FAZ 02.01.2026
15:26 Uhr

Britischer Wehrdienst: Ein Gap Year beim Militär


Auch die britische Armee hat Rekrutierungssorgen. Nun soll ein neues Freiwilligenangebot helfen.

Britischer Wehrdienst: Ein Gap Year beim Militär

Die britischen Streitkräfte bieten Schulabgängern einen neuen freiwilligen Wehrdienst an, um die Zahl ihrer Rekruten zu steigern. Das Programm beginnt im Frühjahr mit rund 150 Plätzen, soll aber in allen Teilstreitkräften insgesamt zügig auf 1000 Stellen wachsen. Im abgelaufenen Jahr fiel die Truppenstärke von Landstreitkräften, Royal Navy und Royal Air Force auf eine Gesamtzahl von 148.000 Soldatinnen und Soldaten; Politiker von Regierung und Oppositionsparteien wiesen wiederholt darauf hin, dass die Streitkräfte mittlerweile auf einen Umfang geschrumpft seien, den sie zuletzt vor den Napoleonischen Kriegen gehabt hätten. Nach einer amtlichen Statistik vom Sommer 2025 liegen alle Teilstreitkräfte unter ihrer Sollstärke. Insgesamt waren vor einem halben Jahr rund 8600 Stellen unbesetzt. Vor Monaten verlangte der damalige Generalstabschef des britischen Heeres, General Patrick Sanders, Großbritannien müsse eine „Bürgerarmee“ trainieren und ausrüsten. Vor wenigen Wochen sagte der Chef aller Teilstreitkräfte, Luftmarschall Richard Knigh­ton, im Blick auf die Bedrohung durch Russland müssten künftig „mehr Briten bereit sein, für ihr Land zu kämpfen“. Verteidigungsminister John Healey sagte, das Freiwilligenprogramm solle Teil der Bemühungen sein, die ganze Gesellschaft zu mobilisieren, ihren Beitrag zu „Abwehr und Abschreckung“ zu leisten. Das Programm folgt einer Empfehlung des jüngsten britischen Verteidigungs-Weißbuches, welches im vergangenen Sommer veröffentlicht wurde. Eine Debatte über die allgemeine Wehrpflicht gibt es im Vereinigten Königreich gegenwärtig nicht, da anders als in Deutschland oder Frankreich der Wehrdienst auf den Britischen Inseln eher als gesellschaftlicher Ausnahmefall denn als Normalität erfahren worden ist. Das hat mit der Insellage der Nation zu tun, die keine militärische Bedrohung an einer Landgrenze kennt. Die Briten kennen schon lange keine Wehrpflicht mehr Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges dauerte es zwei Jahre, bis eine gesetzliche Wehrpflicht in Kraft trat; sie wurde nach dem Ende des Krieges wieder aufgehoben. Auch während des Zweiten Weltkriegs galt eine Wehrpflicht, die anschließend abgeschafft, in den Fünfzigerjahren jedoch zu Beginn des Kalten Krieges nochmals für ein Jahrzehnt erneuert wurde. Traditionell nehmen die britischen Streitkräfte auch Soldaten aus anderen Ländern auf. Dazu zählen ein Kontingent von Rekruten aus Ländern des Commonwealth sowie außerdem die Nepalesen der Gurkha-Brigade, die allein mehr als 4000 Soldaten umfasst, und das irische Regiment, in das neben Bewerbern aus dem britischen Nordirland auch Soldaten aus der irischen Republik oder irischer Herkunft aufgenommen werden. Um das Angebot eines freiwilligen Wehrdienstes attraktiv zu machen, ist es mit dem Etikett eines „gap year“ versehen worden – ein Ausdruck, der eigentlich jene Zeit nach dem Schulabschluss meint, in der Jugendliche vor der Aufnahme von Studium oder Beruf einige Monate lang Abenteuer und Arbeit im Ausland suchen. Das britische Heer will sein Freiwilligenangebot auf zwei Jahre ausdehnen und mit einer drei Monate währenden Grundausbildung beginnen; die Royal Navy will auch Freiwilligenkurse mit einem Jahr Dauer anbieten. Über die Höhe der Besoldung hat das britische Verteidigungsministerium bislang keine Angaben gemacht.