Pflanzen stecken voller Geheimnisse. Seit rund 500 Millionen Jahren wachsen sie an Land, und erst langsam wird klar, welche absonderlichen Fähigkeiten sie in dieser Zeit entwickelt haben. Sie können nicht nur wachsen, blühen und verwelken, sondern kommunizieren miteinander, mit Bestäubern und Fressfeinden. Manche Forscher sprechen bereits von einer pflanzlichen Intelligenz, sogar von einer Art grünem Bewusstsein. Eine wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang offenbar die Elektrizität. So zeigen Forscher aus Barcelona aktuell im Fachjournal Cell, dass Gewächse eine elektrische Uhr besitzen, die in ihrem Inneren tickt. Dass sie einen inneren Taktgeber haben müssen, ist schon länger bekannt – denn sie verhalten sich tagsüber anders als nachts, unabhängig von Lichteinfall und Temperatur. Äußere Einflüsse können ihren Biorhythmus modulieren, bringen die innere Uhr aber nicht völlig aus dem Takt. Über Ionenpumpen in den Zellwänden entsteht ein Ladungsgradient, das Innere der Zellen ist dann negativ, das äußere positiv geladen. Dieser Gradient kann von den Wurzeln bis zu den Blättern wandern. Das funktioniert, weil Pflanzen in ihren Zellen Regelwiderstände haben, zeigen die Forscher. Sie steuern, wo Ladungen fließen. Das erinnert frappierend an unser Nervensystem, das ja ebenfalls über elektrische Impulse Informationen durch unseren Körper jagt. Der Unterschied: Die elektrische Uhr der Pflanzen tickt enorm langsam, manche Signale benötigen Stunden, um von der Wurzel bis zu den Blättern zu gelangen. Ein Reflex beim Menschen wird hingegen innerhalb von Millisekunden ausgelöst. Aber reicht Signalübertragung für ein Bewusstsein? Bereits Aristoteles spekulierte über eine Seele der Pflanzen. Immer wieder haben Philosophen und Pflanzenforscher versucht, dem grünen Leben ein Geheimnis zu entlocken. Britische Forscher haben zuletzt einige Belege dafür vorgelegt, dass Pflanzen Insekten über elektrochemische Signale anlocken. Und der Forscher Stefano Mancuso von der Universität Florenz sagt: „Pflanzen sind intelligente Lebewesen, sie verfügen über alle fünf Sinne, können kommunizieren und sind in der Lage, Probleme zu lösen.“ Dazu scheint zu passen, was Forscher vor der partiellen Sonnenfinsternis im Jahr 2022 in den Dolomiten bei Fichten beobachtet hatten. Einige Stunden bevor sich der Mond vor die Sonne schob, registrierten Sensoren elektrische Signale in den Bäumen. Ältere Bäume hätten stärker, jüngere schwächer reagiert. Insgesamt hätten sie alle ihr bioelektrisches Verhalten koordiniert. Im Journal of the Royal Society Open Science vermuteten die Forscher, dass die Bäume die Sonnenfinsternis vorausgesehen und einander gewarnt hätten. Allerdings erwies sich die Studie als Murks: Es wurden nur acht Fichten untersucht – fünf lebende und drei Baumstümpfe. Und, wie Wissenschaftler im aktuellen Trends in Plant Science betonen: Die gemessenen elektrischen Signale lassen sich auch weniger esoterisch erklären. So hatte vor der Sonnenfinsternis in der Nähe der Fichten ein Unwetter getobt, mit heftigem Regen und einigen Blitzeinschlägen. Dass das nicht spurlos an Bäumen vorbeigeht, kann sich sogar ein Laie vorstellen. Die Forscher wollen die Elektrokraft der Bäume aber nicht völlig verdammen. „Die elektrische Aktivität von Bäumen ist ein reales Phänomen, aber es handelt sich noch um ein junges Forschungsgebiet“, schreiben sie. Doch trotz aller Begeisterung für das Aufkeimen neuer Ideen: Wer dem wundersamen Wesen der Pflanzen auf die Spur kommen will, muss achtgeben, damit kein Irrglauben sprießt.
