FAZ 01.03.2026
17:08 Uhr

Bremen im Abstiegskampf: Die Besonnenheit des Werder-Capos


Im Bremer Stadion appelliert der „Vorsänger“ der Ultras an den Zusammenhalt zwischen Fans und Mannschaft. Eine Geste der Besonnenheit, die Werders Sieg zu einem besonderen macht.

Bremen im Abstiegskampf: Die Besonnenheit des Werder-Capos

Im Bremer Stadion passierte am Samstag etwas, das in der Bundesliga selten ist: Nicht der Kapitän schnappte sich das Mikrofon, sondern der Capo einer Ultra-Gruppe. Vier Minuten sprach er, appellierte an die Fans, dass es nur gemeinsam gehe. Jede Wut, jede Fassungslosigkeit sei berechtigt, rief er dem Publikum zu. Doch es bringe nichts, sich selbst zu zerfleischen, auf eine Mannschaft, die ohnehin schon verunsichert sei, weiter einzudreschen. Man habe die Spieler nach der Niederlage bei St. Pauli aus der Kurve geschickt, weil die Reaktionen „nicht schön“ gewesen wären. Aber: „Es gibt keinen Riss zwischen den Fans und der Mannschaft.“ Wer seit 13 Spielen sieglos ist, einen Trainer entlassen hat und unter dem Nachfolger dreimal verliert, der kann im Abstiegskampf schnell die Nerven verlieren. Diese Gefahr hat der Capo adressiert – und damit etwas ausgesprochen, was im Profifußball selten so offen benannt wird: Pfiffe können anspornen, aber sie können auch lähmen. Ob die Ansprache ursächlich für den Sieg gegen Heidenheim war, lässt sich nicht beweisen. Doch sie setzte den Ton. Und in einer Sportart, in der sich Krisen oft in Kurzschlüssen entladen, war dies eine ungewöhnliche Form der Nüchternheit: der Versuch, die Realität auszuhalten, ohne daran kaputtzugehen.