FAZ 14.01.2026
19:33 Uhr

Blutbad in Iran: Sie verlangen Kugelgeld für die Leichen


Das Regime in Teheran feiert die bei Demonstrationen getöteten Sicherheitskräfte. Die Leichen getöteter Demonstranten gibt es nur gegen Geld frei.

Blutbad in Iran: Sie verlangen Kugelgeld für die Leichen

Donald Trump hat die Demonstranten in Iran aufgefordert: „Übernehmt eure Institutionen.“ Das haben sie offenbar längst versucht, allerdings vergeblich. Ein Aktivist, der hier Hamid Ahmadi genannt werden soll, erzählt, sie hätten versucht, das Hauptgebäude des Staatsrundfunks in Isfahan zu besetzen. Von dort aus wollten sie ihre Botschaften an die Bevölkerung senden. Das hätten die Regimekräfte mit Waffengewalt verhindert. „Ich stand fast ganz vorn“, sagt Ahmadi. Unmittelbar vor ihm seien zwei Demonstranten erschossen worden. Mit einem auf ein Fahrzeug montiertem Gewehr. Auf dem Platz vor dem Schiraz-Tor in Isfahan. „Sie haben willkürlich in die Menge geschossen, um Panik zu verbreiten.“ Er hat noch die Namen der Getöteten im Ohr. Hadi und Mohsen. Ihre Freunde hätten sie gerufen, weil sie unter Schock standen. Das war am vergangenen Freitag. Sie trackten sein Telefon Ahmadi, der wie alle Personen in dieser Geschichte anders heißt, ist nicht mehr in Iran. Er ist am Dienstagabend am Flughafen in Istanbul gelandet. In der Türkei kann er 90 Tage ohne Visum bleiben. Anschließend hofft er auf eine Aufnahme im Ausland. Als Aktivist habe er seit 2009 an allen Protesten teilgenommen, sagt er. Aber jetzt hat er Angst. Ahmadi hat den Fehler gemacht, am Freitag sein Handy zur Demonstration mitzubringen, weil er Videos machen wollte. So konnten die Sicherheitsbehörden ihn ermitteln. Am nächsten Tag bekam er, wie viele, einen anonymen Anruf. Im Display wurde „No Caller ID“ angezeigt. Der Anrufer befahl ihm, nicht mehr an Protesten teilzunehmen, sonst werde er festgenommen. Ahmadi rasierte sich seinen Bart ab, um an der Grenze nicht erkannt zu werden, und verließ das Land. Er glaubt, dass viele es ihm nachtun werden. Trotzdem hat er die Hoffnung, dass das Regime bald fallen könnte. „Den meisten Leuten ist bewusst, dass es so nicht weitergehen kann.“ Vom amerikanischen Präsidenten erwartet der Aktivist nur eines: „Sie sollen uns Internet geben, dann können wir weitermachen.“ Mit „wir“ meint er die anderen. Ohne Internet sei es kaum möglich, sich zu koordinieren. Und auch wegen der vielen Toten gebe es kaum noch Proteste. Er persönlich sei skeptisch, was Trumps Motive angeht. „Er mag das iranische Öl, nicht die Iraner.“ Von den Europäern erhofft Ahmadi sich, dass sie die iranischen Botschafter ausweisen. Manche hoffen auf ein Eingreifen Trumps Am Istanbuler Flughafen gibt es mit Blick auf Trumps militärische Drohungen auch andere Stimmen. „Die Leute hoffen, dass sie angreifen. Alle warten darauf“, sagt eine Frau aus Qom, die in ihren Sechzigern sein dürfte. „Die Leute hoffen, dass Trump Khamenei holt, so wie in Venezuela.“ Den Obersten Führer Ali Khamenei also. Qom ist eines der religiösen Zentren des Landes, weshalb es manchmal heißt, die Bevölkerung dort sei regimetreuer als in anderen Städten. Die Frau weist das zurück. „80 Prozent in Qom sind gegen das Regime“, sagt sie. Als Grund dafür nennt sie die hohen Lebensmittelpreise, die sich seit Beginn der Proteste noch erhöht haben. Eier zum Beispiel, sagt die Frau, seien jetzt fünfmal so teuer wie noch im Dezember. Jeder Iraner, den die F.A.Z. am Flug­hafen anspricht, scheint jemanden persönlich zu kennen, der in den vergangenen Tagen bei Demonstrationen erschossen wurde. Einen Onkel. Den Sohn einer Freundin. Einen Freund. So hört man es von Leuten aus Teheran ebenso wie aus Isfahan und Qom. Sie alle berichten, dass es für die Angehörigen schwierig sei, die Leichname ihrer Liebsten in Empfang zu nehmen und sie würdig zu begraben. Die Behörden verlangten ein sogenanntes Kugelgeld von umgerechnet mehreren Tau­send Euro. Der zynische Begriff „Kugelgeld“ war bereits 1988 in Umlauf, als das islamische Regime schon einmal Tausende seiner Gegner tötete. Außerdem müssten die An­gehörigen ein Formular unterschreiben, in dem sie versichern, keine Trauerfeier zu veranstalten, erzählt eine Frau aus Isfahan. Eine Freundin habe einen solchen Zettel unterschrieben und trotzdem nicht den Leichnam ihres Sohnes erhalten. Der Gouverneur habe es verboten. Sie habe gehört, ihr Sohn solle in einem Massengrab beerdigt werden. Shoja trauert um seinen Freund Hinter ihr am Flughafen sitzt auf einer Bank Reza Shoja, der gerade seinen besten Freund verloren hat. Die beiden kannten sich vom Bodybuilding. Sein Freund war der iranische Landesmeister Masoud Zatparvar. Am vergangenen Donnerstag wurde er bei einer Demons­tration in Teheran erschossen. „Er war ein anständiger Kerl“, sagt Shoja. „Ein gebildeter Mann mit einem Doktortitel in Physiologie.“ Bevor Shoja nach Istanbul kam, hat er an Zatparvars Beerdigung in dessen Heimatstadt Rascht teilgenommen. „Es war eine Husch-Husch-Beerdigung“, sagt er. „Es war acht Uhr abends. Wir konnten kaum etwas sehen. Sie haben gesagt, wir sollen uns beeilen.“ Der Familie sei verboten worden, mehr Trauergäste als den engsten Kreis einzuladen. „Sie haben damit gedroht, den Leichnam wieder mit­zunehmen, wenn es zu viele werden.“ Shoja glaubt, die Familie habe den Leichnam nur deshalb bekommen, weil Zat­parvar ein bekannter Influencer war. Auch in seinem Fall sei „Kugelgeld“ bezahlt worden. Er sei dabei gewesen, als der Leichnam in einem provisorischen Leichenschauhaus in Rascht, einer Art Kühlhaus, abgeholt wurde. Dort habe er 200 bis 300 Leichen gesehen, sagt Shoja. Der Getötete betrieb ein Bodybuilding-Studio in Teheran. Auch dort hätten die Behörden die traditionellen Trauerbanner entfernt, sagt Shoja, der eigentlich in London lebt. Das Regime setzt derweil seine Einschüchterungskampagne fort. So wurde ein junger Mann namens Erfan Soltani im Eilverfahren zum Tode verurteilt. Der Sechsundzwanzigjährige war erst vergangenen Donnerstag festgenommen worden. Seine Familie befürchtet, dass seine Hinrichtung unmittelbar bevorsteht. Der Prozess habe nur zwei Tage gedauert, berichteten Angehörige dem persischsprachigen Kanal des Senders BBC. Der amerikanische Präsident drohte Iran in einem Interview mit dem Sender CBS News mit einer scharfen Reaktion, sollte das Regime anfangen, Demonstranten hinzurichten. „Falls sie so etwas tun, werden wir entschieden reagieren.“ Amerika werde „sehr starke Maßnahmen ergreifen.“ Der Chef der iranischen Justizbehörde kündigte derweil an, die Verfahren im Zusammenhang mit den jüngsten Unruhen würden beschleunigt.