Berlin ist wieder eine geteilte Stadt. Diesmal teilt sie sich zwischen hell und dunkel, laut und leise. Der eine Teil funktioniert, der andere nicht. Der nächstgelegene Grenzübergang befindet sich in unserem Fall rund 800 Meter weiter nordöstlich, direkt am S-Bahnhof Zehlendorf. Sobald man die S-Bahn-Unterführung passiert hat, funktionieren die Ampeln wieder, leuchten die Fenster, spielt die Musik. Im kaputten Teil Berlins krachen die ersten Autos ineinander, weil die regelnde Ordnung der Ampeln fehlt. Es ist Samstagmorgen gegen acht Uhr, als uns zum ersten Mal dämmert, dass wir auf einen stunden-, gar tagelangen Stromausfall bei gleichzeitigem Wintereinbruch nicht vorbereitet sind. Da ist der Brandanschlag der linksextremen „Vulkangruppe“ auf die Kabelbrücke über dem Teltowkanal gerade fast zwei Stunden her. Mein Mann und ich sitzen wie jeden Morgen im Esszimmer, aber diesmal ist es dunkel, und wir haben nichts zu tun. Der Kaffeeautomat funktioniert nicht, die Heizung auch nicht, das Internet nur sporadisch. WLAN gibt es nicht mehr, die Mobilfunkmasten in der weiteren Umgebung sind offenbar überfordert. Die elektrischen Rollläden, die wir nur an ausgewählten Fenstern haben, sind unten und werden bis zum Ende des Blackouts auch nicht mehr hochkommen. Ein Teil der Zimmer ist deshalb dauerhaft dunkel, auch bei dem wenigen Tageslicht, das ein Wintertag mit Schneegestöber bietet. Ein Campingkocher schien mir unvernünftig Im Keller stapeln sich die Wasserkisten, das schon. Genügend Kerzen gibt es auch, dazu noch einige Taschenlampen. Aber als ich den Vorrat vor einigen Monaten angelegt habe, konnte ich mich noch nicht dazu überwinden, wie vom Katastrophenschutz empfohlen, einen Campingkocher im Internet zu bestellen. Dabei lag er schon im Warenkorb. Wasserflaschen zu horten, schien mir vernünftig, der Campingkocher aus unerfindlichen Gründen eine Umdrehung zu viel. Deshalb fiel er wieder raus. Es gibt selten einen unterlassenen Kauf, den ich in den ersten Stunden des Stromausfalls mehr bereut habe. Er wird sofort nachgeholt. Am Dienstag wird das gute Stück eintreffen, ich kann es kaum erwarten. Als mir später eine gute Freundin aus dem Prenzlauer Berg ihren Campingkocher anbietet, greife ich sofort zu. Am Anfang wiegt uns der Betreiber Stromnetz Berlin noch in Sicherheit: Auf der Internetseite listet er frühzeitig die betroffenen Straßenzüge auf, es sind so viele, dass wir unter die Kategorie „und Umgebung“ fallen. Das Ende der Störung ist für Samstagmorgen 7.30 Uhr avisiert, das wäre nicht mehr als eine Unannehmlichkeit. Kein Vergleich zu dem, was in anderen Teilen der Welt gerade los ist. Unser Stromausfall ist eingequetscht zwischen der Schweizer Brandhölle und dem Sturz des venezolanischen Machthabers Nicolás Maduro durch die USA, von dem Ukrainekrieg ganz zu schweigen. Da macht sich Demut breit. Mein Mann bringt aus dem funktionieren Teil zwei Kaffee mit Um acht Uhr ist der Hinweis auf die Störung in unserem Gebiet ganz von der Stromnetz-Internetseite entfernt, als wären der Stromausfall behoben und die letzten Spuren beseitigt. Kurz fühlt es sich an, als hätte man uns vergessen. Mein Mann fährt in den funktionierenden Teil von Zehlendorf, bringt zwei Kaffee mit und ein neues Wort: Wir sind jetzt Stromasylanten. Nicht alles an einem Stromausfall ist völlig unangenehm. Er wirft einen zurück in eine Zeit, in der Menschen immerhin jahrhundertelang überlebt haben. Am Anfang ist es noch nicht einmal sonderlich kalt. Man wundert sich über sein motorisches Gedächtnis. Ich kann nicht von Zimmer zu Zimmer laufen, ohne jedes Mal erfolglos den Lichtschalter zu betätigen. Das Mobilfunknetz ist entweder langsam oder funktioniert gar nicht. Auch das ist nicht das Ende der Zivilisation. Man wird erfinderisch, nutzt die Smartphones allenfalls zurückhaltend, lässt die Powerbanks kreisen. Wie kann das möglich sein? Seit Samstagnachmittag ist klar, dass von einer kurzen Episode keine Rede sein kann. Rund 45.000 Haushalte ohne Strom und ohne Heizung, darunter Pflegeheime und Krankenhäuser, der Großteil voraussichtlich eine knappe Woche lang. Das wirft Fragen auf, vor allem die: Wie kann es sein, dass in der größten Metropole der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt fast eine ganze Woche Zigtausende Menschen ohne Strom und ohne Heizung leben müssen? In den sozialen Medien wird sie mitunter mit gehässigem Unterton gestellt, aber sie lässt sich auch ganz nüchtern stellen. Als sie bei meinen Kindern zum ersten Mal auftaucht, habe ich schlicht keine überzeugende Antwort darauf, außer: ein Brandanschlag, großflächige Zerstörungen, schwierige Witterungsverhältnisse. Jedenfalls nichts, was sich nicht an jedem beliebigen Tag in einer beliebigen Stadt mitten im Winter wiederholen könnte. Immerhin kann man Schlitten fahren. Es ist die Zeit der guten Ratschläge, der Solidaritätsbekundungen und der freundlichen Übernachtungsangebote. Die guten Ratschläge kommen von niemand Geringerem als der Polizei, sie fährt mit Lautsprecher durch die dunkle Nachbarschaft, schlägt vor, bei Freunden und Familie Unterschlupf zu finden und an die älteren Menschen zu denken. Notunterkünfte werden eingerichtet, im Rathaus Zehlendorf kann man sein Smartphone aufladen. Die Kinder müssen am Montag nicht in die Schule Ein Bekannter rät zu Wollpullis, ein anderer warnt vor Kohlenmonoxidvergiftungen durch den Campingkocher. Freunde bieten warme Zimmer und eine Wohnung in Friedrichshain an. Die Solidargemeinschaft funktioniert und hilft doch nur bedingt weiter. Schöner wäre es, wenn ein einzelner Brandanschlag nicht tagelang das Leben beeinträchtigen würde. Die Kinder müssen am Montag nicht in die Schule. Das wird erst auf der Habenseite vermerkt, bis die Erinnerung an die Corona-Zeit wieder hochkommt. Geradezu euphorisch haben meine Kinder damals das Undenkbare begrüßt: schulfrei. Das war allerdings nur in den ersten Tagen ein Abenteuer, dann wurden die Schulschließungen zur monatelangen Qual. „So wird es doch nicht wieder, oder?“, fragt mein Sohn im Kerzenlicht. Da werde ich etwas verlegen, weil mir plötzlich jede Überzeugungskraft abhandenkommt. In den kommenden Stunden werden wir die neue Ausnahmesituation mal mit der Corona-Krise, mal mit der Energieknappheit vergleichen. Das hat etwas Beruhigendes: Auch das haben wir gemeistert. Aber wie ich es drehe und wende, alle Referenzpunkte vergleichbarer Erschütterungen liegen nicht länger als sechs Jahre zurück. Jetzt kommen neue Erkenntnisse hinzu: Selbst mit vielen Kerzen wird ein dunkler Raum nicht sonderlich hell. Mit einer kleinen Lampe kann man im Bett nicht lange lesen. Und langsam wird es kälter.
