Das Jahr 1972 war für den Kölner Schriftsteller und öffentlichen Intellektuellen Heinrich Böll (1917 bis 1985) ein Schicksalsjahr, an dessen Ende die Überreichung des Nobelpreises für Literatur stand. Ein Triumph auch des politischen Kommentators Böll, der zu Beginn dieses Jahres noch undenkbar erschienen wäre. Tatsächlich hätte es für ihn kaum schlechter beginnen können, denn sein Essay über die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof (1934 bis 1976), veröffentlicht im „Spiegel“ am 10. Januar unter dem Titel „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“, hatte einen Politik, Medien und Zivilgesellschaft erfassenden Skandal in der Bundesrepublik ausgelöst. Böll, der den sowohl ikonisch als auch notorisch gewordenen Titel des Artikels nicht selbst gewählt, ja ihn sogar abgelehnt hatte, wurde damit zur Zielscheibe reaktionärer Kräfte. Allerdings war er zu diesem Zeitpunkt auch Vorsitzender des Autorenverbandes PEN International. In dieser Eigenschaft besuchte er mitten im folgenden medialen Ungewitter Georgien, damals noch ein Teil der Sowjetunion, und war somit für mehrere Wochen nicht brieflich erreichbar. Diese Unerreichbarkeit war der Grund, dass ein Brief des Süchtelner Dichters Albert Vigoleis Thelen (1903 bis 1989) – der Durchschlag datiert vom 23. Februar 1972 – von Böll erst verspätet, am 26. April, beantwortet wurde. Thelen ist vor allem für den zauberhaft schelmischen, von seinem Alter Ego Vigoleis erzählten Roman „Die Insel des zweiten Gesichts“ (1953) bekannt. Er war ein Vagabund, der Deutschland weitgehend mied und lebenslang mit prekären finanziellen Verhältnissen kämpfte. Zum Zeitpunkt seiner brieflichen Kontaktaufnahme mit Böll lebte Thelen in der Schweiz. Und so verpassten sich diese zwei Weltbürger vom Niederrhein in der Wirklichkeit, denn das eigentliche Anliegen des Briefs war eine Einladung an den jüngeren, ungleich erfolgreicheren und berühmteren Kollegen zu einer Dichterlesung. Daraus wurde dann aufgrund der Reise Bölls nichts. Aber die beiden Schriftsteller begegneten und verstanden sich in den beiden einzigen Briefen, die sie getauscht haben. Böll erweist sich als angriffslustig, beinahe pöbelnd Diese Schreiben liegen in Thelens Nachlass im Kreisarchiv Viersen und sind der Öffentlichkeit bisher noch nicht bekannt geworden. Thelens Kontaktaufnahme ist ein rhetorisches und psychologisches Kunststück, während Bölls in kollegial-zugewandtem Umgangston gehaltener Antwortbrief eindrucksvoll von seiner enormen Verletztheit durch den, so nennt ihn Thelen in seinem Brief, „casus boelli“ zeugt. Thelen eröffnet den Brief mit einem Hinweis auf ein Interview, das Böll am 9. Februar 1972 Markus Ronner, dem Chefredakteur des damals noch eher liberal aufgestellten Schweizer Blattes „Weltwoche“, gewährt hatte. Ronner ließ Böll darin fair und viel zu Wort kommen, stellte den Schriftsteller aber auch als „völlig erschöpften und niedergeschlagenen“ Mann dar. Natürlich nimmt Thelen im Brief Partei für den Kollegen und verknüpft die Gegenwart der Bundesrepublik mit der belasteten Vergangenheit einiger ihrer intellektuellen Akteure, „denen die braune Kruste als Schorf von Wunden, die mir nicht heilen, noch anhaftet“. Dieses Thema nimmt Böll in seiner Antwort ausführlich auf. In angriffslustigem, manchmal geradezu pöbelndem Ton hält er fest, dass er alles von „den elenden (und wirklich faschistischen Scheissern)“ wisse und „doch diese Fressen von der unseligen Deutschen Wehrmacht“ kenne, die ihm nun nachstellten. Zu der aggressiven Sprache kommen noch überraschend viele und nicht sämtlich per Hand verbesserte Tippfehler. Dass Böll eine falsche Anrede verwendet und „Vigoleris“ statt „Vigoleis“ schreibt, ist schon ein erstes Zeichen von Anspannung (freilich lässt sich unter Schriftstellern auch ein Wortspiel nicht ausschließen). Wut versus Abschweifung Aber vor allem ein solch bemerkenswerter Mehrfach-Tippfehler wie der von „gepkacktenKooffer[n]“ lässt die enorme Gereiztheit Bölls unmittelbar aufblitzen – Thelen hatte ihn nach der Bedeutung der „bepackten Koffer“ gefragt, von denen im Gespräch mit der „Weltwoche“ die Rede gewesen war. So dokumentiert die sprachliche Wut und kommunikative Flüchtigkeit in einem eigentlich freundlich gehaltenen Brief eindringlich, wie sehr der ausgebrochene „Medienkrieg“ (so hatte es in der „Weltwoche“ geheißen) Böll damals zusetzte. Dieser Wut steht der launige und abschweifende, aber dann doch stets auf den Punkt kommende Stil von Thelen gegenüber. Im typischen Vigoleis-Sound werden in seinem Brief einige abgelegene Ausdrücke in das Schreiben eingestreut: „geschleunt“ (beeilt), „teufte sich“ (vertiefte im Sinne von „verstrickte sich“, der Anklang an den Teufel verweist auf das fatale Element dabei) oder „verzwunzenen“ (geziert, künstlich, aber auch, ganz im Sinne des Vigoleis, schelmisch). Wohl gezielt eingesetzt wird rheinisches Idiom, so wenn Thelen vom „Dürpel“ (Treppenabsatz vor der Haustür) spricht. Da waren professionelle Wortkünstler aus derselben Region unter sich. Eine wichtige Rolle nehmen in Thelens Brief dritte Personen ein. Über deren Nennung soll der erste Kontakt der beiden ungleichen Kollegen immer wieder durch neue Gemeinsamkeiten befestigt werden. Darunter sind private Gewährsleute wie der beiden bekannte Werbemann Friedrich Wilhelm (genannt Fitti oder Fitty) Ortmeyer, dessen Idee es überhaupt gewesen war, diese beiden „Autoren vom Niederrhein“ zusammenzubringen. Aber vor allem tauchen Personen des intellektuellen Lebens auf, so neben Ronner der damalige „Merkur“-Chefredakteur Hans Paeschke, mit dem Thelen unlängst publizistischen Ärger hatte, sowie der aus Elberfeld und also auch aus dem Rheinland stammende Germanist Ernst Bertram, der zwischen 1922 und 1946 einen Lehrstuhl für neuere deutsche Sprache und Literatur in Köln innehatte. Worüber Böll zu schweigen vorzog Thelen zitiert eine Äußerung Bertrams über das „Volk der Hirten“, das immer aus Dichtern bestünde und die Engel zuerst sähe. Allerdings wendet der außerhalb Deutschlands lebende Schriftsteller diese Worte im Brief ironisch, indem er „seine“ Schweizer zum Hirtenvolk erklärt und lustvoll spottend mutmaßt, dass es sich dann wohl um Engel „aus purem Gold“ handeln müsse. Böll schließt mit seiner Antwort hier an, ganz ernst mit spürbarer Bewegung und einer biographischen Erinnerung an seinen ehemaligen Literaturprofessor: „Mein Gott, ich habe den Bertram vielleicht genossen: 39 eine Vorlesung bevor ich dem Pleitegeier diente, 1945 eine Vorlesung, als mich der Pleitegeier entliess--es war als wäre inzwischen nichts passiert. Ich habe dann--als Lernbegieriger jedenfalls--keine Universität mehr betreten.“ Es überrascht wenig, dass sich im Weltbild Bertrams, der sich früh schon im Umfeld des symbolistischen, ebenfalls aus der Rheinregion stammenden Dichters Stefan George (1868 bis 1933) bewegte, sogar sechs Jahre Krieg, Leiden, Tod und Zerstörung in eine im Grunde mythische Vorstellung von Kultur und Literatur jenseits des Geschichtlichen einfügten. Ebenso wenig Bölls abrupte Abkehr von einem solchen Denken und dessen Institutionen. Aber Bölls Sätze stellen, sicher unbewusst, auch ein Schweigen über seine eigene Verstrickung darin aus, die sechs Jahre als Gefreiter und Obergefreiter, in denen, so kann man die Worte eben auch verstehen, nichts passiert sei, was des Erzählens wert wäre. Beide Schriftsteller sind Verwundete ihrer Gegenwart Insofern kommt doch noch ein elementarer Dissens zwischen den beiden Kollegen zur Sprache: der Wehrmachtssoldat Böll, der jedoch über genau diese Rolle seines Lebens lange Zeit zumindest nicht öffentlich und jedenfalls nicht in diesem Brief sprechen wollte, gegen den Exilanten Thelen, einen Verfolgten des „Dritten Reichs“. Ausführlich schildert Thelen nämlich, dass er „eine Rente als Nazi-Opfer“ beziehe, nachdem er einige Jahre zuvor „durch einen Irrenarzt zu Lausanne (Prof. Steck FMH)“ untersucht worden war – eine für ihn überlebenswichtige Grundsicherung. Thelen wäre aber nicht Thelen, wenn nicht auch hier der Vigoleis das Wort ergreifen und diesen Vorgang bitterkomisch als „ein grotesk-makabres Verfahren, das sich über Monate hingezogen hat (1966/67)“, schildern würde. Schließlich merkt er ihn sich augenzwinkernd für ein weiteres Kapitel seiner – wie man heute sagen würde – autofiktional erzählten Memoiren vor, den „angewandten Erinnerungen des Vigoleis“. Beide Männer treten daher auch als ganz unterschiedlich Verwundete ihrer eigenen Gegenwart und Geschichte aufeinander zu. Dieser biographische Dissens wird freilich nicht ausgetragen. Im Gegenteil erwidert Böll die Einladung und lockt seinerseits Thelen, doch „auch hierzulande mal zu lesen“. Ein weiteres Antwortschreiben ist nicht bekannt. So bleibt es bei dieser einen Begegnung in zwei Briefen, die Möglichkeit und Verpassen eines niederrheinisch-weltbürgerlichen Schriftstellerbundes dokumentiert. Sebastian Böhmer lehrt Germanistik an der Universität Halle-Wittenberg.
