Tödliche Böller reißen in Bielefeld zwei Achtzehnjährige aus dem Leben. Einer von ihnen hatte offenbar verschiedene Feuerwerkskörper in einem Rohr zur Explosion gebracht, der andere eine Kugelbombe gezündet. Die schreckliche Meldung aus Nordrhein-Westfalen ist nur eine von Hunderten aus der vergangenen Silvesternacht. Wieder verletzten sich Menschen schwer oder gar tödlich, Wohnungen brannten aus, und Einsatzkräfte wurden mit Raketen beschossen. Die Nachrichten gleichen denen aus den Jahren zuvor. Und dennoch scheint es ein Neujahrsbrauch der Deutschen geworden zu sein, kurz vor und nach Silvester über ein Böllerverbot zu diskutieren, um es dann wieder zu vergessen. Einige Wochen später sind angegriffene Einsatzkräfte, verschreckte Tiere und zerfetzte Hände für die kommenden zwölf Monate im öffentlichen Diskurs kein Thema mehr. Der frühere Berliner Feuerwehrchef Albrecht Broemme führt die Böllerverbotsdebatte gerne als Beispiel für die von ihm diagnostizierte „Katastrophen-Demenz“ der Deutschen an. Das allgemeine Vergessen kommt der Politik gelegen. Sobald die Aufregung abebbt, fehlt der Anreiz, das Problem anzugehen, auch weil Verbote unliebsam sind und wirtschaftliche Interessen eine Rolle spielen. Schließlich ist es ja nur eine Nacht im Jahr, in der Betrunkene mit Sprengstoff hantieren dürfen. An Eigenverantwortung mangelt es vielen Doch nach den schwerwiegenden Vorfällen der vergangenen Jahre scheint das Gedächtnis vieler Bürger geschärft. Sie wünschen sich eine Veränderung. Umfragen zeigen, dass eine Mehrheit der Deutschen ein böllerfreies Silvester fordert. Rund drei Millionen Menschen haben deswegen eine Petition unterschrieben. Ob es gleich ein Komplettverbot sein muss, kann man diskutieren. Für viele ist das Abfeuern ihres Feuerwerks ein Moment großen Glücks, den sie mit Kindheitserinnerungen verbinden. Doch Pyrotechnik ist kein Spielzeug. Selbst kleinere Tischfeuerwerke können zur Katastrophe führen, wie es nach ersten Zeugenaussagen wohl auch bei dem verheerenden Brand im Schweizer Skiort Crans-Montana mit rund 40 Toten der Fall gewesen sein könnte. Gegner von Verboten führen die Eigenverantwortung des mündigen Bürgers an. Doch an der scheint es vielen zu mangeln, wenn meist junge Männer ohne Rücksicht auf ihre Mitmenschen Feuerwerk im Wert eines Monatsgehalts zünden, Rettungskräfte attackieren oder sich gar selbst in die Luft sprengen. Auch der Verweis auf angebliche Traditionen trägt kaum: Das private Massenböllern mit Hochleistungsfeuerwerk ist vor allem ein konsumistisches Phänomen der Gegenwart. Wer argumentiert, schwere Verletzungen und Sachschäden würden vor allem durch selbstgebautes oder illegales Feuerwerk verursacht, hat einen Punkt. Die gefährlichen Kugelbomben werden aber im Schutze der allgemeinen Böllerei gezündet, Feuerwehrleute eben auch mit erlaubten Stockraketen beschossen und Pulver für Böller der Marke Eigenbau aus legalen Produkten gewonnen. Letztlich würde eine Limitierung des Privatfeuerwerks in jedem Fall für eine Entlastung von Einsatzkräften, Krankenhäusern und der Umwelt sorgen. Dass lokale Verbotszonen allein nicht reichen, haben die letzten Jahre gezeigt. Ob Böllerverbot oder nur Verkaufslimitierung: etwas muss sich jetzt auf Bundesebene ändern. Ansonsten heißt es auch zur kommenden Jahreswende wieder: Same procedure as every year.
