FAZ 16.12.2025
15:39 Uhr

Britische Verteidigung: Streitkräfte und Geheimdienst verlangen mehr Wehrkraft


Der Chef der britischen Streitkräfte zeichnet ein düsteres Bild der Sicherheit. Und die MI6-Chefin erzählt, wie Russland die NS-Geschichte ihres Großvaters gegen sie nutzt.

Britische Verteidigung: Streitkräfte und Geheimdienst verlangen mehr Wehrkraft

Die britische Gesellschaft muss wehrtüchtiger werden und sich die Wirkungen hybrider Angriffe auf die Grundlagen der Demokratie stärker bewusst machen. Entsprechende Forderungen haben der Chef der britischen Streitkräfte, Richard Kneighton, und die Chefin des Auslandsgeheimdienstes MI6, Bleise Metreweli, an die eigene Bevölkerung gerichtet. Kneighton sagte, die Sicherheit der Nation könne nicht einfach an die Streitkräfte „ausgelagert“ werden, es müsse größere Teile der Bevölkerung geben, die „bereit sind, für ihr Land zu kämpfen“. Kneighton sprach sich zwar gegen die Rückkehr zu einer allgemeinen Wehrpflicht aus; diese hatte Großbritannien, anders als viele westliche Länder erst spät – 1916, mitten im Ersten Weltkrieg – eingeführt und Mitte der Sechzigerjahre wieder abgeschafft. Aber er prophezeite, künftig würden sich mehr „Söhne und Töchter, Kollegen, Veteranen“ den Streitkräften zur Verfügung stellen müssen, „und mehr Familien werden erfahren, was es bedeutet, sich der Nation zu opfern“. Er verlangte, die Universitäten, der staatliche Gesundheitsdienst und die Industrie müssten größere Beiträge zur Wehrfähigkeit Großbritanniens leisten; das gelte etwa für den Ausbau der Rüstungsproduktion, um den Bedarf des Vereinigten Königreiches und seiner Verbündeten bei deren Wiederbewaffnung decken zu können. Es gebe eine „Fähigkeitslücke“ in den Entwicklungsabteilungen der Rüstungsindustrie, die durch die Gründung neuer Berufs- und Hochschulen geschlossen werden solle. Der Chef der britischen Streitkräfte gab an, zwar sei der Überfall Russlands auf die Ukraine „ein strategischer Fehlschlag“ gewesen, doch täusche das nicht darüber hinweg, dass „Russland riesige, immer stärker technisch avancierte und nun in hohem Maße kampferprobte Streitkräfte hat“. Er erinnerte an tägliche Cyberattacken Russlands gegen Ziele in Großbritannien und anderen westlichen Ländern und an die Morde und Mordversuche russischer Agenten auf britischem Boden. Machtverschiebung von Staaten zu Einzelpersonen Die Direktorin des MI6 sagte, neben dem Abnutzungskrieg in der Ukraine „testet Russland uns in einer Grauzone mit Taktiken, die gerade so unterhalb der Schwelle eines Krieges liegen“. Es sei wichtig, „diese russischen Versuche zu verstehen, uns zu schikanieren, einzuschüchtern und zu manipulieren, weil es uns alle betrifft“. Metreweli berichtete anhand ihrer eigenen Familiengeschichte, wie russische Desinformation funktioniere. Sie erzählte von ihrem Großvater Constantine Dobrowolski, der ein ukrainischer Kollaborateur des NS-Regimes gewesen sei. Dessen Lebensgeschichte sei von russischen Medien wiederholt eingesetzt worden, um ihren Ruf und ihre Glaubwürdigkeit zu erschüttern, sagte die Chefin des MI6, die im internen Jargon des Geheimdienstes mit dem Kürzel „C“ bezeichnet wird. Metreweli wurde jedoch auch allgemeiner: Die Welt werde im Zeitalter Künstlicher Intelligenz und Internet-Algorithmen aktiv neu geschaffen. Die Macht verschiebe sich von Staaten hin zu Einzelpersonen, sie werde „diffuser und unkalkulierbarer“. Die Folge davon sei eine Erosion von Vertrauen. „Information, einst eine einigende Kraft, wird immer mehr zur Waffe.“ Falschmeldungen verbreiteten sich schneller als Fakten, spalteten Gesellschaften und verdrehten die Wirklichkeit. „Und mit dem Vertrauen bricht das gemeinsame Empfinden für die Wahrheit zusammen – einer der größten Verluste, den eine Gesellschaft erleiden kann.“