Das Jahr beginnt mit einem Fanal, zumindest für unsere Nachbarn. In der Silvesternacht brach im Turm der neogotischen Vondelkirche in Amsterdam ein wohl durch Feuerwerk ausgelöster Brand aus. Auch das Langhaus der Kirche im Zentrum der Stadt beim gleichnamigen Vondelpark nahe dem Rijksmuseum brannte vollständig aus, da dessen Dachstuhl auf gesamter Länge einstürzte. Lediglich die Außenmauern und die beiden Westwerktürme stehen noch. Von den Amsterdamern wird sie mit Recht ikonisch genannt, da sie die Silhouette der Stadt prägt. Im Jahr 1872 errichtet, diente die Vondelkirche bis 1977 als Herz-Jesu-Kirche der Katholiken in Amsterdam. Das Gebäude stammt von keinem Geringeren als Pierre Cuypers, der als bedeutendster Architekt des niederländischen Historismus neben vielen Kirchbauten im Land und Amsterdams hübschem Zuckerbäcker-Hauptbahnhof auch für das benachbarte Rijksmuseum verantwortlich zeichnet. Wer sich bei den Bildern der brennenden Kirche an den charakteristischen Historismus-Mix aus französischen Kirchen der Hochgotik und romanischen des Niederrheins erinnert fühlte, lag richtig. Cuypers nutzte das Preisgeld eines 1850 gewonnenen Wettbewerbs für eine Studienreise den Rhein entlang von Xanten bis Bonn und notierte die Eigenheiten der dortigen Dome und Kirchen wie etwa romanische Zwillingstürme an den Westfassaden sorgfältig in seinen Skizzenbüchern. Nur, dass er seine Kirchengebäude wie die Vondelkirche nicht wie die Rhein-Dome in Stein, sondern überwiegend in Backstein errichtete. Und noch etwas verbindet ihn mit Deutschland: Bei der Restaurierung des Ostteils des Mainzer Doms 1875 schuf er den ebenfalls stadtbildprägenden, weil hohen östlichen Vierungsturmaufsatz im Stil der Neoromanik und Neugotik. In beinahe jeder alten Kirche hat es mindestens ein Mal gebrannt Es ist ein dunkles Schicksalsband, das Cuypers Amsterdamer Vondelkirche nun mit dem Mainzer Dom verbindet, war doch Mainz wie wenige Städte vom Feuerteufel verfolgt. Am Tag seiner Weihe, dem 29. August 1009, brannte der nagelneue Mainzer Dom des Erzbischofs Willigis in einem verheerenden Feuer fast bis auf die Grundmauern nieder. Nach mehreren kleineren Feuern in Mittelalter und Neuzeit brannte der Dachstuhl dann im Zweiten Weltkrieg abermals aus. Dabei war Mainz kein Einzelschicksal, sondern eher die Regel, da jede größere Kathedrale im Mittelalter in Teilen mindestens einmal, oft sogar mehrfach massive Schäden durch sorglosen Umgang mit Feuer oder durch Blitzeinschlag erlitt. Vor allem für die reihenweise durch schwere Gewitter in Schutt und Asche gelegten Kirchengebäude kam Benjamin Franklins Erfindung des Blitzableiters als Rettung, der anfangs auch vorrangig an den hohen Kirchtürmen angebracht wurde. Wie Ironie mutet es an, dass Franklin damit ursprünglich seine Theorie untermauern wollte, Blitze seien nicht etwa eine Strafe des Himmels, vielmehr eine Form von Elektrizität. Auch die Bilder der Brandkatastrophe von Notre-Dame 2019 sind noch recht frisch in Erinnerung. Der Turm der Vondelkirche ähnelt nicht nur stilistisch deren damals wie eine lodernde Fackel abgebranntem Vierungsturm des Architekten Viollet-le-Duc aus dem neunzehnten Jahrhundert. Bleibt zu hoffen, dass, anders als in Paris, wo anstelle des wiederaufzurichtenden Turms zeitweise ernsthaft ein Dachschwimmbad, eine skulpturale Flamme oder ein Treibhaus in einer Kristallnadel diskutiert wurden, der Amsterdams Silhouette komplettierende Turm mitsamt Kirche ohne weitere Umstände originalgetreu aufgebaut wird.
