Der Vorfall, der sich im böhmischen Teplitz, einem nordwestlich von Prag gelegenen Kurort, im Juli 1812 ereignete, ist nicht nur wegen seiner Protagonisten ein bemerkenswertes Ereignis. Ludwig van Beethoven und Johann Wolfgang von Goethe hatten sich zu einem Spaziergang verabredet, im Park kommt ihnen die österreichische Kaiserin mitsamt ihrem Hofstaat entgegen. Goethe weist Beethoven darauf hin, beiseitezutreten, um zum Gruß verneigend seinen Hut abzunehmen. Der Komponist weigert sich und läuft mit verschränkten Armen mitten durch die Adelskompagnie hindurch. Die charakterlichen Unterschiede der Klassik-Titanen, zwischen dem „Fürstenknecht“ Goethe und Beethovens „ungebändigter Persönlichkeit“, die in jener Szene deutlich werden, wurde spätestens durch Carl Röhlings Lithographie zu einem Politikum der Beethoven-Forschung. Das Problem: Vermutlich war vieles daran erfunden. Eine Sonderausstellung im Beethoven-Haus Bonn widmet sich derzeit genau solchen phantasiereichen Einbildungen von Bettine Brentano (von Arnim) und anderen Eigenarten, die das Verhältnis der Brentanos mit Beethoven prägten. Neben den Romantikern Bettine und Clemens behandelt die Ausstellung auch das Verhältnis von deren Halbbruder Franz und dessen Frau Antonie Brentano mit dem Komponisten, der im frühen 19. Jahrhundert also auf vertrautem Fuß stand mit der Uradelsfamilie, die ursprünglich aus der Lombardei stammte. Die Bezüge der Familie Brentano zu Beethoven, die aus fragmentarisch überlieferten Quellen hergeleitet sind, lassen sich im Erdgeschoss des zum Museum gehörenden Nachbarbaus von Beethovens Geburtshaus nachvollziehen. Ein wahrer Brief und zwei erfundene Korrespondenzen Wer aus der Dauerausstellung über den Garten zur Sonderausstellung gelangt, wird unmittelbar mit den Indizien der spektakulärsten Beziehung vertraut. Die Schriftstellerin Bettine Brentano, schillernde Gestalt der deutschen Romantik, bewunderte nicht nur Goethe, sondern auch Beethoven. Während sie mit dem Schriftsteller über Jahre einen regelmäßigen Briefwechsel pflegte, war sie mit dem Komponisten zwischen 1810 und 1811 unregelmäßig im Kontakt. Gemeinsam mit ihrer Schwägerin Antonie besuchte sie im Mai 1810 den Komponisten in Wien, wo sie ihn in einer aufgewühlten Stimmung vorfanden. Seine Heiratsabsichten mit Therese Malfatti hatten sich zerschlagen, aber die Damen heiterten ihn auf. In mehreren Briefen beteuerte Bettine, Beethoven habe ihr danach immer öfter privat vorgespielt. Bis heute gibt es Gerüchte, dass sie jene „unsterbliche Geliebte“ war, an die Beethoven im Juli 1812 einen Brief aus Teplitz schrieb. Doch zwei der drei Briefe der Beethoven-Brieftrilogie, die sie herausgegeben hatte und die seither als Grundlage für jene Vermutung herhalten, haben sich als Fälschung erwiesen, darunter jener, der als Grundlage für den Goethe-Beethoven-Stoff von 1812 diente. Als Dokumente überliefert ist lediglich ein Brief, den ihr Beethoven am 10. Februar 1811 schrieb, und seine Vertonung des Goethe-Gedichts „Neue Liebe, neues Leben“ (op. 75 Nr. 2) mit persönlicher Widmung. Aus Brief und Lied hat sie in ihrer Briefsammlung sehr viel gemacht. Ihre Beziehung mit Beethoven wirkte dadurch weitaus intensiver, als sie tatsächlich gewesen war. So prägte sie ihren und den Mythos des Komponisten gleichermaßen. „Dank dir, guter einsamer, für dein Werk“ Der Brief von 1811 dokumentiert zugleich das nicht minder einseitige Verhältnis des Romantikers Clemens Brentano zu dem Komponisten. Auch er bewunderte Beethoven und hoffte, dass dieser seine Kantate auf den Tod der Königin Luise von Preußen vertonen würde. Über Antonie erreichte die Bitte den Komponisten, der in dem Brief an Bettine aber erklärte, der Gegenstand sei in Wien „nicht wichtig genug“. An Clemens’ Faszination für den Komponisten änderte das nichts. So findet man in Bonn eine Rezension der Erstaufführung von Beethovens „Fidelio“ (1815), die Brentano mit den Worten schließt: „Dank dir, guter einsamer, in dir und deinen Tönen einsamer Bethoven (sic!) für dein Werk“. Oder auch einen nie abgesendeten Brief an Beethoven (1813), in dem er betont, dass er niemanden – außer „meiner sehr lieben Bettine“ – kenne, „der Ihre Musick mit der inneren Begeisterung“ höre wie er. Einen längeren, auf gegenseitigem Interesse beruhenden Kontakt, so wird am Ende deutlich, pflegte eigentlich nur eine Brentano mit Beethoven: Antonie. Aus dem gemeinsamen Besuch mit Bettine war eine tiefe Freundschaft erwachsen. Eine „Wahlverwandtschaft“, die durch viele Besuche und zahlreiche Widmungen charakterisiert war. Für ihre älteste Tochter „Maxe“ komponierte Beethoven 1812 das Klaviertrio WoO 39. Vielleicht war Antonie seine „unsterbliche Geliebte“ – wie mancher Forscher heute mutmaßt. Aber weil dokumentarische Belege fehlen und Beethoven auch mit ihrem Mann Franz ein gutes, privates wie finanzielles, Verhältnis pflegte, bleibt es nur bei einem vagen Verdacht. Zudem wiegen die Hinweise auf Josephine von Stackelberg, geborene Brunswick, nach wie vor am schwersten. Doch weil es am Ende ausgerechnet das Ehepaar Brentano war, das das berühmteste Porträt von Beethoven durch den Maler Joseph Karl Stieler beauftragen ließ, schließt sich ein Kreis in Bonn, wo das Bild in der Dauerausstellung hängt. Aus den – teilweise recht unsystematisch präsentierten – Briefen, Gemälden, Skizzen und Partituren wird ersichtlich, wie sich der Mythos des Komponisten auch aus seinen Bewunderern, den Brentanos, und deren Kreativität speiste. Zwischen Fiktion und Realität lebt es sich in diesen Tagen im Beethoven-Haus besonders gut. Beziehungsweisen – Beethoven und die Familie Brentano. Beethoven-Haus, Bonn. Bis 27. Juli.
