FAZ 12.05.2026
15:55 Uhr

Britische Regierungskrise: Der brutale Abstieg der Labour-Partei


Die Regierung Starmer hat eine nationale Erneuerung und mehr Wirtschaftswachstum versprochen – und versagt. Nun hängt Starmers Schicksal in der Schwebe. Nigel Farage hat leichtes Spiel.

Britische Regierungskrise: Der brutale Abstieg der Labour-Partei

Wenn die Herde sich in Bewegung setzt, dann ist sie nicht mehr zu stoppen. So formulierte es Boris Johnson, als er vor vier Jahren als britischer Premierminister von den eigenen Parlamentariern gestürzt wurde. Wird es Keir Starmer ebenso ergehen? Nach den desaströsen Labour-Wahlergebnissen in den Kommunalwahlen wollte er ein Aufbruchszeichen setzen. Sein Auftritt am Montag hat aber nicht überzeugt. Zu wenig, zu spät, zu schwach. Starmers Rede bestätigte, was man über ihn weiß: Er besitzt das Charisma eines Aktenordners, und es fehlt ihm eine überzeugende Vision für das Land, die Hoffnung weckt. Als Beispiel für Politik, die das Land stärker mache, präsentierte er ausgerechnet die Verstaatlichung eines notleidenden Stahlwerks von British Steel in Scunthorpe. Zweitens nannte er eine Verbesserung der Beziehungen mit der EU, aber Neues hatte er nicht zu bieten. Die roten Linien (Zollunion, Binnenmarkt) bleiben. Das war kein Aufbruchsignal, die Rede verpuffte. Seitdem melden sich immer mehr Labour-Abgeordnete, die seinen Rücktritt fordern. Auch im Kabinett brodelt es. Starmer will in der Downing Street bleiben, doch die Zweifel wachsen, ob er dem Druck noch lange standhalten kann. Die politische Unsicherheit zeigt schon jetzt Folgen auf den Finanzmärkten, da internationale Anleger fürchten, dass ein Starmer-Nachfolger eine linkere Politik verfolgen und die Schuldenbremse schleifen werde. Entsprechend nervös ist der Anleihemarkt, die Kurse fielen am Dienstag. Mit 5,8 Prozent kletterte die Rendite für dreißigjährige Schuldpapiere auf den höchsten Stand seit 1998. Eine schwere Regierungskrise könnte Kapitalflucht auslösen. Labour im Todeskampf könnte nach links driften Die Gründe für Labours brutalen Absturz zwei Jahre nach Starmers Regierungsantritt liegen auf der Hand. Starmer hatte eine nationale Erneuerung und mehr Wirtschaftswachstum versprochen, aber nichts davon geliefert. In Sachen Wachstum kann die Regierung kaum etwas vorweisen. Auch das versprochene große Bauprogramm gegen die Wohnungsnot kommt nur langsam voran. Und Starmers Regierung schafft es bislang nicht, die illegale Schlauchbootimmigration über den Ärmelkanal in den Griff zu bekommen. Besonders der Unmut über die Migrationsfrage treibt viele Wähler in die Arme von Reform UK. Die Partei von Nigel Farage profitiert auch vom Frust über verfallende Innenstädte, Kriminalität und mangelnde wirtschaftliche Perspektiven. Labours Wählerbasis bröckelt in einem Maße, das für die Partei existenzbedrohlich ist. In den verarmten Industrieregionen im Norden Englands, die vor zehn Jahren für den Brexit votierten, hat Reform alte Labour-Bastionen im Flug erobert. Die ehemalige „rote Mauer“ ist zunehmend in Reform-Türkis gefärbt. Dort traut man Labour kaum noch etwas zu. Starmer warnt, ein Kampf um den Parteivorsitz würde „das Land ins Chaos stürzen“. Aller Voraussicht nach wird Labour in der Post-Starmer-Zeit deutlich nach links schwenken. Nicht nur die Anleger auf dem Anleihemarkt beginnen, an der Haushaltspolitik und der langfristigen Schuldentragfähigkeit zu zweifeln. Eine stärker nach links driftende Labour-Partei im Todeskampf könnte noch stärker zu den alten Rezepten tendieren: mehr Regulierung, höhere Steuern und mehr Staatsausgaben. Das wäre das Gegenteil einer Wachstumsagenda. Starmer und seine Finanzministerin Rachel Reeves haben in den vergangenen zwei Jahren schwerwiegende Fehler gemacht. Ihre Steuer- und Abgabenerhöhungen schrecken Unternehmen von Investitionen und Neueinstellungen ab. Der sprunghaft gestiegene Mindestlohn, hohe Tarifabschlüsse und steigende Sozialbeiträge haben den Teuerungsdruck verschärft und belasten den Arbeitsmarkt. Angesichts des Energiepreisschocks infolge des Irankriegs erscheint Großbritannien nun als jenes G-7-Land, dessen Konjunktur am verletzlichsten ist. Starmer nannte Wirtschaftswachstum als absolut oberste Priorität, aber seine Regierung hat versagt und erhält nun die Quittung. Viele Briten sehen ihr Land in einem „verwalteten Niedergang“. Da hat der charismatische Anti-Establishment-Mann Farage leichtes Spiel, den Eliten von Labour und Tories die Schuld an „Broken Britain“ zuzuweisen. Er blinkt mal nach rechts, mal nach links. Seine Anhänger stört kaum, dass Farages Programm dünn und nicht durchfinanziert ist. Er verspricht ihnen das Türkisblaue vom Himmel – und sie lieben es. Für die Labour-Regierung wird die Zeit knapp. Gelingt Labour – unter Starmer oder einem Nachfolger – nicht die Wende, vor allem eine Wirtschaftswende, wird die Partei als jene in die Geschichte eingehen, die Farage den Weg in die Downing Street geebnet hat.