FAZ 20.02.2026
17:28 Uhr

Bob-Brüder bei Olympia: „Ich will meinen Körper wie eine Zitrone ausquetschen“


Die Ammour-Brüder stehen vor ihrer Olympia-Premiere. Im Interview spricht Issam über die Kunst des Bobfahrens, wie er sich zurückkämpft und welche Rolle Japan und Algerien in seinem Leben spielen.

Bob-Brüder bei Olympia: „Ich will meinen Körper wie eine Zitrone ausquetschen“

Adam und Issam Ammour sind rund zwei Wochen vor ihrer Abreise nach Italien krank geworden. Eigentlich sollte ein persönliches Treffen stattfinden. Der Ort war bereits ausgemacht: Frankfurt-Kalbach. Doch der ehemalige Turner Adam sei „total raus aus allem“, schrieb Issam. Deshalb fand ein Videogespräch nur mit ihm statt. Seine Stimme war angeschlagen, aber er sei auf dem Weg der Besserung, versicherte der frühere Sprinter. Herr Ammour, im vergangenen Jahr sagten Sie noch: „2020 war ich kurz davor, aufzuhören.“ Nun stehen Sie kurz vor Ihrer ersten Teilnahme an den Olympischen Winterspielen (1. Lauf im Viererbob am 21. Februar, 10:00 Uhr). Wie fühlt sich das an? Es fühlt sich gut an. Ich musste mir den Platz über viele Jahre hart erarbeiten. Ich musste mich beweisen und Leistung bringen. Und ich weiß, dass andere Sportler gerne an meiner Stelle wären und meinen Olympiaplatz wollen. Ich bin dankbar, eine Chance zu bekommen, auf die ich so lange gewartet habe. Warum? Weil ich nach vielen Jahren endlich mal die Wertschätzung bekomme. Ich will jetzt nicht sagen, eine Wertschätzung, die ich verdient habe. Das hört sich arrogant und egoistisch an. Im Sport muss man oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, das war ich leider bislang nie. Jetzt passt alles. Meine Leistung ist integraler Bestandteil des Teams. Mein Bruder baut auf mich und zählt darauf, dass ich ihn zusammen mit meinen beiden anderen Kollegen im Viererbob schnellstmöglich anschiebe. Wie erklären Sie sich Ihren Erfolg? Wir sind in einem Teamsport. Das bedeutet: Erst einmal braucht man einen Platz in einem Team. In der Vergangenheit hatte ich mit meinen Bobpiloten viel Pech gehabt, die sich verletzt haben oder den Sprung in den Weltcup nicht geschafft haben. Also: Es war eine langwierige und steinige Geschichte. Elf Jahre bis Olympia sind eine lange Zeit. Und deshalb habe ich auch zwischenzeitlich ans Aufhören gedacht. Einfach, weil es lange Zeit aussichtslos schien. Sie sind drangeblieben. Worauf kommt es noch an? Am wichtigsten ist das Vertrauen in die eigene Leistung. Dann kommen verschiedene Komponenten hinzu: das Mentale, diese Fortitude, diese Willensstärke. Und der Glaube an ein Happy End. Damit meine ich auch aktuell: Nach immer wieder auftretenden muskulären Problemen am Anfang der Saison und enttäuschenden Testleistungen in dieser wichtigen Olympiasaison war ich schon sehr niedergeschlagen. Aber ich habe mir gedacht: So kann es nicht enden, ich muss weitermachen. Dann läuft es. Das haben wir in den letzten Rennen auch hinbekommen. Es ging ja immer weiter, immer besser. Wie bereiten Sie sich auf den Wettbewerb in Mailand und Cortina vor? Grundsätzlich unterscheidet sich das Training in der Vorbereitung nicht allzu sehr von dem, was wir jetzt in der heißen Phase machen. Wir müssen die Antrittsstärke eines Sprinters haben. Wir müssen die Kraft eines Kraftdreikämpfers, eines Powerlifters, haben. Wir müssen viele Gewichte heben, wir müssen schnell laufen – und super beweglich sein. Schließlich müssen wir uns im Bob klein machen. Ich bin mit 1,72 Meter der mit Abstand kleinste Anschieber bei uns im deutschen Olympiateam. Die Durchschnittsgröße bei uns beträgt rund 1,90 Meter bei den Männern. Damit habe ich auch einen großen Nachteil: Während ich zwar überdurchschnittlich antrittsstark bin, muss ich im Verlauf des Anschiebens mehr Schritte als ein größerer Athlet machen. Wie sieht Ihre Trainingswoche aus? Am Montag Lauftraining, am Dienstag Krafttraining, am Mittwoch Oberkörper und allgemeine Fitness, Donnerstag Beweglichkeit und Sprünge oder Stabilitätsübungen, Freitag eine Laufeinheit, Samstag wieder Kraft, am Sonntag ist eine frei verfügbare Einheit. Also keine Pause? Nein. Ich bin ein Arbeitsschwein, das heißt: Ich trainiere auch an diesem Tag. Ich trainiere sehr gerne. Zudem gehe ich zur Physiotherapie und in die Sauna. Ein erholsamer Schlaf ist für die Regeneration wichtig. Das Sportlersein ist also ein 24-Stunden-Job. Wie ernähren Sie sich? Ich wiege knapp über 100 Kilogramm. Das ist schon sehr speziell. Für mich ist es ganz einfach: Ich liebe es, zu essen. Ich finde Essen sehr geil. Ich ernähre mich proteinreich und verzichte größtenteils auf Zucker. Mein Bruder Adam wiegt etwa 97 Kilogramm – bei einer Körpergröße von 1,76 Meter. Haben Sie sich ein persönliches Ziel gesetzt? Uns ist es wichtig, hundert Prozent unserer Leistungsfähigkeit abzurufen. Das bedeutet: mit den besten Startzeiten, die wir in den letzten Rennen fast immer geschafft haben, vorne dabei zu sein. Es sind unsere ersten Olympischen Spiele, von daher darf eines nicht fehlen: Spaß haben. Inschallah – so Gott will – dann sollten wir mit dem, was wir draufhaben, auch eine Medaille holen. Ich will jetzt keinen extremen Druck auf uns selber machen und große Töne spucken. Ihr Bruder Adam war Turner. Bei einem Sturz brach er sich sein Handgelenk. Danach hat er entschieden, Ihrem Weg zu folgen. Warum? Ja, das war naheliegend. Er hat in den letzten Jahren gesehen, wie oft ich traurig nach Hause gekommen bin. Er fragte dann, wieso. Ich erzählte, dass es nicht so lief und ich immer Pech gehabt hatte. Professioneller Sport hat Adam nicht so interessiert. Da habe ich mal gesagt: Komm mal mit, trainiere mit mir im Bobtraining. Er war ein schlaksiger Typ mit knapp über 70 Kilo und körperlich weit davon entfernt, ein Bobfahrer zu sein. Adam absolvierte seine ersten Probefahrten im Monobob, am Stützpunkt in Oberhof folgte eine Pilotenausbildung. Seine Devise lautete: „Learning by doing“. Wie haben Sie ihn beobachtet, und was ist Ihnen aufgefallen? Bereits bei seinen ersten Bobfahrten haben wir – Trainer und Kollegen – gesehen, dass er ein Talent ist. In kürzester Zeit hat er dieses Gefühl entwickelt, einen Bob zu fahren, obwohl er zuvor noch nie in einem Schlitten saß. Wenn wir ihm sagten: Adam, du fährst jetzt folgende Fahrlinie, hat er sie zu 99,9 Prozent umgesetzt. Ich glaube, weil er Turner war, hat er ein exzellentes Körpergefühl. Athletik und fahrerisches Können – das war überhaupt kein Problem. Und was fiel ihm schwer? Das Management und die Organisation rund um das Bobfahren. Bei ihm ging alles schnell. Er musste erwachsenen Männern, die deutlich älter waren als er, sagen, wo es langgeht. Er musste Entscheidungen treffen, die verdammt schwer sind. Als junger Mensch muss man das erst lernen. Vor allem in den letzten Wochen waren das schwere Zeiten, die er durchmachen musste: als Pilot mit mentalen Themen, Druck von außen, großen Erwartungen, viel Verantwortung, Stress, Menschen, die auf ihn einreden – und die Entscheidungsfindung rund um die Winterspiele. Doch er hat sich da gemausert und ein Olympia-Team zusammengestellt, das gewinnen kann. Zurück zu Ihnen. Sie haben zwischenzeitlich mal American Football bei den Gießen Golden Dragons gespielt, bevor Sie 2015 zum Bobsport wechselten. Warum? Mein größter Traum war, bei den Olympischen Spielen mitzumachen. Und Football ist nicht olympisch. Du wirst älter und realisierst: Das mit Olympia wird nichts, auch nicht beim Sprint. Muss ich meinen Traum aufgeben? Der Bobsport war für mich das Aufleben eines Traums. Hier gab es Perspektiven, die es beim Football nicht gab. Hinzu kam die Verletzungsgefahr: In meiner ersten Saison habe ich mir im Footballtraining einen Syndesmoseriss zugezogen. Ich musste operiert werden. Für mich stand fest: Ich habe nicht viel davon, wenn ich mich permanent verletze. Das war es hier für mich. Vielleicht bin ich mit meinen Stärken im Bobsport besser aufgehoben. Gibt es etwas, was Sie vom American Football gelernt haben, das im Bobsport weiterhilft? Ich bin sehr laut. Wenn man mein Geschrei irgendwie in Metern messen würde, dann wäre ich vielleicht 2,20 Meter groß. Das war im Football auch so. Ich fand das immer richtig geil, sich hochzufahren, sich ans Limit zu bringen, den Gegner umzuhauen. Jetzt habe ich keinen Gegner, den ich umknocke, sondern ich will den Bob nach vorne knocken. Die Kommentatoren haben eine passende Beschreibung für mich gefunden: „Er schreit für zwei Personen.“ Was macht den Bobsport aus? Was reizt Sie so daran? Es kommt bei uns auf eine Hundertstelsekunde an. Wir haben in Altenberg um zwei Hundertstel gewonnen, in St. Moritz um sieben Hundertstel. Ein Wimpernschlag dauert durchschnittlich 15 Hundertstel. Das entscheidet zwischen Sieg und Niederlage. Wir haben eine krasse Präzision im Bobsport. Wir als Anschieber trainieren den ganzen Sommer und Winter, um jede Hundertstel mit dem Einstieg, mit dem sauberen Platzieren des Körpers im Schlitten herauszuholen. Dafür haben wir fünf Sekunden Zeit. Unsere Aufgabe ist es, den Piloten Sicherheit zu geben, wie der Fels in der Brandung. Können Sie das mit der Präzision genauer erklären? Am Start synchronisiert sein, sauber einsteigen, im Schlitten sauber sitzen, Aerodynamik, Fahrweise und Kurvenlenkung müssen stimmen. Welche Sportart bietet dir so eine Symbiose? Das ist wie ein Uhrwerk. Ausrasten, Gewalt und Präzision in einer Sportart – ich wüsste nicht, wo es das sonst gibt. Das fasziniert mich extrem. Gewalt? Meinen Sie die Urgewalt des Körpers und die Explosivität? Ich bin sehr laut. Ich verbiege mich nicht dafür. Ich feiere das. Diese fünf Sekunden stehen mir als Anschieber zu, wo wir im Rampenlicht stehen. Das ist diese Urgewalt, weil du am Dampfen, am Schwitzen bist. In dieser Zeit gilt, alles, was dein Körper hat, wie eine Zitrone auszuquetschen und voll in den Schlitten zu werfen. Sie reisten als Student nach Japan und haben Immobilien in Tokio. Was fasziniert Sie an dem Land? Und haben Sie etwas von der japanischen Kultur gelernt, das Sie im Bobsport anwenden? Japan ist ein superschönes Land. Ich bin 2014 das erste Mal hingeflogen und dann immer wieder. Ich habe dort viele Freunde, spiele auch gerne Baseball, wenn ich Zeit habe. Die Kultur ist geprägt von Respekt: keine Probleme verursachen, sich zurückzuhalten. Hier finde ich Ruhe. Ich versuche das eher im Business-Umfeld anzuwenden als im Sport. Ich bin im Sport ein Charakter, der sich nicht gern verbiegt und er selbst bleibt. Das kommt nicht überall gut an, aber ich bin kein People-Pleaser, sondern Profi, der sein Leben dem Sport opfert. Also ist Japan ein Rückzugsort für Sie? Ja, und meine Brüder habe ich damit auch angesteckt. (lacht) Japan ist wie mein zweites Zuhause. Hier entkommen wir dem Stress und Trubel. Mittlerweile sind Sie und Adam ein eingespieltes Duo. Was haben Sie voneinander gelernt? Adam hat gesehen, wie hart ich für meinen Traum trainiere. Nie aufgeben, den unbedingten Siegeswillen, den Ehrgeiz – ich denke, das hat er sich von mir abgeschaut. Was ich bei ihm sehr gut finde, ist, dass er sehr ehrgeizig geworden ist. Ich habe immer mehr gemerkt, wie er auf Feinheiten achtet. Er ist viel ruhiger und ausgeglichener als ich. Haben Sie sich das von ihm abgeschaut? Mein Bruder versucht mich so ein bisschen zurückzuhalten mit dem Geschrei und In-die-Kamera-Brüllen. Ich soll mich etwas zügeln. Das nehme ich mir zu Herzen. Es ist sehr viel Frust zusammengekommen die letzten Jahre: Enttäuschungen, Niederlagen, Rückschläge, Verletzungen. Ich bin über die Jahre im Sport ein emotionaler Mensch geworden: Es passiert, dass ich mich hinhocke und Freudentränen rauslasse – so wie bei der Europameisterschaft in St. Moritz. Dann auch noch zusammen mit meinem Bruder, der mir vertraut und sagt: Du wirst zurückkommen, du wirst bei den Winterspielen an den Start gehen. Dieses Vertrauen bekommt nicht jeder. Das musste ich mir erarbeiten, auch beim Bundestrainer, der die Nominierung dann abgenickt hat. Wie wird der Bobsport in Ihrem Heimatland Algerien wahrgenommen? Mein Vater erzählt mir, dass er manchmal mit der dortigen Familie darüber spricht. Die verfolgen das aufmerksam und finden das cool. Ansonsten glaube ich, dass viele Algerier gerade nicht wissen, dass zwei ihrer Landsleute, die zwar in Deutschland geboren sind und leben, aber auch Wurzeln in Algerien haben, für die Nationalmannschaft Deutschland fahren. In den algerischen Nachrichten sind wir noch nicht so präsent. Es würde mich freuen, wenn mehr Algerier uns auf dem Schirm haben. Mesut Özil erklärte seinen Rücktritt aus der Fußballnationalmannschaft 2018 unter anderem mit dem Satz: „Ich bin Deutscher, wenn wir gewinnen, und ein Immigrant, wenn wir verlieren.“ Welche Rolle spielt Ihr Migrationshintergrund, und können Sie dem Satz etwas abgewinnen? Ich bin in Deutschland geboren. Wir sprechen zu Hause Deutsch. Meine Freunde und Kollegen sind Deutsche. Fragt mich jemand in Japan, wo ich herkomme? Deutschland! Ich bin Sportsoldat. Ich trage den Adler auf der Brust, ich singe die Nationalhymne mit und repräsentiere Schwarz-Rot-Gold. Gleichwohl hat Özil einen Nerv getroffen: Es gibt einige Menschen, die mich wahrscheinlich nicht als Deutschen sehen. Auch politisch geht das zurzeit in die falsche Richtung. Es gibt Menschen, die mich in eine Ecke stellen und wegen meiner schwarzen Haare und meinem Bart als „Migranten“ abstempeln. Das sehe ich in den sozialen Netzwerken, wenn da in den Kommentaren steht: „Quotentürke“, „Möchtegern-Deutscher“ oder „Neudeutscher“. Solange es diesen Rassismus gibt, fühlt man sich teils gebrandmarkt und in seiner Würde angegriffen. Das ist schade. Dabei dürfen wir nicht vergessen, hier leben rund 83 Millionen Menschen – unter ihnen gibt es Spinner, die das Wort Identität falsch interpretieren. Eine persönliche Frage zum Abschluss: Sie sind im Januar Europameister im Viererbob geworden. In dem Siegerinterview haben Sie Ihre Mutter gegrüßt. Was bedeutet Sie Ihnen? In unserem Kulturkreis steht die Mutter an erster Stelle. Sie ist uns sehr wichtig. Meine Mutter ist in Marseille geboren. Mein Vater hat im Außendienst als Elektroingenieur gearbeitet. Er war viel unterwegs, vor allem in afrikanischen Ländern, und wochenlang nicht zu Hause. Aber unsere Mutter war immer da, als wir klein waren. Unsere Mutter hat uns großgezogen. Wir haben auch eine enge Verbindung zu unserem Vater. Keine Frage. Auch er hat in St. Moritz seinen Gruß bekommen. Im Fernsehen hat man nicht so viel Zeit. Also können sich Ihre Eltern auf einen olympischen Gruß freuen? Auf jeden Fall! Dieses Mal sind unsere Eltern in Cortina dabei. Mein Bruder Karim kommt aus Japan angereist, mein Bruder Ilias und meine Schwester werden auch da sein. Wir werden versuchen, die gesamte Familie vor die Kamera zu holen. Das wäre ein schöner Moment.