FAZ 13.09.2026
11:02 Uhr

Blanchett und Hoss: Die Chemie der beiden ist elektrisch


Manchmal verschmelzen sie zu einer Figur: Am National Theatre in London stehen Cate Blanchett und Nina Hoss gemeinsam auf der Bühne. In einem Stoff, der wiederum Sophokles und Ingmar Bergman verbindet.

Blanchett und Hoss: Die Chemie der beiden ist elektrisch

Seit einiger Zeit treibt die Londoner Theaterwelt ein Phänomen um, das celebrification genannt wird: Große Rollen werden mehr und mehr an prominente Schauspielerinnen und Schauspieler aus der ersten Reihe vergeben, deren Ruhm fast unvermeidlich gute Ticketverkäufe garantiert und ausverkaufte Abende, Wochen vor der Premiere. Man erwartet inzwischen eigentlich schon, dass Stars wie Andrew Scott, Gillian Anderson, Paul Mescal, Ralph Fiennes, Ian McKellen, Sandra Oh oder Tilda Swinton mit von der Partie sind, wenn neue Stücke angekündigt werden. Diese Entwicklung begrüßen die einen als eine Art Demokratisierung, weil ein neues Publikum ermutigt werde, sich auf die Erfahrung Theater einzulassen. Die anderen beklagen, dass die entsprechenden Karten im Theaterdistrikt West End inzwischen 250 Pfund und mehr kosten – was sie für manche unbezahlbar macht. Und die Idee unterminiert, dass Theater etwas sein könnte, an dem alle teilhaben können, ungeachtet Einkommen oder Klasse. Zu den begehrtesten Tickets in diesem Londoner Theaterherbst gehört das für „Electra/Persona“ am National Theatre, inszeniert und geschrieben von Benedict Andrews nach Sophokles und Ingmar Bergman; in den Hauptrollen: Cate Blanchett und Nina Hoss. Ihr Londoner Debüt hatte Hoss 2024 als Gutsbesitzerin Ranjewskaja in Tschechows „Kirschgarten“ am Londoner Donmar Warehouse gegeben, jetzt spielt sie erneut mit Blanchett, mit der sie vor Jahren in Todd Fields Kinofilm „Tár“ vor der Kamera stand. Der auf britischen Bühnen unverzichtbare Humor Der Abend beginnt damit, dass Blanchett und Hoss ins Publikum fragen, ob jemand eine Münze werfen möchte, um zu entscheiden, wer von den beiden wen im Stück spielen soll – beiläufige Erinnerung an das eindrucksvolle Talent und Selbstvertrauen der beiden Schauspielerinnen. Am Mittwochabend geht die Figur der Elektra an Hoss, deren Mutter, Klytämnestra, übernimmt Blanchett. Die moderne Version von „Elektra“ lässt nicht nur Humor zu – unverzichtbar auf britischen Bühnen –, sondern auch ein rein weibliches Ensemble (bis auf einen kurzen Auftritt von Patrick Robinson als Aigisthos) und eine feministische Interpretation des Stoffs. Gleiches Gewicht liegt auf dem Versuch Agamemnons, seine Tochter Iphigenie zu opfern, wie auf dessen eigener Ermordung durch seine Frau Klytämnestra: Das ist die Tat, die Elektras Wunsch nach Rache anstachelt. Aber während wir Klytämnestras ermordeten Geliebten Aigisthos in Theaterblut liegen sehen (eher deutsche Theatertradition), bekommen wir das brutale Ende der Mutter dann doch nicht zu sehen. Denn es geht an diesem Abend darum, die Frauenfiguren zu zelebrieren, selbst in deren dunkelsten Stunden, darum, deren Taten nuanciert auszuleuchten, statt sie als irre oder monströs zu zeichnen. Man kann sich kaum zwei Schauspielerinnen vorstellen, die geeigneter für diese Rollen wären als Blanchett und Hoss. Die Chemie zwischen den beiden ist fast elektrisch, bringt das Publikum dazu, die schwächeren Stellen im Text zu vergessen. Was Andrews aus „Persona“ macht, bleibt sehr nah an Bergmans enigmatischem Film aus dem Jahr 1966. Darin verstummt die Schauspielerin Elisabet Vogler mitten in ihrer Performance von „Elektra“ auf der Bühne. Blanchett übernimmt die Rolle der Alma, die sich kümmern soll um diese schweigende Figur, grandios gespielt von Hoss. Und auch wenn der Einsatz von Handkameras zu einem etwas müden Theatertrick geworden ist, hilft er dabei, das Seltsame, Mysteriöse an Bergmans Stoff hervorzuholen. In ihren identischen schwarzen Kostümen scheinen Blanchett und Hoss manchmal zu einer Figur zu verschmelzen. Blanchetts außergewöhnliche Stimme Was die beiden Stoffe verbindet, ist die zerbrochene Beziehung zwischen Mutter und Tochter – hier Elektra, die davon träumt, Klytämnestra zu ermorden, dort Elisabet, die bereut, nicht abgetrieben zu haben, solange sie es noch konnte, und sich jetzt vor ihrer eigenen Tochter ekelt. Es ist ein Genuss, den beiden Schauspielerinnen dabei zuzusehen, wie sie sich durch so ein herausforderndes Material bewegen. Blanchetts außergewöhnliche Stimme zu hören, ihre Körpersprache als mörderische Königin zu studieren. Zu erleben, wie furchtlos Hoss wiederum Elektra verkörpert, anfangs auf einer leeren Bühne, nur mit einem Hammer als einzigem Requisit. Beeindruckend auch ihr Vertrauen, in einer Sprache zu spielen, die nicht ihre erste ist, was auf Londoner Bühnen immer noch selten ist, was man aber bald hoffentlich häufiger erleben wird, da Kino und Fernsehen sich für internationale Talente zu öffnen beginnen. Dann aber verstummt Hoss fast komplett, um sich für den zweiten Teil des Abends auf ihr Mienenspiel zu verlassen. All das ist ein Höhepunkt dieser Herbstsaison im Theater. Das Instrument der celebrification ist jedenfalls hier nicht dazu genutzt worden, die Ticketpreise unnötig in die Höhe zu treiben (120 Pfund waren das Limit), sondern um ein sehr komplexes Stück ans National Theatre zu bringen, das es andernfalls schwer gehabt haben dürfte, ein so großes Publikum anzuziehen. Vielleicht ist es die beste Variante von celebrification, die man sich wünschen kann. Aufregend, sich vorzustellen, was diese beiden außergewöhnlichen Schauspielerinnen wohl als Nächstes vorhaben. Aus dem Englischen von Tobias Rüther.