FAZ 23.01.2026
15:58 Uhr

Brief aus Istanbul: Der Palast treibt uns in den Burnout


Erdoğan macht die Menschen in der Türkei arm und nimmt ihnen die Hoffnung. Wer Kritik übt, bekommt es mit der vom Präsidenten korrumpierten Justiz zu tun. Das erlebe auch ich gerade wieder.

Brief aus Istanbul: Der Palast treibt uns in den Burnout

Kann ein Land kollektiv in Depression fallen? Und damit meine ich nicht gesellschaftliche Depression, Krise oder Erschütterung. Kann die Bevölkerung eines Landes auf einmal gemeinsam in eine psychische Krise stürzen? Ist denkbar, dass breite Kreise der Gesellschaft gleichzeitig einen Burnout erleiden? Handelt es sich bei diesem Land um die Türkei, ist das leider durchaus möglich. Zur türkischen Fassung der KolumneYazının Türkçe orijinalini okumak için tıklayın Keiner von uns, auch der Verfasser dieses Briefes nicht, ist mit seiner Depression allein. Ganz im Gegenteil, wir sind viele. Das renommierte türkische Institut für Meinungs- und Sozialforschung Metropoll hat Daten für 2025 veröffentlicht, die belegen, dass 61 Prozent der Bürger hierzulande hochgradig erschöpft sind. Eine von zwei Personen benötigt psychologische Unterstützung. Doch nur zwei Prozent der Bevölkerung erhalten Hilfe. In diese Lage haben uns die wirtschaftlichen Probleme, die das Palastregime zu verantworten hat, und die Sorge um die Zukunft gebracht. Das Schicksal von Cemal Ertürk Umfragen, Studien, Statistiken – allesamt geben sie Hinweise darauf, was wir hier durchmachen. Ein Beispiel mitten aus dem Leben dürfte beredter sein als Dutzende Artikel zum Thema. Letzte Woche ging in einer dunklen kalten Nacht plötzlich ein geparktes Auto in Flammen auf. Die Feuerwehr wurde gerufen, löschte und fand in dem Auto den leblosen Körper des 66 Jahre alten Cemal Ertürk. Der Rentner hatte seine Wohnung verloren, weil er die Miete nicht mehr bezahlen konnte, und lebte seither auf der Straße. In jener Nacht wurde es sehr kalt, so dass er in einem geparkten Wagen Zuflucht suchte, um nicht zu erfrieren. Der Kälte mag er entgangen sein, nicht aber dem Brand. Ertürks Rente war im vergangenen Jahr zwar um 35 Prozent erhöht worden, doch die Mieten stiegen im selben Zeitraum um durchschnittlich 77 Prozent. Und in den letzten zehn Jahren gar um 1497 Prozent. Selbst wenn es ihm gelungen wäre, jeden Kuruş zweimal umzudrehen und in der Wohnung zu bleiben, hätte sein Geld kaum fürs Heizen gereicht. Denn während die Preise für Erdgas trotz Energiekrisen in den letzten zwei Jahren weltweit um zehn Prozent anstiegen, erhöhten sie sich bei uns um 162 Prozent. Vielleicht hätte Ertürk ohne Heizung überlebt, doch hätte er auch genug zu essen bekommen? Das wäre wohl nur durch ein Wunder möglich gewesen. Denn seit 2018, als Erdoğan sein Präsidialsystem einführte, stieg der Preis etwa für ein Kilo Käse um 3450 Prozent. Neulich im Supermarkt wollte ich meinen Augen nicht trauen: Für den aktuellen Preis von Spülmittel hätten wir 2018 den ganzen Geschirrspüler bekommen. Glauben Sie nicht, die geschilderte Not beträfe nur die Unter- und Mittelschicht. Bis auf eine kleine Minderheit leidet die große Mehrheit darunter, genau wie unter Burnout. Reiche und Arme hat es immer gegeben, doch bis zu Beginn der Nullerjahre bildete, wie in etlichen anderen modernen Demokratien auch, eine recht starke Mittelschicht das Rückgrat der türkischen Gesellschaft. Das änderte sich allerdings nach Erdoğans Regierungsantritt 2002. Es dauerte nicht lange, bis der vorübergehende Wohlstand verpuffte, der dem Devisenzustrom nach 9/11 zu verdanken war. Aufgrund der Wirtschaftspolitik des Palastregimes wurden die Reichen reicher, alle anderen wurden in Armut vereint. Die Armut der Ärmsten verschärfte sich noch, während nun auch die Büroarbeiter Armut zu spüren bekamen. Verdiente ein Universitätsabsolvent vor 20 Jahren mindestens viermal so viel wie eine Person ohne Schulabschluss, ist es heute nur noch das Doppelte. Komfortabel ist es nur für die Reichsten Breite Kreise der Gesellschaft gleichen sich also in Armut an, doch auch Bessergestellte leben nicht durchweg komfortabel. Bis auf eine Gruppe Reicher, die der Regierung nahestehen, hat der erwähnte Burnout auch die Unternehmerschaft fest im Griff. Unternehmern, Kaufleuten, Gewerbetreibenden fehlen die Zukunftsper­spektiven. Soeben wurden die Zahlen für 2025 veröffentlicht, in den letzten zwei Jahren stieg die Zahl der Insolvenzen um 280 Prozent, die der Insolvenzverfahren sogar um 383 Prozent. Ein Drittel der im vergangenen Jahr neu gegründeten Unternehmen ist bereits wieder pleite. Womit natürlich noch keine Schulden getilgt sind. Bei den Vollstreckungsgerichten sind mittlerweile 24 Millionen Fälle anhängig. Bei unserer Einwohnerzahl von 81 Millionen bedeutet das, beinahe einem Drittel droht die Zwangsvollstreckung. Früher ging es in der türkischen Wirtschaft folgendermaßen zu: Wollte jemand, der Geld in der Tasche hatte, in einer schwierigen Wirtschaftslage kein unternehmerisches Risiko eingehen, investierte er in Immobilien. Da schrumpfte das Vermögen wenigstens nicht. Die durch Erdoğans Wirtschaftspolitik ausgelöste Verunsicherung hat aber auch den einst sicheren Hafen der Immobilienanlagen zugrunde gerichtet. Offizielle Angaben belegen, dass die Mittel Vermögender nun ins Ausland abfließen. In den letzten fünf Jahren sind Immobilienkäufe türkischer Staatsbürger im Ausland um das Zwölffache gestiegen. Allein 2025 erwarben sie Immobilien im Wert von rund 2,5 Milliarden Euro im Ausland. Erstaunliche Karrieren Zur gleichen Zeit, da obige Statistiken zur Lage im Jahr 2025 veröffentlicht wurden, zog auch Erdoğan eine Jahresbilanz. Er trat vor die Kameras und erläuterte lang und breit, wie hervorragend die Türkei regiert werde, unter anderem sagte er: „Entschlossen bewegen wir uns auf die Ziele zu, die wir als Türkei festgelegt haben. Seien Sie unbesorgt.“ Und er fügte noch hinzu, dass in der Türkei „qualifizierte Kader“ am Werk seien. Was er als qualifizierte Kader bezeichnet, sind Personen, die er qua Unterschrift eingesetzt hat. Vielleicht erinnern Sie sich: Seinen Schwiegersohn machte er einst zum Minister, jetzt bereitet er seinen Sohn auf die Zeit nach dem Ende der eigenen Ära vor. Parteimitglieder ohne jede Fremdsprachenkenntnisse setzt er auf Botschafterposten in wichtigen Hauptstädten, Abgeordnete, deren Amtszeit abläuft, macht er zu Hochschulrektoren. Erst kürzlich wurden zwei regierungsnahe Tiermediziner als Dekane einer medizinischen und einer zahnmedizinischen Fakultät eingesetzt. Das ist nicht verwunderlich, war doch in der Vergangenheit bereits ein Zoodirektor in die Leitung der zentralen Forschungs- und Wissenschaftsförderungsinstitution des Landes berufen worden. Vergangene Woche kam es zu einem tragischen Vorfall in Istanbul. In einem Gerichtsgebäude schoss ein Staatsanwalt auf die Frau, ihrerseits Richterin, die sich von ihm getrennt hatte. Und dieser Staatsanwalt war in unserem von oben bis unten vom Palast geprägten Rechtswesen ausgerechnet in der Abteilung gegen Gewalt an Frauen tätig gewesen. Einschüchterung statt Gerechtigkeit Es erfordert Mut, die Arbeit „qualifizierter Kader“ zu kritisieren. Da kann man sich schnell wegen Präsidentenbeleidigung oder des Vorwurfs der Desinformation vor Gericht wiederfinden. Nehmen wir an, Sie sind Gewerbetreibender in einer Stadt in Anatolien. Sie klagen über die Wirtschaftsflaute, seit Monaten hätten Sie keinen Umsatz gemacht. Sie haben sich darüber hinaus über die ungerechte Steuerstrafe beschwert, die Ihnen dennoch auferlegt wurde? Dann suchen Sie sich schnellstens einen Anwalt, der Sie im Prozess wegen Desinformation unterstützt. Oder Sie sind ein Gymnasiast von 16 Jahren und haben in einem Post Kritik an Erdoğan geübt, die etwas scharf ausgefallen ist. Dann erwarten Sie zunächst Polizeigewahrsam, dann Gefängnis und anschließend gleich zwei Verfahren auf einmal: eines wegen Präsidentenbeleidigung mit der Forderung nach bis zu vier Jahren Haft und eines wegen Volksverhetzung, wofür Sie bis zu drei Jahre hinter Gitter sollen. Möglicherweise sind Sie auch gleich mir mit Sammel- und Mischverfahren konfrontiert. Weil ich mich der Zensurforderung des Erdoğan-nahen Unternehmers Metin Güneş nicht gebeugt hatte, war ich zu 20 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. Kürzlich wurde ich wegen Äußerungen, in denen ich gegen das Urteil protestiert habe, zur Aussage bei der Polizei vorgeladen. Jetzt wurde wegen vier, fünf unterschiedlichen Vorwürfen ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, in dem insgesamt einige Dutzend Jahre Haft gefordert werden könnten. Denn in diesem Land, in dem Diebe, Mörder und Vergewaltiger per Amnestie freikommen, ist es mittlerweile nicht weiter gefährlich, ein Verbrechen zu begehen, zu widersprechen aber sehr wohl. Denn seit Langem sorgt die Justiz hierzulande nicht mehr für Recht und Gerechtigkeit, sondern schüchtert mit Drohungen ein. Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe.