FAZ 13.02.2026
17:05 Uhr

Bruno Retailleau: Frankreichs früherer Innenminister will Präsident werden


Noch hatte sich Frankreichs bürgerliche Rechte nicht auf einen Präsidentschaftskandidaten verständigt. Nun prescht der Vorsitzende der Republikaner voran.

Bruno Retailleau: Frankreichs früherer Innenminister will Präsident werden

Noch bevor sich die bürgerliche Rechte in Frankreich auf die Auswahl ihres Präsidentschaftskandidaten geeinigt hat, ist der Parteivorsitzende der Republikaner (LR) vorgeprescht. Am Donnerstagabend kündigte der 65 Jahre alte Bruno Retailleau an, bei den Präsidentenwahlen im Frühjahr 2027 anzutreten. In einem Brief an alle Abgeordneten und Senatoren seiner Partei bekräftigte er, er wolle die bürgerliche Rechte „von ihren Komplexen befreien“. Einwanderung sei keine Chance für Frankreich. „Ab einer bestimmten Zahl wird eine multikulturelle Gesellschaft immer zu einer multikonfliktbeladenen Gesellschaft“, äußerte Retailleau. Um die Einwanderung effektiv einzudämmen, kündigte der Vorsitzende der Schwesterpartei von CDU/CSU an, die europäische Gerichtsbarkeit umgehen zu wollen. In seiner Zeit als Innenminister habe er erlebt, wie die europäische Rechtsprechung den Handlungsspielraum der nationalen Behörden einschränke. Das könne so nicht weitergehen. Retailleau setzt sich über eigens eingesetzte Arbeitsgruppe hinweg Retailleau forderte zudem eine Verfassungsänderung, um künftig Volksentscheidungen über Einwanderungsfragen ansetzen zu können. Bislang sind Referenden zum Thema Einwanderung nicht erlaubt. Retailleau strebt an, das nationale Recht in Einwanderungsfragen über das europäische zu stellen. Zudem will er die Leistungen für Ausländer stark einschränken. Ein Referendumserfolg soll ihm dabei erlauben, die Bedenken des Verfassungsrates zu umgehen. Retailleau schlägt damit die gleiche Vorgehensweise wie die Rechtspopulisten Marine Le Pen und Jordan Bardella vor. Eigentlich sollte die von Retailleau eingesetzte Arbeitsgruppe der Partei zum Monatsende Empfehlungen zur Auswahl des Präsidentschaftskandidaten unterbreiten. Retailleau hat sich nun darüber hinweggesetzt. Er will vermeiden, dass Vorwahlen anberaumt werden. Der Parteichef beruft sich darauf, dass er im vergangenen Jahr bei einer Mitgliederabstimmung über den Parteivorsitz annähernd 75 Prozent der Stimmen erhielt. Im rechtsbürgerlichen Lager hat bereits der ehemalige Premierminister Édouard Philippe angekündigt, bei den Präsidentenwahlen anzutreten. Justizminister Gérald Darmanin, ein abtrünniger Republikaner, erwägt ebenfalls eine Kandidatur. Aber auch parteiintern ist Retailleaus Vorgehen umstritten. Der LR-Regionalratsvorsitzende für Nordfrankreich, Xavier Bertrand, liebäugelt ebenfalls mit einer Kandidatur. Der LR-Fraktionsvorsitzende Laurent Wauquiez kündigte im Magazin „Le Point“ an, er wolle weiterhin Präsident werden. Mit Blick auf die vielen Präsidentschaftskandidaten im rechtsbürgerlichen Lager fügte Wauquiez hinzu: „Wird jeder mit seinem kleinen Ego vor der Geschichte die Verantwortung übernehmen, derjenige zu sein, der die französische Demokratie vor die Alternative extreme Linke oder extreme Rechte stellt?“