FAZ 18.12.2025
16:17 Uhr

Brennpunkte in Dänemark: Die Abrissbirne schwingt vorerst weiter


Dänemark versucht, Problemviertel aufzubrechen – auch mit dem Bulldozer. Der Europäische Gerichtshof hat nun entschieden, dass ein dänisches Gericht prüfen muss, ob das rechtens ist.

Brennpunkte in Dänemark: Die Abrissbirne schwingt vorerst weiter

Seine Probleme geht Dänemark gern mit dem Bulldozer an. Zum Beispiel in Mjølnerparken. Das ist ein Problemviertel in der Hauptstadt Kopenhagen – viele Migranten, viel Kriminalität, ein „Ghetto“, wie die dänische Regierung 2018 verkündete. Sie legte ein Programm auf: „Ein Dänemark ohne Parallelgesellschaften: Keine Ghettos 2030.“ Ein Ghetto, das ist für Dänemark eine Gegend, in der mindestens 40 Prozent der Bewohner weder in Arbeit noch in Ausbildung sind, mindestens 50 Prozent „nichtwestliche“ Migranten ausmachen, wo es hohe Kriminalitätsraten und geringe Schulbildung gibt. Mittlerweile wurde der Begriff „Ghetto“ durch „Transformationsgebiet“ ersetzt. Die Idee blieb: Viertel, die mindestens drei der vier Kriterien erfüllen, werden durch Häuserabrisse, Umsiedlungen und Zuzugsquoten umgestaltet. Die Bagger kamen auch nach Mjølnerparken. Mehr als 1000 Menschen mussten gegen ihren Willen umziehen. In die roten Backsteinhäuser im Norden von Kopenhagen zogen 1987 die ersten Leute ein. Der Wohnraum war gefördert, also günstig. Eine Seniorengruppe bezog Quartier, dazu Arbeiter und schon damals viele Migranten. 1993 war noch mehr als ein Drittel der Bewohner dänisch. Zehn Jahre später machten Migranten und ihre Nachkommen 91 Prozent der Bewohner aus. Mjølnerparken erlangte eine gewisse Berühmtheit, als Heimat der kriminellen Gang „Brothas“, die ihre Bandenkriege auch im Viertel austrug, und als Zuhause von Omar El-Hussein, der 2015 bei einem islamistischen Anschlag auf eine Synagoge in Kopenhagen zwei Menschen tötete. Ist das Kriterium „nichtwestlich“ rassistisch? Majken Felle war eine der dänischen Bewohner von Mjølnerparken. Auch sie musste ihre Wohnung verlassen, als das Viertel zum Ghetto erklärt wurde, hätte aber eine Ausweichwohnung im Quartier bekommen. Doch das reichte ihr nicht. Ihr Argument lautet: Menschen als „nichtwestliche“ Migranten zu klassifizieren und darum schlechter zu stellen, sei diskriminierend. Mit einigen anderen klagte sie sich durch alle Instanzen, bis zum Europäischen Gerichtshof, der am Donnerstag sein Urteil gefällt hat. Doch das beantwortet nicht, ob das Kriterium „nichtwestlich“ rassistisch ist oder nicht. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat den Fall zurück nach Dänemark überwiesen. Es sei „Sache des nationalen Gerichts, zu prüfen, ob dieses Kriterium eine Ungleichbehandlung aufgrund der ethnischen Herkunft“ begründe, teilte der EuGH mit. Die Bewohner von Mjølnerparken haben das Gefühl, dass ihre Argumente gehört wurden. „Wir hoffen auf die Entscheidung des dänischen Gerichts“, sagte der frühere Bewohner Muhammad Aslam nach der Urteilsverkündung auf einer Pressekonferenz, die von der Nichtregierungsorganisation „Systemic Justice“ organisiert wurde. Der Ministerpräsidentin Mette Frederiksen warf er vor, in der Gesellschaft „Feinde“ auszumachen, Hass zu schüren. Die Sozialdemokratin war zwar nicht verantwortlich für das Gesetzespaket. Doch sie verfolgte die Politik ihres konservativen Vorgängers weiter. Aslam, der als Siebenjähriger aus Pakistan nach Dänemark gekommen war, dessen vier Kinder seinen Angaben nach zum Beispiel als Anwälte und Psychologen arbeiten, musste mehrfach umziehen, seit seine Sozialwohnung in Mjølnerparken an einen Immobilienentwickler verkauft wurde. Insgesamt 18 Wohngebiete in Dänemark sind betroffen. Mehr als 4000 Sozialwohnungen sollen bis 2030 abgerissen, über 600 verkauft werden. Wie viele Menschen dafür umgesiedelt werden müssen, erhebt Dänemark nicht. Auch andere Länder werden auf das Urteil schauen, das nun ein dänisches Gericht fällen muss. Denn Dänemarks Politik gegenüber Migranten hat nicht nur Bundeskanzler Friedrich Merz in der Vergangenheit „vorbildlich“ genannt.