FAZ 04.03.2026
15:13 Uhr

Boykott der Eröffnungsfeier: Risse im Fundament der Paralympics


Die Rückkehr der Russen spaltet die paralympische Bewegung. Auch die deutschen Para-Athleten boykottieren die Eröffnungsfeier. Der Weltverband versucht Ruhe in Zeiten des Tumults vorzutäuschen – und scheitert.

Boykott der Eröffnungsfeier: Risse im Fundament der Paralympics

Wer die Gasse Via Tre Marchetti in Richtung Piazza Brà entlangschlendert, stößt nach nur wenigen Metern auf eines der berühmtesten Wahrzeichen Norditaliens: die Arena von Verona. Ein imposantes Bauwerk. 24 Meter hoch und etwa 138 mal 109 Meter im Ausmaß, bietet es rund 20.000 Zuschauern Platz. Vor 2000 Jahren noch Heimstätte blutiger Gladiatorenkämpfe, wird es heute für weniger martialische Events genutzt. Etwa Opern, Theateraufführungen oder Ballettauftritte. Und dann gibt es in diesem Jahr auch noch zwei besondere Highlights: die Schlussfeier der Olympischen Winterspiele Ende Februar und die am Freitag stattfindende Eröffnung der Winter-Paralympics. Doch dazu gleich mehr. Denn wer die Via Tre Marchetti direkt zur linken Seite hin verlässt, erkennt, dass das Amphitheater einst sogar noch größer gewesen ist. Dort nämlich stehen die Überreste des Außenrings, der vor dem verheerenden Erdbeben im Jahr 1117 dem Prachtbau ein noch wuchtigeres Ausmaß und Platz für noch mehr Publikum gab. Dabei weist das Schicksal der Arena eine gewisse Ähnlichkeit auf mit den Paralympics, die dort eröffnet werden sollen. Denn auch die Wettkämpfe werden derzeit von negativen Nachrichten wie von einem Erdbeben erschüttert, während im Fundament der paralympischen Bewegung tiefe Risse zu erkennen sind. Um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, reicht ein kurzer Blick zurück, nämlich in den September 2025: Die Entscheidung des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) während der Generalversammlung, belarussische und russische Para-Athleten wieder unter eigener Flagge zu den Paralympics zuzulassen, führte zu einer Kontroverse, die bis heute anhält. Denn Russlands Präsident Wladimir Putin überzieht nun auch im vierten Jahr seiner Invasion in der Ukraine den Nachbarstaat mit Tod und Zerstörung, nachdem er 2022 unmittelbar vor den Winter-Paralympics in Peking den Olympischen Frieden brach, der offiziell eine Woche nach dem Ende der Paralympics endet. Es war nach dem Krieg in Georgien im Jahr 2008 und der Annektierung der Krim 2014 das dritte Mal, dass Russland gegen die Resolution verstieß. Die Rückkehr russischer Para-Athleten auf die größte Bühne des Behindertensports war zwar zunächst nur theoretisch möglich, da diese nicht an notwendigen Qualifikationsturnieren teilgenommen hatten. Doch im Februar schuf das IPC dann auf anderem Wege Tatsachen. Dank Wildcards wurden Russland insgesamt sechs Startplätze zugesprochen: zwei im Para-Ski alpin, zwei im Para-Skilanglauf und zwei im Para-Snowboard. Die Ukraine reagierte prompt und verkündete, die Eröffnungsfeier in Verona zu boykottieren. Die Tschechische Republik, Estland, Finnland, Lettland, Litauen, Polen und die Niederlande folgten dem Beispiel. Auch die deutsche Delegation entschied sich, wenn auch erst drei Tage vor dem Beginn der Zeremonie, dem Einmarsch der Nationen in der Arena von Verona fernzubleiben – aus Solidarität mit der Ukraine. Kurz darauf reagierte auch Christiane Schenderlein (CDU), die für den Sport zuständige Staatsministerin, auf die Entscheidung des DBS: „Vor diesem Hintergrund habe ich mich dazu entschlossen, ebenfalls nicht an der Eröffnungsfeier teilzunehmen“, teilte sie am Dienstagnachmittag mit. Kritik an russischer Teilnahme Die späte Entscheidung des Deutschen Behindertensportverbands (DBS) spiegelt dennoch eine Einstellung wider, die sich innerhalb der deutschen Para-Athleten schon vorher abzeichnete, auch wenn sie diese der F.A.Z. nur unter der Bedingung der Anonymität mitteilten. „Ich kann es nicht unterstützen, dass eine kriegstreibende Nation bei den Spielen zugelassen ist“, sagte beispielsweise eine Para-Athletin. „Ich stelle mir das ziemlich schwierig vor, wenn ich als ukrainischer Athlet neben einem russischen Athleten starte. Ich finde es zudem schwierig, weil es ja eine Lücke gibt in Russland, was die Dopingkontrollen angeht, und wir nicht wissen, was da in der Zwischenzeit alles passiert ist. Russland ist da ja nicht unbelastet.“ Ein anderer deutscher Para-Athlet sprach sich für den Auftritt unter neutraler Flagge aus: „Da wäre alles vielleicht etwas einfacher gewesen, da ich den Sportler an sich erst mal im Fokus sehe, auch wenn man die Nationalität natürlich weiß. Aber das finde ich besser vertretbar, als wenn er mit russischer Fahne und russischer Hymne antreten darf. Das sehe ich kritisch in der Zeit, in der wir uns befinden.“ Die Empörung über die Teilnahme der Russen hatte zuvor auch die italienische Seite bereits sehr offen formuliert: „Die Entscheidung des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) bezüglich der (russischen und belarussischen/Anm. d. Red.) Athleten ist weiterhin fehlerhaft, und wir hätten dem Beispiel des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) folgen sollen“, sagte der Präsident des italienischen Paralympischen Komitees, Marco Giunio De Sanctis, gegenüber italienischen Medien. Auch wenn der Gastgeber schwerlich die heimischen Spiele boykottieren kann, dankte am Montag Waleri Suschkewytsch, Präsident des ­ukrainischen Paralympischen Komitees, in einem Schreiben Premierministerin Giorgia Meloni für die Solidarität und Unterstützung Italiens gegenüber der Ukraine. Gleichzeitig forderte er: „Die zuständigen Behörden der italienischen Regierung haben nach nationalem, europäischem und internationalem Recht alle rechtlichen Grundlagen, die Aktivitäten des Paralympischen Komitees der Russischen Föderation ordnungsgemäß zu bewerten“ und entsprechende Schritte zu einem Ausschluss zu unternehmen. Und das IPC? Dieses reagierte nach außen hin gelassen auf die Boykotte. „Alle Nationalen Paralympischen Komitees (NPC), die an den Paralympischen Winterspielen teilnehmen, sind zur Eröffnungsfeier eingeladen“, hieß es auf Anfrage der F.A.Z. „Aus verschiedenen Gründen können sich NPC gegen eine Teilnahme entscheiden. Wir ermutigen zur Teilnahme an der Eröffnungsfeier, respektieren und verstehen aber die unterschiedlichen Gründe, warum Athleten und Delegationen nicht teilnehmen möchten.“ Bereits im Dezember hätten Nationen mitgeteilt, dass sie keine Athleten zur Eröffnungsfeier entsenden würden, „da sie den sportlichen Leistungen Priorität einräumen wollten“, denn in mehreren Sportarten beginnen die Wettkämpfe am frühen Morgen des folgenden Tages. Das Statement des IPC wirkt wie ein Versuch, Ruhe in Zeiten des Tumults zu signalisieren, doch die Realität sieht anders aus: Zwar ist es richtig, dass beispielsweise Kanada in einem Statement seine Absage an der Eröffnungsfeier unter anderem mit dem Zeitplan der anstehenden Wettkämpfe begründete. Aber in derselben Erklärung heißt es, dass man bereits „auf der IPC-Generalversammlung im September gegen die Wiedereinsetzung der russischen und belarussischen Nationalen Paralympischen Komitees“ gestimmt habe und weiterhin der Überzeugung sei, „dass die Bedingungen für deren Wiedereinsetzung nicht erfüllt sind“. Die Anwesenheit der Russen spaltet also die paralympische Gemeinschaft. Und das Problem wird kaum kleiner werden, sobald Russland seine Hymne oder Flaggen bei den Winter-Paralympics wieder öffentlich zur Schau stellt. Eine Kostprobe dafür wird es entsprechend am Freitag im Amphitheater von Verona geben, was man bereits in der lückenhaften Anwesenheitsliste für die Eröffnungszeremonie sehen kann. Die mächtige Arena hat vor fast 1000 Jahren einem massiven Erdbeben getrotzt. Die Spuren dieser Katastrophe sind allerdings bis heute zu sehen.