FAZ 18.12.2025
13:45 Uhr

Boykott wegen Israel: Vereint durch Musik? Das kann der ESC nicht mehr leisten


Der Eurovision Song Contest ist durch die Teilnahme Israels tief gespalten. Dabei trifft der Boykott mehrerer Staaten den Wettbewerb, nicht die Regierung Netanjahu.

Boykott wegen Israel: Vereint durch Musik? Das kann der ESC nicht mehr leisten

Zum Eurovision Song Contest (ESC) im kommenden Jahr in Wien werden 35 Länder Künstler entsenden. Dieses Jahr waren es noch 37. Das sind nur zwei ­weniger – auf dem Papier. Doch der Bruch in der vermeintlichen Sendergemeinschaft geht tiefer, als es die von der Europäischen Rundfunkunion (EBU) diese Woche verkün­deten Zahlen vorgeben. Auch das seit dem ESC in Liverpool 2023 festgeschriebene Motto „United by Music“ („Vereint durch Musik“) gaukelt nur noch etwas vor, das der Wettbewerb spätestens seit diesem Jahr nicht mehr zu leisten imstande ist. Der Bruch wurde hervorgerufen durch die fortdauernde Teilnahme Israels trotz des Kriegs im Gazastreifen und des dadurch verursachten Leides. Bisher waren sich zumindest die EBU-Mitglieder der Europäischen Union einig, wenn es um den ESC ging. Denn der Wettbewerb entspricht genau den Werten, die auch die EU hochhält, nämlich „Univer­salität und Inklusivität und unsere stolze Tradition, Vielfalt durch Musik zu feiern“, wie es offiziell dazu heißt. Irland, Niederlande, Slowenien, Spanien und Island boykottieren Nun sind gleich vier Rundfunkstationen aus Staaten der EU sowie ein vormaliger Beitrittskandidat ausgeschert: Irland, die Niederlande, Slowenien und Spanien sowie Island. Das hat es zuvor bei allen Kontroversen noch nicht ge­geben. Es ist umso schmerzhafter, weil ein Gründungsmitglied (Niederlande), ein Rekordsieger (Irland) sowie einer der großen Geldgeber (Spanien) zu ihnen zählen. Mit Spanien brechen auch etwa sechs ­Millionen Zuschauer weg, der öffentlich-rechtliche Sender RTVE hat angekündigt, den Wettbewerb im Mai 2026 aus Wien nicht zu übertragen. Politisch verbindet die Länder nicht allzu viel. Ihre Geschicke bestimmen Mitte-links-, aber auch Mitte-rechts-Regierungen. So folgten einige der Sender wohl vor allem der Stimmung im Land, andere, so könnte man spekulieren, nutzten die ­Israel-Debatte, um sich aus eigentlich ganz anderen Gründen vom ESC zurückzu­ziehen. Einige Sender haben auch finanzielle Gründe Slowenien scheiterte seit 2004 dreizehnmal im Halbfinale und schaffte es darum erst gar nicht ins Finale. Mehrfach stand eine Teilnahme für den Sender Radiotelevizija Slovenija (RTVSLO) zudem aus finanziellen Gründen auf der Kippe. In anderen Ländern wurde Druck auf den Straßen aufgebaut und in den einschlägigen Fanforen der sozialen ­Medien. Dutzende von ihnen kündigten an, im nächsten Jahr nicht vom ESC zu berichten. Auch Künstler, unter ihnen viele ehemalige Teilnehmer des Wettbewerbs, wandten sich schon im Mai, als die ­Proben zum diesjährigen Wett­bewerb in Basel liefen, gegen eine Teilnahme ­Israels. Genauer: gegen den verant­wortlichen öffentlich-rechtlichen Sender KAN, dem sie eine Mitschuld „am israe­lischen Völkermord an den Palästinensern im ­Gazastreifen und am jahrzehntelangen Regime der Apartheid und militärischen Besatzung gegen das gesamte palästinensische Volk“ vorwarfen. Unter den knapp 80 Unterzeichnern waren allein 31 aus Island, aber auch zehn aus Finnland. Finnland und Portugal erwogen einen Boykott, haben sich dann aber für eine Teilnahme in Wien ausgesprochen. Portugal hat nun damit zu kämpfen, dass 17 Künstler, die für den Vorentscheid „Festival da Canção“ als Kandi­daten ausgewählt ­wurden, angekündigt haben, bei einem Sieg nicht nach Wien zu fahren. Zuvor schon hatte sich Salvador Sobral, der 2017 bisher als Einziger seit dem Jahr 1964 den ESC für Portugal gewinnen konnte, gegen eine Teilnahme Israels positioniert. Vorwürfe aus Spanien Den spanischen Sender RTVE treibt noch etwas anderes um. Sein Direktor José Pablo López wirft Israel vor, den Wettbewerb politisch instrumentalisiert zu haben. Es habe mindestens in den vergangenen zwei Jahren versucht, das ­Ergebnis zu beeinflussen, ohne dafür bestraft worden zu sein. ­ López bezieht sich auf die Beiträge der Sängerinnen Eden Golan (2024) und Yuval Raphael (2025). Beide traten mit Liedern an, die auf den Terrorangriff der ­Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 zumindest anspielten. Golans erste Version „October Rain“ musste deswegen auf Druck der EBU überarbeitet werden. ­Beide hatten großen Erfolg: Golan kam im Finale auf Platz fünf, Raphael sogar auf Platz zwei. Dabei bekam die Überlebende des Terrorangriffs mit 297 Punkten fast fünfmal so viele Punkte von den Zuschauern wie von den Juroren. Die spanischen Beiträge hingegen landeten mal wieder abgeschlagen auf den Plätzen 22 und 25. López, aber auch seine Kollegen aus ­Irland (RTÉ) und den Niederlanden ­(AVROTROS) unterstellten europaweite, staatlich finanzierte Kampagnen Israels zugunsten der eigenen Künstlerinnen und ihrer ESC-Beiträge. Die EBU reagierte und stärkte unter anderem die ­Jurys beim nächsten Abstimmungsverfahren in Wien, was als Reform allerdings von ­einigen Mitgliedssendern vor allem aus den fünf Boykottländern als nicht aus­reichend angesehen wurde. Die Gemengelage geht also über ein einfaches „pro Israel“ gegen „pro Palästina“ hinaus. Bleibt die Frage, warum ist Israel dabei, wenn Russland und Belarus es doch nicht mehr sind? Vergessen wird dabei, dass der belarussische Sender BTRC, ein Propagandainstrument von Diktator ­Alexandr Lukaschenko, wegen Verstößen gegen die Meinungs- und Pressefreiheit schon 2021 von der EBU suspendiert ­wurde, lange vor der Invasion Russlands 2022 in die Ukraine. Ein Vergleich mit dem Sender KAN hinkt: Er berichtet nicht nur aus der einzigen Demokratie in ­Nahost, er zählt auch zu den wenigen Stimmen im eigenen Land, die kritisch über die ­Politik der ­Regierung Benjamin Netanjahu berichten. Nicht Netanjahu, sondern ein Mitglied der EBU wird durch die Boykottaufrufe bestraft. Die Strafe trifft zugleich Künstler und einen Wettbewerb, der nur zu gerne unpolitisch wäre.