Am Mittwochabend ist Abdelkader Selmi für die Eintracht bei den Deutschen Elite-Boxmeisterschaften der U22 in den Ring gestiegen. Fast gleichzeitig hat der Hessische Landtag darüber abzustimmen, ob der junge Algerier – wie in einem Petitionsantrag gefordert – in Deutschland bleiben darf oder das Land verlassen muss. Der Fall des jungen Mannes, der für den Verein 2023 in seiner Gewichtsklasse deutscher U22-Meister geworden ist, hat sich nicht nur unter Eintracht-Mitgliedern herumgesprochen: Mehr als 11.300 Unterstützer haben die Petition auf einer Onlineplattform unterzeichnet. Ein 21 Jahre alter Sportler, seit Jahren gut integriert, ehrgeizig, der deutschen Sprache mächtig, mitten in der Fachausbildung – warum sollte er keine Ausbildungsduldung bekommen? Doch am Mittwochabend haben die Fraktionen von SPD, CDU und AfD den Petitionsantrag abgelehnt, die FDP enthielt sich, nur die Grünen waren dafür. Eine Begründung dafür wurde nicht veröffentlicht. Eine Stunde später verlor Selmi seinen Boxkampf. Der talentierte Sportler hatte sich als Siebzehnjähriger bei einer Frankreichreise mit dem algerischen Nationalteam abgesetzt und war nach Frankfurt gekommen. Seitdem war er in einer Jugendhilfeeinrichtung untergebracht, die ihn dabei unterstützte, einen Boxverein und eine Ausbildung zu finden, die Sprache zu lernen und einen Aufenthaltstitel zu erlangen. Weil Letzteres schwieriger war als erwartet, hatte die Jugendhilfe eine Petition an den Landtag gerichtet und um Unterstützung gebeten. Nadine Coig, die die Einrichtung leitet, ist „erschüttert“ vom Mehrheitsvotum der Parlamentarier. Seit mehr als drei Jahren begleite sie Selmi auf seinem Weg, sie sehe jeden Tag seinen Fleiß im Beruf und im Sport, seine Disziplin, seine vorbildliche Integration. Lange Zeit ohne Papiere Selmi wurde von den Behörden zur Last gelegt, bei der Einreise nach Deutschland keinen Pass dabeigehabt zu haben. Den habe sein Trainer einbehalten, sagt Selmi, er habe aber bei einer Personenkontrolle im Jahr 2022 ein Foto seines Ausweises gezeigt. Das Bild mit dem Zeitstempel kennt auch Nadine Coig, der Algerier sei darauf deutlich zu erkennen. Den Pass hatte der Trainer nach der Auslandsreise wieder mit in die Heimat genommen, von dort musste er umständlich angefordert werden, wie sich Coig erinnert. Für deutsche Behörden entstand damit offenbar eine zu lange Zeit ohne Papiere. Der junge Algerier hat sich für eine Ausbildung im Tiefbau entschieden. In einem halben Jahr hätte er seinen ersten Abschluss, wenn er noch ein Jahr länger dranbleibt, auch den Abschluss als Rohrleitungsbauer. Ein körperlich anstrengender Beruf, für den sein Arbeitgeber, die Südwestdeutsche Rohrleitungsbau GmbH, kaum Azubis findet. Sein Chef Dirk Heesen steht nach eigenen Worten „zu 100 Prozent“ hinter Abdelkader Selmi und hatte gehofft, dass der junge Mann mit einer Ausbildungsduldung bleiben kann. Diese Möglichkeit wurde für abgelehnte Asylbewerber 2016 geschaffen: Wer sich nichts zuschulden kommen lässt, aber einen Ausbildungsplatz findet, darf bleiben. Damit sollte der Fachkräftemangel gelindert und gleichzeitig Rechtssicherheit für Betriebe geschaffen werden, die Geflüchtete ausbilden. Deshalb ist Heesen auch empört, dass sein Schützling nun nach anderthalb Jahren Ausbildung gezwungen werden könnte, Deutschland zu verlassen: „Warum soll ausgerechnet der, der sich integriert und Arbeit gefunden hat, abgeschoben werden?“ Am Freitagmorgen erhielt er eine Mitteilung der Stadt, dass die Duldung für seinen Azubi ausgelaufen sei und eine weitere Beschäftigung verboten wäre. Selmis Unterstützer geben noch nicht auf: Sein Anwalt Jonathan Leuschner, der seinen Fall schon länger vertritt, hat nun noch einen Eilantrag vor dem Verwaltungsgericht gestellt, um die Duldung zu verlängern, damit der junge Algerier seine Ausbildung fortsetzen kann. Vielleicht kann der junge Boxer auf diesem Weg den Kampf um das Aufenthaltsrecht doch noch gewinnen.
