Der Mandatsträger, der jüngst von den britischen Konservativen zu den Rechtspopulisten von Reform UK übergelaufen ist, hat bislang eher mit Eskapaden als mit politischen Initiativen auf sich aufmerksam gemacht: Hohe Reisespesen zählten dazu und die Rolle seines Bullterriers, den er im Wahlkampf einst in ein Mäntelchen mit dem Muster des Union Jacks kleidete. Andrew Rosindell heißt der Unterhausabgeordnete, seit einem Vierteljahrhundert repräsentiert er nun schon den Wahlkreis Romford im Unterhaus. Der Reform-Parteichef Nigel Farage lobte den Parteimigranten sogleich als „großen Patrioten“, der eine „großartige Ergänzung unseres Teams“ abgebe. Eine noch aufsehenerregendere Erwerbung konnte Farage kurz zuvor verkünden, nachdem der Konservative Robert Jenrick an seine Seite gewechselt war. Jenrick hatte vor 15 Monaten – nach der dramatischen Wahlniederlage der Konservativen Partei – den Wettbewerb um ihre Führung knapp gegen Kemi Badenoch verloren und seither unablässig versucht, seine Parteifreundin unter Druck zu setzen. Er stellte Kurzfilme ins Internet, die ihn am Strand von Calais bei dem Versuch zeigten, Migranten von der illegalen Überfahrt ins Vereinigte Königreich abzuhalten, oder ihn als Hilfskontrolleur in der Londoner U-Bahn bei der Absicht präsentierten, Schwarzfahrer zu ergreifen. Reform liegt bei Umfragen bei 30 Prozent Jenrick nutzte seine offizielle Position als Zuständiger für Recht und Justiz, auch Schatten-Justizminister genannt, um seine Partei so lange lautstark auf den Austritt aus der Europäischen Menschenrechtskonvention festzulegen, bis Badenoch schließlich bei anderen konservativen Parteifreunden ein Rechtsgutachten bestellte, das genau diese Handlungsempfehlung aussprach. Zu den Übertritten Jenricks und Rosindells kommt noch der Wechsel Danny Krugers, eines rechtskonservativen Ideengebers, der als erster Mandatsträger der Konservativen im vergangenen September auf die Reform-Bank wechselte. Damit hält sich vorerst der Eindruck, dass es Badenoch nicht gelingt, ihre Partei gegen die Karriere-Verheißungen der Konkurrenzpartei Nigel Farages zu immunisieren. Auch wenn bis zur nächsten regulären Wahl noch dreieinhalb Jahre vergehen können, wirkt die Führungsposition, die aktuelle Meinungsumfragen Farage zubilligen, offenkundig jetzt schon zu aussichtsreich. Die Demoskopen markieren Reform UK bei knapp 30 Prozent der Stimmen, gefolgt von den Konservativen bei rund 20 Prozent. Labour landet knapp dahinter auf dem dritten Platz; Grüne und Liberaldemokraten halten Stimmenanteile von jeweils mehr als zehn Prozent. Druckmittel für einen Platz im Oberhaus Nach dem britischen Mehrheitswahlrecht, dass nur dem Erstplatzierten in den Wahlkreisen ein Mandat im Unterhaus verschafft, könnte Reform gegenwärtig mit mehr als 250 Sitzen rechnen. Das ergäbe zwar keine absolute Mehrheit, stellte aber einen dramatischen Zuwachs dar, gemessen an den sieben Mandaten, welche Farages Partei tatsächlich hält – drei davon haben die konservativen Überläufer mitgebracht. Noch weitaus größer – an die zwanzig Köpfe zählend – ist der Kreis jener konservativen Überläufer, die früher einmal in der ersten Reihe der Konservativen auf den grünen Lederbänken im Unterhaus saßen, die unterdessen aber nicht bloß Ministerwürden, sondern auch ihre Wahlkreise verloren haben. Nadine Dorries zählt dazu, die einstige Kulturministerin im Kabinett Boris Johnsons, die aus ihrer alten politischen Heimat auszog, nachdem sich dort niemand fand, der ihren Traum auf eine Adelswürde und einen Sitz im Oberhaus ermöglichte. Das gleiche Motiv darf bei Nadim Zahawi vermutet werden, der gleichfalls Johnson in verschiedenen Ämtern diente, und auch seinen Namen nicht auf der Vorschlagsliste für das House of Lords finden konnte. Badenoch bemüht sich unterdessen, ihre sachte schrumpfende Oppositionsfraktion – die jetzt noch 117 Mitglieder zählt – mit schnippischem Humor zusammenzuhalten. Jenricks Abgang löste sie in der vergangenen Woche durch eigenes Zutun aus, indem sie ihm von seiner Sprecherfunktion löste, nachdem sie Hinweise erhalten hatte, dass er seinen Absprung zu Reform plante. Jenrick sei jetzt „Nigel Farages Problem, nicht mehr meins“, sagte sie hinterher. Und nach dem jüngsten Abgang lautete die Sprachregelung der Konservativen: „Farage macht unseren Frühjahrsputz.“
