„Die Schweiz ist traurig“, sagte Guy Parmelin, als er am Donnerstagabend sichtlich betroffen vor die Presse trat. Zuvor hatte sich der Schweizer Bundespräsident selbst ein Bild von der Lage in Crans-Montana gemacht. In dem Walliser Bergdorf haben in der Silvesternacht 40 junge Menschen ihr Leben verloren; 119 Menschen liegen, überwiegend schwer verletzt, in den Krankenhäusern. Sie wurden Opfer eines Brands in einer Bar, in der sie in das neue Jahr hineinfeierten. „Einige Opfer kämpfen immer noch um ihr Leben. Wir werden alles tun, damit sie wieder gesund werden“, sagte Parmelin. Zugleich bedankte er sich bei den Rettungskräften, die wenige Minuten nach dem Feuerausbruch am Ort des Geschehens waren und ungeheuerliche, unbegreifliche Szenen gesehen hätten. Um welche Art von Szenen es sich handelte, lässt sich aus Augenzeugenberichten herleiten. Ein 18 Jahre alter Mann namens Rayan Guiren feierte in einer nahe gelegenen Kneipe, als er von dem Unglück in der Bar „Le Constellation“ erfuhr. „Als wir dahin kamen, lagen überall Menschen mit Verbrennungen und verbrannten Kleidern am Boden. Verzweifelte Eltern versuchten, in die Bar zu gelangen, um nach ihren Kindern zu sehen“, sagte Guiren dem „Tages-Anzeiger“. „Der Erste war wohl 16 oder 17 Jahre alt“ Ein Koch aus dem Dorf gelangte ebenfalls kurz nach Ausbruch des Feuers zur Bar und versuchte zu helfen. „Die Menschen, denen ich geholfen habe, waren sehr jung. Der Erste war wohl 16 oder 17 Jahre alt. Ich habe viele verkohlte Menschen gesehen, es war schrecklich.“ Gegenüber dem Onlineportal „20 Minutes“ berichtete ein Student namens Gianni von dem entsetzlichen Anblick, der sich ihm bei seinem Erste-Hilfe-Einsatz vor und in der Bar geboten habe: „Gesichter waren völlig entstellt, Haare abgefallen. Die Menschen waren schwarz verbrannt, ihre Kleidung mit der Haut verschmolzen.“ Er habe viele Menschen vor seinen Augen sterben sehen. Diese drastischen Schilderungen verdeutlichen, warum noch nicht alle Opfer identifiziert werden konnten. Diese Arbeit sei sehr schwierig und ziehe sich möglicherweise noch über Tage hin, sagte ein Polizeisprecher am Freitag. Für die Angehörigen ist diese Ungewissheit unerträglich. Manche Eltern reisen von Krankenhaus zu Krankenhaus, um nach ihren Kindern zu suchen, in der Hoffnung, dass diese noch am Leben sind. Am Freitagnachmittag teilte die Staatsanwaltschaft mit, dass 113 Opfer bisher formal identifiziert werden konnten. 71 Personen sind Schweizer, 14 Franzosen, elf Italiener, vier Serben, jeweils ein Mensch stammt aus Bosnien, Belgien, Luxemburg, Polen und Portugal. Noch keine abschließenden Ergebnisse zur Ursache Einige der Schwerverletzten sind auch in ausländische Spezialkliniken, darunter in Deutschland, Frankreich und Italien, verlegt worden. Einige der Verletzten schwebten noch in Lebensgefahr. Unter den Verletzten ist auch ein Nachwuchsspieler des französischen Fußball-Erstligisten FC Metz. Nach Angaben des Klubs wurde der 19 Jahre alte Tahirys Dos Santos mit schweren Verbrennungen per Hubschrauber nach Deutschland geflogen, wo er nun behandelt wird. Über deutsche Opfer ist derzeit nichts bekannt. Der Schweizer Bundespräsident Parmelin sprach von „einer der schlimmsten Tragödien in der Geschichte des Landes“. Man sei es den Betroffenen schuldig, die Ursachen für diese Katastrophe zu finden. In einer Pressekonferenz am Freitagnachmittag bestätigte die Walliser Generalstaatsanwältin Beatrice Pilloud, dass das Feuer von sogenannten Champagnerfontänen ausgegangen ist. „Alles deutet darauf hin, dass das Feuer von den brennenden Kerzen oder sogenannten ‚Bengalischen Feuern‘ ausging, die an Champagnerflaschen befestigt waren.“ Von dort aus sei die Decke der Bar in Brand geraten. Man prüfe nun, ob eine strafrechtliche Untersuchung wegen fahrlässiger Tötung einzuleiten sei. Offenbar geriet der Dämmstoff in Brand Sogenannte Champagnerfontänen sind kleine Feuerwerksstäbe, aus denen Funken sprühen. Sie wurden von den Kellnern der Bar am Hals der bestellten Champagnerflaschen befestigt und angezündet. Wie mehrere Augenzeugen berichteten, wurde mindestens eines dieser sprühenden Objekte so hoch in die Luft gehalten, dass die Decke der Bar Feuer fing. Wie in sozialen Medien veröffentlichte Videos zeigen, geriet offenbar der an der Decke angebrachte Akustikdämmstoff in Brand. Was danach passierte, beschrieb der Walliser Sicherheitsdirektor Stéphane Ganzer in einer Pressekonferenz als „Flashover“. Ein Flashover, auf Deutsch Durchzündung oder Feuerüberschlag genannt, ist ein besonders gefährlicher Moment in einem Brandverlauf. Es ist der Augenblick, in dem ein Brand sprunghaft und explosionsartig eskaliert – von einem Feuerherd zu einem alles verzehrenden Inferno. In einem geschlossenen Raum erhitzt ein Feuer seine Umgebung stark. Dadurch beginnen Möbel, Teppiche oder Vorhänge, brennbare Gase abzugeben. Diese Rauchgase sammeln sich unter der Decke und werden immer heißer – bis sie eine Temperatur von etwa 500 bis 600 Grad erreichen. Von diesem Punkt an entzünden sich die sogenannten Pyrolysegase schlagartig selbst, ohne dass sie direkt von einer Flamme berührt werden. Sekunden später steht der gesamte Raum in Flammen. Die Temperaturen steigen dann auf bis zu 1000 Grad oder darüber hinaus. Die Menschen in der Nähe haben kaum eine Überlebenschance. Schon die Hitze kann innerhalb von Sekunden tödlich sein. Baustoffe an Decken dürfen nur schwer entflammbar sein Wenn es tatsächlich der brennende Akustikdämmstoff war, der am Anfang der Katastrophe stand, stellt sich die Frage, warum dieser so schnell Feuer fing. Gemäß dem Walliser Brandschutzgesetz, der sich an den Richtlinien der Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen orientiert, müssen Baustoffe an Decken und Wänden öffentlich zugänglicher Räume wie in Bars, Restaurants und Konzertsälen nicht brennbar oder wenigstens schwer entflammbar sein. Mithin steht der Verdacht im Raum, dass die in der Bar angebrachten Dämmstoffe nicht aus schwer entflammbarem Melaminharzschaum bestanden, sondern aus Polyurethanschaum. Dieser ist leicht entflammbar, sofern er nicht mit Flammschutzmitteln behandelt wurde. Am Donnerstagabend kamen in Crans-Montana Hunderte Menschen zusammen, um der Todesopfer und Verletzten des Infernos zu gedenken. Trauernde legten Blumen und Kerzen ab. Auch Bundespräsident Parmelin sprach im Namen der Schweizer Regierung und des Parlaments sein Beileid aus und gedachte der Opfer, von den viele jung gewesen seien. „Sie hatten ihr Leben noch vor sich. Sie hatten viel Hoffnung und viele Träume.“ Und dann versprach der Präsident: „Wir werden alles tun, damit ein solches Drama nicht noch einmal passiert.“
