Das Kind im Auto atmet unruhig. „Du gehst nach Hause zu Mama.“ Das Kind: „Nein, ich will nicht.“ Dann schreit es: „Nein!“ Jemand antwortet: „Halt den Mund, sei brav.“ – „Nein“, ruft das Kind und weint. „Ich will zu meinem Vater!“ In dem Mietauto sind zwei Geschwister, zehn und 13 Jahre alt – und die Fremden, die ihnen antworten. Sie haben die Kinder am Hafen im dänischen Ort Gråsten in den Wagen gezerrt und sind mit ihnen losgerast. Die Kinder wissen nicht, wer diese Männer sind. Sie wissen auch nicht, was mit ihrem Vater ist, neben dem sie am Hafen standen, um das Feuerwerk anzuschauen. Die Fremden haben ihn zu Boden gerissen und geschlagen, um an die Kinder zu gelangen. Jetzt ist es kurz nach Mitternacht. Ein neues Jahr hat begonnen. Ein paar Minuten später müssen die Kinder aussteigen und laufen. Es geht durch ein Waldstück, über die dänisch-deutsche Grenze – wohl um der dänischen Polizei aus dem Weg zu gehen. Einer der Fremden: „Du gehst zu deiner Mama.“ Eines der Kinder versucht zu sprechen, aber es klingt, als wäre sein Mund verdeckt. Weinen, flehen, wimmern. Wer steckt hinter der Entführung? Der Pfad durch den Wald ist rutschig vom Matsch, einige der Männer, auch die Kinder, stürzen. Die Fremden entdecken den Alarmknopf, den das jüngere Kind um den Hals trägt. Er zeichnet die Gespräche, das Flehen, das Wimmern auf, die Aufnahmen werden später im Gericht abgespielt. Die dänische Polizei hatte beiden Kindern Alarmknöpfe für den Notfall gegeben. Zwei der Fremden werden später vor Gericht aussagen, man habe die Kinder „ohne Gewalt“ holen wollen. Aber sie hätten sich gewehrt und geschrien. Also habe man sie mit Gaffertape, einem starken Klebeband, geknebelt und ihnen die Hände gefesselt. Seit Mitte Juli 2025 läuft ein Verfahren am Hamburger Landgericht, das klären soll, wie es dazu kam, dass die beiden Kinder in der Nacht auf den 1. Januar 2024 entführt wurden. Ihr Vater ist Stephan Hensel, Nebenkläger. Ihre Mutter ist Christina Block, eine von sieben Angeklagten, Tochter des Steakhaus-Gründers Eugen Block. In dem Prozess bezweifelt niemand, dass den Kindern Unrecht angetan wurde. Aber: Wer ist für dieses Unrecht verantwortlich? War es Christina Block? Sie bestreitet, eine Entführung in Auftrag gegeben zu haben. War es der frühere israelische Geheimdienstler David B., der Chef der mutmaßlichen Entführer, einer der Fremden in jener Nacht? Er bestreitet, im Alleingang gehandelt zu haben. War es Eugen Block, der um die Enkelkinder besorgte Patriarch? Dafür gibt es laut der Hamburger Strafverfolgungsbehörden keinen ausreichenden Verdacht, die Ermittlungen gegen ihn wurden eingestellt. War es der Familienanwalt, Andreas C.? Er schweigt vor Gericht und bestreitet, Straftaten begangen zu haben. Kinder „über Nacht gestohlen“ In der Silvesternacht wartet hinter der Grenze in Deutschland ein Wohnmobil auf die Kinder. David B. hatte es im Sommer 2023 gekauft, zum Campen, wie er sagt. Einen Tag vor der Entführung wird B. damit geblitzt. Die Fremden überreichen den Geschwistern ein paar Sachen, die Christina Block ihnen gegeben haben soll – etwa Kleider von ihr und einen Teddybären. Die Kinder sollten sehen, so sagt David B. später aus, dass die Männer im Namen ihrer Mutter handelten. Mit dem Wohnmobil fahren sie durch die Nacht, gen Süden. Sie bringen sie auf einen Bauernhof bei Pforzheim, den eine Familie betreibt, die B. kennt. Stephan Hensel lebt seit Jahren gemeinsam mit seiner jetzigen Frau in Dänemark. Block und er haben sich 2014 getrennt, sie haben vier gemeinsame Kinder. Die zweitälteste Tochter wohnt bis heute bei Christina Block. Die älteste Tochter zog im Sommer 2021 zum Vater, die beiden jüngsten Geschwister kehrten wenige Wochen später nach einem Besuchswochenende in Dänemark nicht wie abgesprochen zur Mutter zurück. Sie machten ihrer Mutter Gewaltvorwürfe – die Block entschieden zurückweist. Diese beiden Kinder zerrten die Fremden ins Auto. Christina Block sagt vor Gericht, Hensel habe die Kinder im Sommer 2021 „über Nacht gestohlen“. Die Entführung in der Silvesternacht bezeichnet sie als „Katastrophe“. Die israelische Firma Cyber Cupula, geleitet von David B., habe die Kinder ohne Anweisung von ihr über die dänische Grenze nach Süddeutschland gebracht. Sie „bedauere“, was in dieser Nacht – ohne ihr Wissen – passiert sei. „Das hat mich schockiert“ Ende 2022 habe sie zum ersten Mal Kontakt zu Cyber Cupula gehabt. Die Firma sollte, so Block, unter anderem „Penetrationstests“ zur Überprüfung der Cybersicherheit des Hotels Grand Elysée vornehmen, das der Familie Block gehört. Dafür seien Rechnungen ausgestellt worden. Ein enges Verhältnis habe sie zu einer Mitarbeiterin von Cyber Cupula gehabt, die sich „Olga“ nannte und Keren T. heißt. Ihr wirft Block vor, ihr Vertrauen ausgenutzt zu haben. Sie selbst sei verzweifelt gewesen: Zu ihren Kindern habe sie kaum Kontakt gehabt, seit sie nicht wie vereinbart zu ihr zurückgekehrt waren. Auf der Fahrt Richtung Süden in der Silvesternacht schlafen die Kinder im Wohnmobil. Die Entführer hatten Betten darin vorbereitet. Auch Keren T. fährt mit. Irgendwann meldet sie sich bei Block, die Silvester in Hamburg verbracht hat: Ihre Kinder seien in Sicherheit, sie solle nach Süddeutschland kommen. Block sagt, da habe sie zum ersten Mal davon gehört, dass ihre Kinder nicht mehr bei Stephan Hensel waren. Dass Hensel und den Kindern Gewalt angetan wurde, habe sie zu diesem Zeitpunkt nicht gewusst, sondern erst später aus Medienberichten erfahren: „Das hat mich schockiert.“ Cyber-Cupula-Chef David B. erzählt die Kennenlerngeschichte anders. Block sei es von Anfang an um die Kinder gegangen. Über „Penetrationstests“ hätten sie erst später gesprochen. Schon seit Frühjahr 2023, das legen auch Unterlagen von B. nahe, sei es darum gegangen, Informationen über die Kinder zu sammeln, um im Sorgerechtsstreit etwas in der Hand zu haben. Block soll „keine Gewalt“ gewollt haben Hensel sei ihm als „gewalttätig“ beschrieben worden. Das Ziel sei gewesen, dafür zu sorgen, dass die Kinder „sicher“ zurück „nach Hause“ kommen – falls sie sich in Gefahr befinden. Eine schriftliche Vereinbarung zu dem Auftrag rund um die Informationssammlung, der Block rund 250.000 Euro wert gewesen sein soll, gab es laut B. nicht. Er weicht aus, als die Vorsitzende Richterin ihn fragt, woran gemessen worden wäre, ob eine Gefahr vorliege. Auch antwortet er nicht klar auf die Frage, ob man in einem solchen Fall nicht einfach die Polizei hätte informieren sollen. Im Juli 2023 stirbt Christa Block, Christina Blocks Mutter. Block sagt vor Gericht, sie sei auch an der Trauer über die Abwesenheit ihrer Enkelkinder gestorben. David B. ist bei der Beerdigung anwesend. Wenige Wochen vorher hatte die Staatsanwaltschaft Hamburg Anklage gegen Stephan Hensel erhoben – wegen der Entziehung Minderjähriger im Sommer 2021. „Christina Block hatte Angst, dass er mit den Kindern verschwinden könnte“, sagt B. vor Gericht. Er spricht von einer „Eskalation“ des Auftrags zu diesem Zeitpunkt: „Es war dann klar, dass wir planen, die Kinder zurückzubringen.“ David B. sagt auch: Wann genau sie die Kinder holen würden, habe er Christina Block nicht gesagt – aus Sicherheitsgründen, damit die Information möglichst nicht in falschen Händen landete. Noch im Dezember habe das Vorhaben auf der Kippe gestanden. Aber als Block ihnen gesagt habe, dass die Kinder an Silvester beim Feuerwerk sein könnten, habe sich das geändert, der Ort sei ideal gewesen. Denn: „Christina war ganz klar dahingehend, dass sie keine Gewalt will“, sagt B., etwa keine schwarzen Säcke über den Kopf. „Schreckliche Situation für die Kinder“ Die Kinder in der Schule oder auf der Straße mitzunehmen, sei deshalb nicht möglich gewesen. Was der Unterschied dazu ist, sie am Hafen mitzunehmen, wird B. nicht gefragt. Er sagt mehrmals, die Entführung sei eine „schreckliche Situation für die Kinder“ gewesen. Aber: „Ich dachte, dass sie einen kurzen Moment leiden würden und dann froh sein werden, dass sie bei ihrer Mama sind.“ B. berichtet auch von einem Treffen am 28. Dezember 2023 im Hotel mit Block, ihm und seinen Mitarbeitern. Bei diesem Treffen habe Christina Block sich dafür bedankt, dass das Team die Kinder retten wolle. B. sagt, er sei sich ganz sicher, dass Block geglaubt habe, es sei legal, die Kinder zurückzuholen – auch weil Andreas C., der Vertrauensanwalt der Blocks, das immer wieder bestätigt habe. Auch Block sagt vor Gericht, der Anwalt habe ihr versichert, sie mache sich nicht strafbar. Das alleinige Aufenthaltsbestimmungsrecht für die Kinder lag seit Oktober 2021 vorläufig bei Block. Die dänischen Behörden vollstreckten diesen Beschluss aber nicht. Ende 2023 erklärten sich deutsche Gerichte nicht mehr zuständig, da die Kinder schon zu lange beim Vater lebten. B. sagt, ihm sei vermittelt worden, dass die Kinder aus deutscher Sicht „illegal“ in Dänemark festgehalten würden. Schon Monate vor der Entführung beschattete das Team von B. das Haus von Hensel und seiner Frau immer wieder mit versteckten Kameras und Drohnen. Auch das, sagt B., sei laut Anwalt C. rechtmäßig gewesen. Teils hätten sie die Familie 24 Stunden lang observiert. Die im Garten versteckten Kameras übertrugen auch Liveaufnahmen an mehrere Büros von Cyber Cupula. Männer mit Strumpfmasken In dieser Zeit arbeitet das Team von David B. in den Räumen der Kanzlei von Andreas C. und wohnt im Grand Elysée. Bis heute ist die Hotelrechnung von mehr als 200.000 Euro unbeglichen. David B. gibt vor Gericht an, C. habe ihm gesagt, sie müssten nicht zahlen. Sie seien unter Alias-Namen eingecheckt gewesen, auf Blocks und C.s Initiative. Block sagt vor Gericht, die Israelis hätten sich im Hotel eingenistet, es seien immer mehr Leute gekommen. Die Decknamen hätten sie selbst gewollt, weil sie sich vor Anfeindungen gefürchtet hätten. Als sich Keren T. am 1. Januar bei Block gemeldet hat, reist die Unternehmerin am gleichen Tag mit der Bahn von Hamburg nach Süden, um ihre Kinder zu sehen – mit ihrer zweitältesten Tochter. Blocks Lebensgefährte, der auch angeklagte frühere Fernsehmoderator Gerhard Delling, soll die Zugreise organisiert haben. Block sagt, sie sei in einem Ausnahmezustand gewesen. Am Bahnhof in Karlsruhe hätten Keren T. und ein Mann gewartet, sie habe Panik gehabt. Als sie an dem Hof in Pforzheim ankamen, sei es schon dunkel gewesen. Mehrere Männer auf dem Hof hätten Strumpfmasken getragen, vor ihnen habe sie sich gefürchtet. Die Kinder hätten geschlafen. Block schickt Delling ein Foto, das sie mit den schlafenden Kindern und ihrer zweitältesten Tochter zeigt. Am 2. Januar hätten die Kinder erst nicht mit ihr sprechen wollen, sagt Block. Sie habe Keren T. gefragt, ob sie nach Hause dürfe mit den Kindern. Einer der Entführer habe sie im Auto gefahren. Ihre Tochter habe berichtet, wie sie im Wald gewesen sei mit den Entführern, und auch sonst viel erzählt. Sie habe nicht alles verstehen können, da die Kinder auf der Rückbank saßen, die mit Tüchern abgedunkelt gewesen sei. Kurz vor Hamburg seien sie ins Auto von Blocks Cousine – die auch wegen Beihilfe angeklagt ist – umgestiegen und nach Hause gefahren. Die Kinder müssen zurück zum Vater Wenige Tage vor der Entführung hatte Block ein „Rückführungskonzept“ an Keren T. weitergeleitet – auch wenn diese Blocks Schilderungen zufolge für eine Firma arbeitet, die angeblich nur in Sicherheitsfragen für Block arbeitete. Keren T. sei für sie eine Bezugsperson gewesen, sagt Block dazu, „das war irgendwann vermengt“. Sie sei froh gewesen, dass jemand ihr zugehört habe in ihrer Verzweiflung wegen der Kinder. David B. sagt vor Gericht, aus diesem Bericht sei hervorgegangen, dass die Kinder sich bei einer Wiedervereinigung am besten an einem „neutralen Ort“ aufhalten sollten, um sich zu erholen. Deshalb hätten sie die Kinder in jener Nacht auf den Bauernhof bei Pforzheim gebracht. Ursprünglich sei geplant gewesen, dass die Kinder dort einige Tage bleiben würden. In Hamburg bei ihrer Mutter bleiben die Kinder dann nur wenige Tage. Das Haus wird von einem privaten Sicherheitsunternehmen bewacht, dessen Geschäftsführer auch angeklagt ist. Eine Mitarbeiterin schildert vor Gericht, es sei darum gegangen, zu kontrollieren, wer ins Haus kommt, und die Presse fernzuhalten. Die Staatsanwaltschaft sagt: Es ging darum, eine Flucht der Kinder zu verhindern. Am 5. Januar 2024 entscheidet das Oberlandesgericht Hamburg: Die Kinder müssen zurück zum Vater. Der Begriff „Entführung“ sei nie gefallen B. sagt: Als er Anfang Januar von den Ermittlungen der Polizei erfuhr, habe er verstanden, „dass die Kinder als entführt angesehen wurden“ – wann genau das war, dazu weicht er aus. Er habe gedacht, die Ermittlungen basierten auf einem „Missverständnis“. Er habe ein deutsches Geschäft für Cyber Cupula aufbauen wollen, deshalb schon ein Büro gemietet gehabt. Ihm sei klar geworden, dass daraus nichts werde. Also sei er nach Israel zurückgekehrt und habe sich Anwälte genommen. Sie hätten ihm geraten, mit niemandem in Kontakt zu treten. Er wisse, sagt B. jetzt, zwei Jahre später im Gericht, dass er Fehler gemacht habe: „Ich bin verantwortlich für meine Handlungen.“ Er habe gehofft, Block würde die Wahrheit sagen, aber das mache sie „leider“ nicht. B. sagt, das Wort „Entführung“ sei für das Geschehen in der Silvesternacht nie benutzt worden, schon gar nicht von Christina Block. „Der Begriff wurde benutzt für das, was Stephan gemacht hat.“ Block sagt vor Gericht: „Ich habe eine Rückführung aus Süddeutschland gemacht. Ich habe niemanden entführt und auch niemanden damit beauftragt.“ Es gibt viele Fragen, zu denen im Prozess konkrete Antworten fehlen. Zum Beispiel: Wieso brauchte es ein Team aus früheren Agenten, Kampfsportlern und ehemaligen Polizisten, um zwei Kinder „zurückzuholen“? Wie ist das mit einem Plan „ohne Gewalt“ vereinbar? Wieso nahmen die mutmaßlich Beteiligten plötzlich doch Gewalt in Kauf? Und hat sich irgendjemand für die Kinder interessiert, darüber nachgedacht, welche Folgen diese Nacht für sie haben könnte? Wann ist eine Entführung keine Entführung? Der Fall dürfte die Hamburger Justiz noch Jahre beschäftigen. Das Verfahren gegen Stephan Hensel wegen Entziehung Minderjähriger im Sommer 2021 ist noch anhängig. David B. und mindestens drei weiteren mutmaßlichen Entführern, die zum Zeitpunkt der Anklage gegen Christina Block untergetaucht waren, droht ein Strafverfahren. Auch gegen den Sohn des Vertrauensanwalts Andreas C. wird ermittelt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt zudem wegen eines mutmaßlichen Entführungsversuchs der beiden Kinder im Jahr 2022 unter anderen gegen August Hanning, den früheren Chef des Bundesnachrichtendiensts. Für den laufenden Prozess hat das Gericht Dutzende weitere Verhandlungstage bis zum 18. Dezember angesetzt. Der nächste ist am Montag.
