunde: Für die Massenandrang verheißende Prominenz des Sängers war man bereit, die museologische Kontrolle vollständig aus der Hand zu geben. Die Ausstellung ist „kuratiert“ von der Kunstagentin Anke Degenhard, die sich seit vielen Jahren um die Vermarktung von Adams’ Bildern kümmert, und einem Adams verbundenen Londoner Maler. Die Bilder aus vier Porträtserien, die in Darmstadt zu sehen sind, künden von einem Fotografen, der sein Handwerk technisch perfekt beherrscht, auch dank großer Produktionsteams, die ihn bei den Shootings unterstützen. Und keine Frage, der nette Kerl, der Adams sein kann, hat die Gabe, die von ihm Porträtierten entspannt wirken zu lassen, egal ob es sich um befreundete Schauspieler und Rockstars handelt oder um Londoner Obdachlose und versehrte Veteranen des Afghanistankriegs. Aber die Fotografien sind wie seine Songs: vordergründig, steril und selbst dann laut, wenn sie leise sein wollen. Es gibt in der Ausstellung ein einziges Bild, das den Besucher packt. Es ist ein Schwarz-Weiß-Porträt der Queen. Es zeigt Elisabeth II., auf einem Stuhl sitzend, neben sich zwei Paar dreckige Gummistiefel und einen Regenschirm, beinahe diebisch lächelnd schaut sie in die Kamera. Wenn man ein wenig im Netz recherchiert, stößt man auf die Information, dass im Buckingham-Palast alles für eine Aufnahme mit einer Großformatkamera hergerichtet war. Am Ende der Fotosession griff Adams zu seinem analogen Kleinbildapparat und machte diesen Schnappschuss. Der Blick der Queen, der ein vertrauensvolles, stilles Einverständnis mit dem Fotografen signalisiert, adelt Adams – als Menschen.
