„Ich bin heute aus Teheran gekommen“, heißt es in einer persischsprachigen Sprachnachricht, die der F.A.Z. von einer glaubwürdigen Quelle zugespielt wurde. Sie stammt von einer iranischen Ärztin, die das Land am Montag verlassen hat. „Ich muss dir sagen, dass die Lage absolut grauenerregend ist“, erzählt die Frau einem Freund. „Sie zerschießen die Leute im wahrsten Sinne des Wortes mit Kriegswaffen.“ So wisse sie zum Beispiel aus dem Teheraner Farabi-Krankenhaus, dass dort seit Beginn der Proteste 600 sogenannte Augenhöhlenausräumungen vorgenommen werden mussten. Das bedeutet, die Augen mussten entfernt werden, weil sie nicht mehr behandelt werden konnten. Das Farabi-Krankenhaus ist auf Augenoperationen spezialisiert. „Die Leute sind sehr geeint, anders als früher“ Die Ärztin gibt ein weiteres Beispiel: In einem kleinen Krankenhaus im Süden Teherans seien allein in einer Nacht alle 24 eingelieferten Patienten verstorben. Ihre Leichname seien mit einem Lastentaxi abgeholt worden. Vielen Krankenhäusern außerhalb der Hauptstadt gingen die Blutreserven aus, sagt sie weiter. Viele Ärzte und Pfleger hätten seit Tagen nicht geschlafen. Sie würden die Patienten kostenlos behandeln. In einem Teheraner Krankenhaus hätten Regimekräfte verletzte Patienten „direkt von der Bahre“ verschleppt. In ihrer Nachbarschaft habe sie das Geräusch von Maschinengewehren gehört, erzählt die Ärztin. „Aber die Leute sind sehr geeint, anders als früher.“ Manche würden sich mit Messern gegen die Gewalt der Regimekräfte wehren. Andere hätten Waffen von Regimekräften erbeutet. „Immer mehr Leute bewaffnen sich“, sagt sie. Deshalb seien die Regimekräfte dazu übergegangen, nicht mehr große Menschenmengen, sondern kleinere Gruppen zu attackieren. Abends nach den Protestversammlungen seien Motorradfahrer lärmend durch die Wohngebiete gefahren, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Sie meint vermutlich Basidsch-Milizionäre. Die Frau schildert eine Szene, in der eine Gruppe von etwa zehn Motorradfahrern verfolgt worden sei. „Stell dir vor“, sagt sie. Die Bewohner hätten ihre Türen geöffnet, um die Zivilisten zu schützen. Und dann hätten sie Parolen gerufen, woraufhin die Motorradfahrer „Tod für Israel“ und „Hizbullah wird siegen“ skandiert hätten und davongerast seien. Die Schilderungen der Ärztin sind nur einer von vielen Hinweisen, dass das iranische Regime in den vergangenen Tagen offenbar ein beispielloses Blutbad im Land angerichtet hat. Am Dienstag gab es erstmals eine Bestätigung aus den Reihen des Regimes, dass die Opferzahlen weit höher sind, als bisher von Menschenrechtsgruppen angegeben. Zwei iranische Regierungsvertreter sprachen gegenüber der „New York Times“ davon, dass im Land etwa 3000 Menschen getötet worden seien, darunter Sicherheitskräfte. Manche Schätzungen gehen noch weit darüber hinaus. Kurzfristig könnte der Machtapparat mit den Gewaltexzessen sein Ziel erreicht haben, die Proteste möglichst schnell zu ersticken. „Es scheint, als sei die brutale Unterdrückung durch das Regime tatsächlich erfolgreich darin gewesen, die Protestaktivitäten vorläufig in signifikanter Weise zu verringern, aber das könnte temporär sein“, sagt der Iran-Fachmann Raz Zimmt vom Institute for National Security Studies in Tel Aviv. Revolutionäre Bewegungen seien aber ein Marathon und kein Sprint. „Langfristig könnte Repression die Krise verschärfen, statt sie zu lösen.“ Eine weitere Aushöhlung der Legitimität des Regimes und verschiedene Formen des zivilen Ungehorsams könnten die Folge sein, sagt Zimmt der F.A.Z. Ähnlich sieht es der Leiter der Iran-Abteilung der Denkfabrik International Crisis Group, Ali Vaez. „Das Regime scheint diese Runde der Proteste mit roher Gewalt unterdrückt zu haben, aber es ist unfähig, die darunterliegenden Ursachen zu adressieren.“ Insofern habe sich der Machtapparat nur Zeit erkauft bis zur nächsten Konfrontation zwischen Staat und Gesellschaft. Gemischte Gefühle zu einem möglichen amerikanischen Eingreifen Von vielen Seiten gibt es jetzt Bemühungen, den Toten ein Gesicht zu geben, um das menschliche Ausmaß des Massenmords begreifbar zu machen. So wurde der F.A.Z. der Tod des Theaterschauspielers Ahmad Abbasi bestätigt, der in der Pirozi-Straße nahe dem Hauptbasar erschossen wurde. Im Instagram-Konto „1401freedom“ heißt es, sein Gesicht sei derart entstellt gewesen, dass er durch seine Tätowierungen habe identifiziert werden müssen. Im Internet kursieren entsetzliche Aufnahmen von Personen, denen direkt ins Gesicht geschossen wurde. Bei vielen Aufnahmen ist aber Vorsicht geboten. Das Ausmaß an Desinformation ist auch in diesem Konflikt groß. Der 23 Jahre alten Rubina Aminian soll „aus kurzer Entfernung von hinten in den Kopf geschossen“ worden sein. So berichtet es die Menschenrechtsorganisation Hengaw unter Berufung auf das Umfeld der Toten. Aminian studierte demnach Modedesign in Teheran. Sie soll schon am Donnerstag getötet worden sein, als die Demonstrationen ihren vorläufigen Höhepunkt erreichten und die Führung das Internet abschalten ließ. Laut Hengaw stammt die Studentin aus der Provinz Kermanschah. Sicherheitskräfte hätten ihre kurdische Familie daran gehindert, in ihrem Heimatdorf eine Trauerzeremonie abzuhalten. Die weitere Entwicklung könnte durch ein Eingreifen der Vereinigten Staaten eine neue Wendung nehmen. Das Pentagon präsentiere dem Präsidenten Donald Trump eine breite Palette von Optionen, berichtet die „New York Times“. Dazu zählten Cyberattacken, Angriffe auf Stützpunkte des iranischen Repressionsapparats, aber auch auf das Atomprogramm. Wie sich das auf die Dynamik der Protestbewegung auswirkt, ist offen. „Ein amerikanischer Militärschlag könnte entweder ein Momentum bringen und die Demonstranten ermutigen, oder im Gegenteil zu harscherer Repression und einem weiteren Rückgang der Protestaktivitäten führen“, sagt der Iran-Fachmann Zimmt. Ali Vaez von der International Crisis Group meint, es gebe gemischte Gefühle in Iran über ein mögliches amerikanisches Eingreifen. „Aber Trumps Drohungen scheinen das Regime dazu veranlasst zu haben, schneller mit der eisernen Faust zuzuschlagen, als die USA ihre militärischen Fähigkeiten in die Region verlegen konnten.“ Trump: Demonstriert weiter, übernehmt eure Institutionen Trump selbst ermunterte die iranischen Regimegegner am Dienstag, trotz der brutalen Niederschlagung der Proteste die Macht im Land zu übernehmen. „Hilfe ist unterwegs“, versprach Trump auf seiner Plattform „Truth Social“. Trump schrieb, er führe keine Gespräche mit Vertretern Irans, solange das Regime nicht mit dem „sinnlosen Töten von Demonstranten“ aufhöre. Die Iraner forderte er auf: „Demonstriert weiter, übernehmt eure Institutionen.“ Zudem sollten sie sich die Namen der „Mörder“ merken, sie würden einen Preis zu zahlen haben. Worin die „Hilfe“ Amerikas besteht, führte Trump zunächst nicht aus. Seine Sprecherin hatte zuletzt am Montag bestätigt, dass Militärschläge eine Option seien. Am Montag hatte Trump einen Zusatzzoll von 25 Prozent für alle Handelspartner angekündigt, die mit Iran Geschäfte treiben. Es bleibt schwierig, sich ein genaues Bild der Lage in Iran zu machen, weil die Internetverbindungen weiterhin gesperrt sind. Seit Dienstag dringen aber mehr Informationen nach draußen, weil Anrufe aus dem iranischen Telefonnetz ins Ausland erstmals wieder möglich sind. In umgekehrter Richtung aber nicht. Zudem gibt es Befürchtungen, dass die Gespräche abgehört werden, sodass vieles nicht gesagt werden kann. Iraner mit Satellitenschüsseln können weiterhin den Exilsender Iran International sowie die persischsprachigen Kanäle der Sender BBC und Voice of America empfangen. Sie wissen also, was im Ausland über die Lage in Iran berichtet wird. Satellitenschüsseln sind seit Jahrzehnten verboten. Das Regime hat aber schon vor langer Zeit aufgegeben, gegen sie vorzugehen. Nationale Internet-Apps wie Bank- und Taxidienste funktionieren weiterhin. Die meisten kritischen Informationen gelangen weiterhin über Starlink-Satelliten-Verbindungen aus dem Land. Das gilt offenbar auch für jenes Video eines Leichenschauhauses außerhalb von Teheran, das am Montag international erstmals das ganze Ausmaß der Gewalt verdeutlichte. Es zeigt Reihen von halbgeöffneten schwarzen Leichensäcken, zwischen denen verzweifelte Menschen nach getöteten Angehörigen suchen. Berichten zufolge gibt es Hausdurchsuchungen mit dem Ziel, Starlink-Hardware zu beschlagnahmen. Eine Augenzeugin berichtete der F.A.Z. von einer massiven Präsenz von Regimekräften auf den Straßen von Teheran. In anderen Medien heißt es, über die Lautsprecher von Moscheen würden die Menschen aufgefordert, nicht auf die Straße zu gehen. Für einige Orte gelten offenbar nächtliche Ausgangssperren. Aus dem Süden Teherans erhielt die F.A.Z. einen Bericht, wonach Schlägertrupps des Regimes mit Äxten und Messern auf ihre Gegner losgingen.
