Der Vorstandsvorsitzende des Industriekonzerns Thyssenkrupp, Miguel López, blickt mit Respekt auf das kommende Jahr. „Die Welt befindet sich mitten in tiefgreifenden wirtschaftlichen, geopolitischen und technologischen Umbrüchen“, sagt er. „Gerade in diesen herausfordernden Zeiten brauchen Deutschland und Europa mehr Mut, gewohnte Denkmuster zu verlassen und nicht weiter in Altbewährtem zu verharren.“ Das gilt auch für sein Unternehmen. López’ Pläne sind ehrgeizig: Mittelfristig möchte er den Konzern umstrukturieren und aus ihm eine schlanke Finanzholding machen, unter deren Dach eigenständig agierende, kapitalmarktfähige Einheiten angesiedelt sind. Bis dahin ist es noch ein langer Weg. Ein entscheidender Schritt könnte schon Anfang 2026 getan werden, mit einem Verkauf der notleidenden Stahlsparte an den indischen Jindal-Konzern. Einstweilen richten sich seine Neujahrswünsche vor allem an die Politik. „Ich bin überzeugt, dass in den aktuellen Unsicherheiten große Chancen für strategische Entscheidungen liegen.“ Hensoldt: Standards setzen und Rolle selbstbewusst ausfüllen Unsicherheit und Chancen – das sind die richtigen Stichwörter für Oliver Dörre, Vorstandsvorsitzender des Rüstungsherstellers Hensoldt. Denn sein Unternehmen profitiert von der unsicheren Weltlage. Für ihn ist die Zeitenwende in der Sicherheitspolitik im vergangenen Jahr endgültig Realität und der Bedarf der Bundeswehr konkret geworden. „Das bringt für uns in der Industrie enorme Verantwortung. Denn wir wissen, die Bedrohung ist real“, sagt Dörre. Es gehe nicht nur um „Fight Tomorrow“, sondern um „Fight Now“ und „Fight Tonight“, also die sofortige Einsatzbereitschaft. Für den M-Dax-Manager und ehemaligen Bundeswehroffizier haben 2026 drei Themen Priorität: Erstens müsse die europäische Verteidigungsindustrie skalierbar liefern. Sie stehe vor der Aufgabe, in eine echte Serienproduktion zu kommen. Zweitens gehe es um die Entwicklung neuer Technologien wie Drohnen, vernetzte Luftkampfsysteme, moderne Sensorik, aber auch Künstliche Intelligenz und Cyberresilienz. Drittens gehe es um Europa. Hier müsse Deutschland als größter europäischer Verteidigungsinvestor Standards setzen und seine Rolle selbstbewusst ausfüllen. SAP: „Souveränität entsteht in der Anwendung“ In ähnlicher Weise will auch SAP-Chef Christian Klein das eigene Land in die Pflicht nehmen. Der Softwaremanager fordert, dass 2026 für Deutschland und Europa ein Jahr des Machens wird. „Wir haben allen Anlass, selbstbewusst nach vorn zu blicken. Gerade bei Künstlicher Intelligenz bieten sich enorme Chancen, wenn wir sie durchgehend in unseren Unternehmens- und Verwaltungsprozessen anwenden.“ Europa verfüge über einmalige industrielle Kompetenz und einen gewaltigen Datenschatz in den Unternehmen. „Wenn wir beides konsequent mit KI verbinden, entsteht ein Produktivitätsschub, wie wir ihn hierzulande lange nicht gesehen haben.“ Aber Technologie allein reiche nicht. „Entscheidend ist, dass wir auch Prozesse modernisieren und auf Aus- und Weiterbildung setzen.“ In der Debatte, wie sich Europa resilient und unabhängig aufstelle, werde digitale Souveränität oft mit Abschottung verwechselt und „an gigantische Infrastrukturprojekte“ geknüpft. „Ich sehe das anders: Souveränität entsteht nicht im Rechenzentrum, sondern in der Anwendung. Das heißt: die besten verfügbaren Technologien nutzen und die Kontrolle über die Daten behalten.“ Bosch: „Weniger in nebensächlichen Debatten verlieren“ Nichts weniger als ein neuer Aufbruch in Deutschland ist der Wunsch von Bosch-Chef Stefan Hartung: „Wir brauchen vor allem eine klare Neuorientierung der politischen und gesellschaftlichen Debatte in Richtung Zukunft.“ Beschreibt der 59 Jahre alte Manager genauer, was er damit meint, wird deutlich, wie kritisch er auf die Diskussionen der Vergangenheit blickt. „Wir sollten uns in diesem Jahr vielleicht weniger in emotionalen, aber nebensächlichen Debatten verlieren, aber mehr über KI in den Schulen sprechen. Weniger über immer neue Einschränkungen der wirtschaftlichen Handlungsfreiheit, mehr über den Aufbau einer leistungsfähigen Wasserstoffinfrastruktur. Weniger häufig über die Verteilung von Steuergeldern, mehr über Technologien, die auch künftig unseren Wohlstand sichern – und zum Klimaschutz beitragen können.“ Damit hat Hartung auch die schwierige Lage seines Unternehmens im Blick: Sinkende Gewinne, der Abbau Tausender Stellen und hausgemachte Strukturprobleme lassen den traditionsreichen Industriekonzern heftig unter Druck stehen. Commerzbank: Mut für durchgreifende Reformen Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp hat andere Sorgen. Sie stellte sich 2025 gegen eine Übernahme durch die italienische Großbank Unicredit – und wird schon als „Jeanne d’Arc der Commerzbank“ gefeiert. In ihrem Ausblick auf 2026 hat sie dieses Thema ausgeklammert, zugunsten der größeren Zusammenhänge. „Ein neues Jahr beginnt – und mit ihm die Hoffnung auf Frieden in den Konfliktregionen der Welt. Doch auch das Jahr 2026 wird voller Herausforderungen sein.“ Man lebe in einer Zeit tiefen Umbruchs. Europa stehe vor der Aufgabe, Verantwortung für seine Sicherheit neu zu übernehmen und seine Wirtschaftskraft zu stärken. Das gelte vor allem für Deutschland. Orlopps Wunsch: Mut für durchgreifende Reformen und Investitionen in allen Bereichen. Die Voraussetzungen für einen wirtschaftlichen Aufschwung seien gegeben, erste Reformen eingeleitet oder auf den Weg gebracht. „Trotz aller Unsicherheiten blicke ich daher hoffnungsvoll auf 2026. Wer in diesen Tagen abends auf die Frankfurter Skyline blickt, sieht am Commerzbank Tower gelbe Herzen leuchten. Sie sollen ein Zeichen sein für die Werte unserer Bank: Zusammenhalt und Zuversicht.“ Metzler: Altersvorsorge nur mit Kapitalmarkt Solche Werte sind auch für das Bankhaus Metzler keine Fremdworte. Mitgesellschafter und Vorstandsmitglied Franz von Metzler bewegt im neuen Jahr ein Thema besonders: die Altersversorgung in Deutschland. „Ich komme gerade aus den USA zurück. Auf einer großen Anzeigentafel in Boston war die Lösung für den langfristigen Vermögensaufbau zu sehen. Dargestellt wurde die Entwicklung der Aktienmärkte seit den frühen Jahren der Vereinigten Staaten – mit einem durchweg aufwärtsgerichteten Trend“, berichtet der Sohn des verstorbenen Friedrich von Metzler. „Die Botschaft war und ist klar: Nur mit dem Kapitalmarkt ist ein langfristiger Vermögensaufbau möglich.“ Allerdings fremdelten viele Deutsche mit der Aktie und dem Kapitalmarkt. „Die Deutschen sparen wie die Weltmeister, was grundsätzlich ein gutes Zeichen ist. Doch ohne Investitionen am Kapitalmarkt erleidet der Sparer durch Inflation den Verlust der Kaufkraft. Wenn wir das ändern wollen, muss Deutschland umdenken“, sagt von Metzler. Vermögensaufbau für alle sei auch eine Frage gesellschaftlicher und sozialer Fairness. Merck: Politische Absichten in die Tat umsetzen Für Belén Garijo bringt das neue Jahr einen persönlichen Einschnitt mit sich: Im Mai übergibt sie nach fünf Jahren an der Spitze des Pharma- und Technologiekonzerns Merck die Verantwortung an ihren Kollegen Kai Beckmann. Thematisieren will die Spanierin zum Jahreswechsel aber andere Dinge. Für sie soll 2026 das Jahr sein, in dem politische Absichten in Taten umgesetzt werden: „Ich bin fest davon überzeugt, dass Deutschland weiterhin eine globale Führungsrolle in wichtigen Sektoren wie Pharma, Biotechnologie und erneuerbaren Energien einnehmen kann.“ Es seien jedoch ehrgeizigere und schnellere Maßnahmen erforderlich: Die EU müsse attraktiver für Investitionen, Innovation und Forschung werden, den Binnenmarkt vertiefen und Bürokratie abbauen. „Wir müssen ‚Wähle Europa‘ als Leitprinzip übernehmen – jetzt! Europa muss seine gemeinsame Stimme finden.“ Ihr eigener Vorsatz für das neue Jahr: „Hoch motiviert zu bleiben und aktiv daran mitzuwirken, ein starkes und wettbewerbsfähiges Europa zu gestalten.“ Boehringer Ingelheim: Weiterentwicklung der Pharmastrategie durch die Bundesregierung Garijo geht, Shashank Deshpande kam: Seit Juli führt er den deutschen Branchenprimus Boehringer Ingelheim. Der Pharmamann geht zuversichtlich ins neue Jahr. „Die aktuellen Herausforderungen zeigen aber auch, wie groß der Druck zur Veränderung in unserem Land ist.“ Das Familienunternehmen steht mit neuen Mitteln gegen Lungenkrebs und schwere Atemwegserkrankungen in Amerika, Japan und China kurz vor der Markteinführung – das verspricht frische Umsätze. Zudem verfügt Boehringer über eine gut gefüllte Produktpipeline. Deshpande sieht hierzulande allerdings Standortschwächen, die Innovationen bremsten. Deutschland verliere bei klinischen Studien an Wettbewerbsfähigkeit; neue Therapien erreichten Patienten oft zu spät oder gar nicht. Die Weiterentwicklung der Pharmastrategie durch die Bundesregierung sei ein wichtiger Schritt. Intern will der Konzernchef in diesem Jahr die eigene Forschung weiterentwickeln und internationale Partnerschaften ausbauen, um Forschungsergebnisse schneller zu erzielen und neue Therapien rascher zur Marktreife zu bringen. Deutsche Bahn: Mehr Verlässlichkeit und eine neue Unternehmensstruktur Eine Therapie ganz anderer Art hat Evelyn Palla der Deutschen Bahn verordnet. 2026 steht für die DB-Chefin unter einem Motto, das derzeit dem Zugverkehr abgeht: „Verlässlichkeit – sie wird für mich das neue Jahr bestimmen. Sie entsteht, wenn Verantwortung übernommen wird. Und sie entsteht, wenn Worten Taten folgen.“ 2026 sieht Palla „ganz im Zeichen unseres Neustarts bei der Bahn“. Zum 1. Januar habe man eine neue Unternehmensstruktur eingeführt: Sie soll schlanker und dezentraler sein. „Das ist die Voraussetzung dafür, schneller zu entscheiden und besser umzusetzen.“ Die Südtirolerin weiß auch, dass damit weder die Züge rasch pünktlicher werden noch sich das veraltete Netz schnell modernisieren lässt: „Dieser Wandel geschieht nicht über Nacht. Wir gehen ihn in vielen kleinen, aber konsequenten Schritten: mit Sofortprogrammen für mehr Sicherheit und Sauberkeit an den Bahnhöfen, mehr Komfort im Fernverkehr und einer verlässlicheren Reisendeninformation.“ Gleichzeitig treibe man die Sanierung der Infrastruktur voran. Die Bahnchefin hat sich Veränderung auf die Fahne geschrieben – und plädiert zugleich für Konstanten. „Für mich ist das meine Familie. Sie gibt mir Rückhalt, Vertrauen und Stabilität. Sie ist mein Rückzugsort und meine Kraftquelle – und damit die Basis für alles, was im neuen Jahr vor uns liegt.“ Deutsche Lufthansa: Hoffnung auf Entspannung im Ukraine-Krieg Während es für Evelyn Palla wenig zu feiern gibt, sieht das für Carsten Spohr anders aus. „Wir feiern den 100. Gründungstag der ersten Lufthansa“, sagt der Chef der Deutschen Lufthansa. Aber der Airline-Manager hat sich daneben auch einiges vorgenommen. Die Kernmarke soll wieder „zum Aushängeschild“ des Konzerns werden. Auch dank neuer Flugzeuge: 50 Neuauslieferungen sind ein Rekord. Für das Fluggeschäft rechnet Spohr mit einem guten Jahr. Auf Fernstrecken will Lufthansa überproportional zulegen, mit einem spürbaren negativen Trump-Effekt rechnet er nicht. „Wenn man die Qualität der transatlantischen Beziehungen in der Anzahl von Passagieren misst, dann lässt sich eine Eintrübung zwischen Europa und den USA auch weiterhin nicht feststellen.“ Das Kapazitätswachstum auf Nordatlantikrouten werde auch 2026 mit plus sechs Prozent über dem Schnitt liegen. Hoffnungen auf eine Entspannung hat Spohr mit Blick auf den Krieg in der Ukraine und bisherige Umwegflüge ostwärts: „Auch Asien – und dabei insbesondere China – wird nach einer hoffentlich in 2026 möglichen Wiedereröffnung des russischen Luftraums für den gesamten Luftverkehr wieder zum Wachstumsmotor.“ Tesla: Zuversicht und Blick nach vorn André Thierig, Werkleiter von Tesla in Grünheide, dem einzigen europäischen Produktionsstandort des Elektroautoherstellers, hat vor allem einen Wunsch: „Dass wir unsere Erfolgsgeschichte unabhängig weiterschreiben.“ Bedroht sieht Thierig diese Unabhängigkeit durch eine Organisation, die in Deutschland zum normalen Wirtschaftsalltag gehört: die Gewerkschaft IG Metall, die ihren Einfluss auf das Werk mit der Betriebsratswahl im Frühling ausbauen will. Die deutsche Automobilindustrie sieht er generell in einer schwierigen Lage. „Wer jetzt bremst, verliert“, sagt Thierig mit Blick auf den globalen Hochlauf der Elektromobilität. Was in Grünheide trotz schwieriger Rahmenbedingungen in den vergangenen Jahren alles möglich war und weiter möglich sei, stimmt ihn allerdings für den Standort Deutschland zuversichtlich. Zeit für einen Blick in den Rückspiegel bleibt dem Tesla-Mann zum Jahreswechsel nicht. „Es geht immer nach vorne“, beschreibt Thierig die Mentalität im Unternehmen. Das Risiko, am eigenen Vorsatz für das neue Jahr zu scheitern, ist gering, zumal seine Devise lautet: „Flexibel bleiben – und dazu gehört, keine festen Vorsätze zu fassen.“ Aumovio: „Unternehmen zu Hochleistungsorganisationen transformieren“ Philipp von Hirschheydt, Vorstandschef des Automobilzulieferers Aumovio, einer Abspaltung von Continental, blickt „zuversichtlich auf die kommenden Monate“: „Wir haben in Europa alle Zutaten, um mit unseren Industrien zu den globalen Gewinnern zu gehören.“ Und das, obwohl, wie Hirschheydt einräumt, die aktuellen Marktprognosen gerade für die europäische Automobilindustrie wenig Anlass zur Hoffnung gäben. Gemeinsam mit den politischen Entscheidungsträgern gelte es, Konsum- und Investitionsklima in Europa zu fördern, Bürokratie abzubauen und neue Technologien zu unterstützen. Für Unternehmer wiederum gelte es, mutige Entscheidungen zu treffen und sich im globalen Umfeld wettbewerbsfähig aufzustellen: „Wir müssen unsere Unternehmen zu Hochleistungsorganisationen transformieren. Mit unserem Spin-off von Continental haben wir 2025 einen entscheidenden Schritt in diese Richtung gemacht.“ Riese & Müller: „Kollektiv einen Zukunftssound anschlagen“ Auf zwei statt auf vier Rädern ist Sandra Wolf unterwegs, geschäftsführende Gesellschafterin des E-Bike-Herstellers Riese & Müller – und auch sie blickt „zuversichtlich auf das kommende Jahr“. Aber sie schränkt ein: „im Grunde“. Warum? „Vielleicht weil es die einzige Möglichkeit ist, nicht das Handtuch zu werfen und sich nicht auszumalen, was alles kommen könnte. Und dann, weil ich das Gefühl habe, 2025 war ein hartes Jahr für viele und auch für mich persönlich, und dennoch hat es sich auf der Zielgeraden wie ein Wendepunkt angefühlt.“ Die hoffnungsvollen Stimmen seien lauter geworden, die Positionen klarer. „Die große Chance sehe ich darin, dass wir als Unternehmen und als Gesellschaft erkennen, was für uns auf dem Spiel steht, und jede/r für sich ins Handeln kommt und nicht mehr wartet.“ Für Deutschland wünscht sich Wolf, „dass wir merken, dass wir es uns nicht länger gefallen lassen, dass etwas mit uns gemacht wird, bei dem wir nur zuschauen“. Das gehe aber nur in einem Land, das weniger kompliziert, weniger abwartend und weniger müde sei. Eine Gesellschaft, die Bereitschaft zeige, „kollektiv einen Zukunftssound anzuschlagen“. Die größte Sorge der Fahrradproduzentin: eine Wirtschaft und Unternehmer, die ihr größtes Geschäftspotential und ihre Zukunftsfähigkeit in „Verteidigung“ sähen – „eine Entwicklung, die bedenklich oft gerade ergriffen wird“. Manager wie Hensoldt-Chef Dörre sehen das vermutlich komplett anders. Aber Sandra Wolf sagt: „Als Fahrradhersteller bin ich dankbar, dass ich hier nicht weiterdenken muss.“ Von: Nadine Bös, Mark Fehr, Bernd Freytag, Thiemo Heeg, Timo Kotowski, Hanno Mußler, Stefan Paravicini, Tobias Piller, Sarah Speicher-Utsch, Vanessa Trzewik, Benjamin Wagener
