FAZ 14.02.2026
11:11 Uhr

Blick hinter die Kulissen: So läuft das Leben im olympischen Dorf


Kritiker finden das olympische Dorf in Mailand hässlich. Die Athleten haben sich darin bestmöglich eingerichtet. Manches bleibt jedoch befremdlich – etwa die Kartoffel-Wurst-Pizza in der Kantine.

Blick hinter die Kulissen: So läuft das Leben im olympischen Dorf

Stanislaw und Max sitzen an einem Tisch und haben nach dem zweiten noch einen dritten Espresso bestellt. Mit enttäuschten Minen blicken sie auf ihre Handys. Die beiden Journalisten aus Kiew sind in den Farben ihres Landes gekleidet – blaue Mütze, gelbe Jacke, blaue Hose. Sie wollten an diesem Tag in das olympische Dorf, um der Ukraine zu berichten, wie es ihren Wintersportathleten ergeht an diesem Ort, der ein Symbol für eine bessere Welt sein möchte. Aber irgendetwas ist bei der Akkreditierung schiefgelaufen. Die erste Zugangskontrolle mit Röntgenscannern wie am Flughafen haben sie noch passiert. Dann war Schluss. „In einem anderen Universum gelandet“ Die sogenannte Mixed Zone, in der die Athleten Interviews geben, bleibt ihnen versperrt, ebenso der Bereich der Wohnanlagen. Max und Stanislaw hängen in der Zwischenzone fest. Sie sind, wenn man so will, im Niemandsland des olympischen Dorfes gestrandet. Glücklicherweise gibt es dort wenigstens guten italienischen Kaffee. Max Rozenko hat als Journalist vor zehn Jahren sämtliche Kämpfe der Klitschko-Brüder in Deutschland begleitet. Er hat auch als PR-Direktor des Klitschko-Museums gearbeitet, das 2013 eröffnete und seit Beginn des Krieges nur noch für Schulklassen zugänglich ist. Stanislaw Oroschkevytsch schreibt für das Nachrichtenportal ua.tribuna.com über die Olympischen Spiele und kümmert sich um Sportpolitik. Seine von der Kälte rissigen Lippen erzählen mehr, als seine Worte schildern können. Als er Kiew verließ, zeigte das Thermometer minus zwanzig Grad Celsius. Mit dem Flugzeug landete er in Venedig. Sein erster journalistischer Auslandseinsatz und plötzlich weit weg vom Krieg: „Ich habe noch immer den Eindruck, in einem anderen Universum gelandet zu sein.“ Ein Planet für sich in diesem Universum ist das olympische Dorf. Auf 60.000 Quadratmetern und mit streng bewachten Außengrenzen zählt es sechs klimaneutrale Gebäude, ausgestattet mit Photovoltaikanlagen und Regenwasserauffangsystemen. Es gibt 1700 Betten in 1154 Zimmern, in denen in diesen Tagen Sportler aus 37 Nationen wohnen. Eine ehemalige Lokomotivhalle als Mensa Das Dorf soll das Schöne und Gute von Olympia verkörpern: eine Welt ohne geopolitische Streitereien. Überall sieht man Fahnen und Flaggen und Menschen mit federnden Schritten, die auf Kufen noch leichtfüßiger sind. Im olympischen Dorf sind nur Athleten untergebracht, deren Sport auf dem Eis stattfindet. Andere Wettkämpfe werden in Mailand nicht ausgetragen. Für manche der Athleten sind es zwar schon die dritten oder vierten Olympischen Spiele. Andere wirken aber noch wie elektrisiert. Ob einer von ihnen Lust habe, sich über Politik auszutauschen? Die drei Frauen, Team USA und Tschechien, vermutlich Eishockeyspielerinnen, schütteln den Kopf: „No, thank you.“ Unverfängliche Fragen beantworten die Athletinnen gern: „Welche Nation im Dorf gilt als die eleganteste?“ „Die Kanadier, die laufen mit knöchellangen, braunen Mänteln herum.“ Ob das Essen gut sei? „Ja.“ In der Kantine des olympischen Dorfes gibt es verschiedene Theken, jene der Cucina Italiana hat an diesem Tag Pizza Margherita, Pasta mit Ragù, Minestrone und – als echte olympische Herausforderung (die ein Italiener niemals annehmen würde) – Pizza mit Kartoffeln und Wurst im Angebot. Die Village-Menu-App zeigt an, wie viel Makronährstoffe jedes Gericht enthält. Siegerin des Tages in Sachen Fett ist, wenig überraschend, die Kartoffel-Wurst-Pizza. Zwei japanische Athletinnen beraten sich eingehend und gehen lieber zur Grillstation hinüber. Die Mensa ist eine ehemalige Lokomotivhalle. Die Wohngebäude für die Athleten entstanden dort, wo früher Gleise entlangliefen. Das olympische Dorf wurde auf der Brache des stillgelegten Güterbahnhofs Scalo Romana erbaut. Einst galt das gleichnamige Viertel als Symbol des postindustriellen Niedergangs. Längst aber ist es eine angesagte Adresse für gut situierte und reiche Mailänder geworden. Verlaufen kann man sich im olympischen Dorf nicht Die elegante Fondazione Prada liegt in derselben Straße wie das olympische Dorf, dessen strenge Architektur sofort scharfe Kritik in Mailand auf sich gezogen hatte. Während andere Städte auf der Welt die Olympischen Spiele nutzten, um ein wertvolles architektonisches Erbe zu hinterlassen, habe man sich entschlossen, einen Komplex zu bauen, der „aus einem Handbuch für den sowjetischen Sozialbau“ stammen könnte. Das ursprüngliche Budget des Projekts belief sich auf rund 100 Millionen Euro, wurde jedoch aufgrund steigender Kosten später auf 140 Millionen Euro erhöht. Die für ihre scharfsinnigen Kommentare bekannte Journalistin Selvaggia Lucarelli schrieb, das Dorf nähme ohne Weiteres den „ersten Platz unter den jüngsten architektonischen Entgleisungen“ ein. Mit den monotonen Fassaden und kleinen Fenstern erinnern die sechs Gebäudeblöcke tatsächlich an Ostberliner Mietskasernen in den Siebzigerjahren. Und was die Farbe betrifft, so wurde auch aus Gründen der Umweltverträglichkeit ein heller Grauton gewählt, der jedoch keinerlei Kontrast zum trüben Mailänder Februarhimmel bildet. Für handfesten Streit sorgte auch die Frage, wie nach dem Ende der Olympischen Spiele mit der Anlage verfahren werden soll. Das Dorf soll zum größten Studentenwohnheim Italiens werden. Zunächst war beteuert worden, die Mieten würden erschwinglich sein. Mittlerweile ist von Preisen von 590 Euro Kaltmiete für ein Zweibettzimmer und von 845 Euro für ein Einbettzimmer die Rede. Verlaufen kann man sich im olympischen Dorf nicht. Jede Nation hat ihr Revier mit Flaggen in den Fenstern markiert. Die Skandinavier haben die Serben in ihren Fluren aufgenommen; die Deutschen sind mit der Türkei und der Schweiz im selben Haus. Am Fahrstuhl hat das türkische Team einen auf Türkisch verfassten handschriftlichen Zettel befestigt, in welcher Etage sich seine Athleten befinden. Frankreich und Großbritannien neben Litauen und Ungarn. China fällt auf, weil in jedem Fenster der Athleten ein Aufkleber eines lächelnden Pandas zu sehen ist. Die Niederländer haben orangefarbene Fahrräder mitgebracht, das Team USA hatte eine Hebebühne im Gepäck. Mit ihr wurde an dem Wohngebäude, in der die USA zusammen mit Japan und Kroatien untergebracht sind, über eine Höhe von vier Stockwerken eine amerikanische Flagge angebracht. Im Entspannungsraum des deutschen Teams, in den sich jeder zurückziehen kann, wenn der Druck zu groß wird, kleben Aufkleber mit zarten Schneekristallen in Schwarz-Rot-Gold. Auch die Anti-Stress-Handbälle zum Kneten sind in den deutschen Farben. Ebenso das Kissen zum Anlehnen und Kuscheln. Vor einem ikonischen Symbol in lustigen Posen Im Fitnessstudio an der Plaza des olympischen Dorfes treten ein paar italienische Eisschnellläufer auf Rennrädern mit voller Kraft in die Pedale und trainieren ihre majestätischen Eislaufbeine. Auf dem Platz stehen auch die olympischen Ringe. Viele Athleten lassen sich vor dem ikonischen Symbol in lustigen Posen fotografieren. Zwei Eisschnellläufer aus Südkorea küssen ihre Schlittschuhe fürs Bild, eine Französin klettert in einen der Ringe. Vier Niederländerinnen sind als nächstes an der Reihe. Sie überbrücken die Wartezeit mit Selfies und stellen fest: Es ist nicht leicht, einen Winkel zu finden, bei dem die Flagge des amerikanischen Quartiers nicht ins Bild gerät.