FAZ 06.02.2026
14:23 Uhr

Boom in Aragón: Wenn Elon Musk das „leere Spanien“ entdeckt


Viel Platz und viel Sonne: Die Region Aragón kämpfte bisher mit Landflucht – jetzt erlebt sie einen Boom mit Datenzentren. Aber das gefällt auch nicht allen.

Boom in Aragón: Wenn Elon Musk das „leere Spanien“ entdeckt

Dicke Wolken hängen tief über der Hochebene. In den vergangenen Tagen hat es in der Sierra de Albarracín geschneit, und es ist bitterkalt – mitten in Spanien. Spanisch-Lappland wird die einsame Gegend auch genannt: Nicht wegen der Temperaturen, sondern wegen der wenigen Menschen, die in Aragón und im benachbarten Kastilien-La Mancha leben. Mit 0,85 Einwohnern pro Quadratkilometer ist die Bevölkerungsdichte in den verlassenen Bergen niedriger als im hohen Norden Finnlands. Dort oben liegt España vacía, das leere Spanien, das dabei ist, sich in eine demographische Wüste zu verwandeln. Den traurigsten Rekord in Aragón hält das Dorf Almohaja mit zwölf Einwohnern. Aber auf einmal begeistert sich Elon Musk für das leere Landesinnere Spaniens. In den entvölkerten Regionen Spaniens und Siziliens ließe sich die gesamte elektrische Energie produzieren, die Europa brauche, schwärmte der Milliardär auf dem Weltwirtschaftsforum. Das gilt besonders für Aragón. Die autonome Region zwischen Madrid und Barcelona hat reichlich Sonne und sehr viel Platz. Sie ist bereits der zweitgrößte Windenergieproduzent Spaniens, während immer mehr Solarparks entstehen. Aragón profitiert von seiner  Lage Für diese kostengünstige „grüne“ Energie interessieren sich auch andere Amerikaner: Amazon, Microsoft und der Vermögensverwalter Blackstone wollen dort riesige Datenzentren bauen. Für Amazon Web Services ist es mit knapp 16 Milliarden Euro eines der größten Projekte dieser Art in Europa. Laut einem Bericht der aragonesischen Fundación Basilio Paraíso sind inzwischen Investitionen von mehr als 47 Milliarden Euro angekündigt. Damit würde Aragón nach London und Frankfurt die Nummer drei bei den Rechenzentren in Europa, die für die KI immer wichtiger werden. „Aragón lässt sich nicht aufhalten. In gut zweieinhalb Jahren haben wir Investitionen von 90 Milliarden Euro angezogen. Das bedeutet Wohlstand und mehr und bessere Arbeitsplätze“, sagt der konservative Regionalpräsident Jorge Azcón, der sich am Sonntag der Wiederwahl stellt. Für ein Zehntel der gesamten regionalen Wirtschaftsleistung könnten allein die Rechenzentren aufkommen, zudem Zehntausende Arbeitsplätze auch in anderen Branchen entstehen. Aragón, dessen Hauptstadt Saragossa sich schon zu einem Logistikzentrum entwickelt hat, profitiert dabei von seiner Lage. Das Mittelmeer und der Atlantik, wo die Untersee-Datenkabel in die USA verlaufen, sind nicht weit weg. Die amerikanische Firma Diamond Foundry, die sich auf künstliche Diamanten spezialisiert hat, will für eine Milliarde Euro bei Saragossa eine Produktionsstätte für Halbleiter aufbauen. Stellantis, der Mutterkonzern von Opel und Peugeot, hat neben seinem Werk in Saragossa noch größere Pläne. Zusammen mit dem chinesischen Weltmarktführer CATL entsteht für mehr als vier Milliarden Euro eine Fabrik für Batteriezellen für Elek­troautos. In Saragossa lebt zwar mit gut 700.000 Menschen die Hälfte der Bevölkerung Aragóns. Trotzdem drohen inzwischen Arbeitskräfte und Wohnungen knapp zu werden. Skeptisch verfolgen viele die Pläne für die Batteriezellenfabrik. Für deren Bau und die Anlaufphase sollen bis zu 2000 Fachkräfte und Mitarbeiter aus China kommen. Amazon braucht angeblich bis zu 6800 Angestellte. Auch andere Ressourcen sind knapp. Der Energiehunger ist noch lange nicht gestillt „Tu nube seca mi río“ („Deine Cloud trocknet meinen Fluss aus“) heißt eine Bürgerinitiative, die sich dagegen wehrt, dass die Datenzentren in einem der heißesten und trockensten Teile Spaniens entstehen. Besonders im Sommer müssen sie mit viel Energie gekühlt werden und brauchen dafür große Mengen Wasser. Während der jüngsten Trockenperioden reichte das Wasser in Aragón oft nicht einmal für die Bauern. 350.000 Kubikmeter im Jahr benötigt angeblich Amazon nur für sein erstes Rechenzen­trum. Sie sollen aus dem Ebro stammen, dem zweitgrößten Fluss Spaniens. Der Energiehunger ist immens und noch lange nicht gestillt. Mehr als 80 Prozent der in Aragón produzierten Energie stammen schon aus erneuerbaren Quellen. Rund die Hälfte der gesamten Stromproduktion ist für die Datenzentren vorgesehen. Zu einem Flaschenhals könnte die Anbindung ans nationale Netz werden, in das die Überschüsse eingespeist und aus dem bei Bedarf Strom bezogen werden könnte. Wie stark das spanische Netz am Limit ist, zeigte der landesweite Stromausfall im vergangenen Jahr. Eine „Revolte des entvölkerten Spaniens“ Bisher stehen die größten Anlagen Spaniens an der portugiesischen Grenze und in Murcia. Aber besonders in der Provinz Teruel sind zahlreiche Photovoltaik- und Windparks in Planung oder im Bau. Obwohl in den einsamen Bergen und Hochebenen viel Platz ist, stoßen sie bei vielen Bewohnern nicht auf Begeisterung. Zwei Welten prallen aufeinander. Aktivisten aus Aragón und anderen betroffenen Gebieten schlossen sich der „Revolte des entvölkerten Spaniens“ an und protestierten in Madrid gegen die „Invasion“ von Solarpanels auf ihren Äckern und in landschaftlich schönen Gebieten, die sie für den Tourismus erschließen wollen. Das seien die „Sargnägel für das ländliche Spanien“: Ihre vergessene Heimat solle Europa saubere Energie liefern, während sie sich oft wie Bürger zweiter Klasse fühlen. Teruel ist die einzige Provinz ohne Zugverbindung nach Madrid. „Die großen nationalen Parteien PP und PSOE interessieren sich nicht für das ,leere‘ Spanien, weil es ihnen keine Stimmen bringt“, sagt der Vorsitzende des Bündnisses „Aragón Existe“, Tomás Guitarte. Für seine ursprüngliche Partei „Teruel Existe“ saß er eine Legislaturperiode lang im nationalen Parlament. Jetzt kämpfen er und zwei weitere Abgeordnete seiner Koalition um den Wiedereinzug ins Regionalparlament. Deutschland ist für Guitarte ein Vorbild. Warum gebe es in Spanien keinen Solidaritätszuschlag und andere steuerliche Erleichterungen für die vergessenen Gegenden, fragt er. Von den Gewinnen der Solar- und Windkraftwerke flössen in Spanien weniger als zwei Prozent an die Gemeinden, auf deren Gebiet sie stehen; in nordeuropäischen Ländern mehr als 20 Prozent. „Statt zur Wiederbelebung tragen sie zur Entvölkerung bei“, befürchtet Guitarte. Trotz des Wirtschaftsbooms wächst in Aragón die Frustration. Laut Umfragen könnte auch dort die rechtspopulistische Vox-Partei ihren Siegeszug durch die Regionen Spaniens fortsetzen – möglicherweise mit einem Abgeordneten in Teruel. Andere haben die Hoffnung auf Wahlen aufgegeben und setzen auf die EU. „Die bisherigen Investitionen waren ein Tropfen auf den heißen Stein. Sie lösen die strukturellen Probleme nicht“, sagt Javier López Capapé. Er ist der Gründungsvorsitzende einer neuen Vereinigung, die sich für die Entwicklung der „Montes Universales“ einsetzt – so heißen die Berge, die immer mehr Menschen verlassen. Mehr als 70 Gemeinden haben sich der parteiübergreifenden Initiative ADMU angeschlossen, die inzwischen vor Gericht für die Einrichtung einer Sonderzone kämpft. „Entvölkerung kennt keine Grenzen“, sagt Javier López Capapé über das demographische Krisengebiet, das in drei Provinzen und zwei autonomen Regionen liegt.