FAZ 06.01.2026
18:19 Uhr

Blackout in Berlin: Wir haben wieder Strom, aber noch keine Sicherheit


Nach vier Tagen Stromausfall gehen im Berliner Südwesten immer mehr Lichter an. Unsere Autorin spürt den Stromneid in sich aufkommen, als plötzlich das Licht mit ihrer Hausnummer flackert.

Blackout in Berlin: Wir haben wieder Strom, aber noch keine Sicherheit

Der vierte Tag des Stromausfalls beginnt mit starken Kopfschmerzen und einem lauten Brummen. Während die Temperaturen weiter sinken, steigt der Lärmpegel. Mal informiert die Polizei über Lautsprecher, wo die nächsten Notunterkünfte zu finden sind, mal kreist ein Hubschrauber über den Häusern. Am Dienstagmorgen gegen sechs Uhr kommt ein fast meditatives Brummen hinzu, dann ein lautes Getöse. An der Ecke stehen ein Lastwagen und eine riesige graue Kiste. „Unser Strom­aggregat“ steht in großen Lettern obendrauf, ebenso der Absender des ­Geschenks: Schleswig-Holstein Netz. Orangefarbene Lichter blinken, fünf Männer in gelben Warnwesten verbreiten ­Geschäftigkeit. Seit Sonntag fahren Dutzende solcher Lastwagen mit Notstrom­geräten quer durch die Republik, um eine Strom- und Wärmebrücke für den Süd­westen Berlins zu bauen. Alle Bundesländer schicken, was sie seit der Energiekrise angeschafft haben. „Unser Stromaggregat“ kommt aus Flensburg. Seit Montagnachmittag wissen die fünf Männer, dass sie nach dem Brandanschlag aus dem mutmaßlich linksterroristischen Milieu in der Hauptstadt gebraucht werden. Zwei Stunden später ­sitzen sie in ihrem Lastwagen. Um Mitternacht fahren sie in meine zwangsverdunkelte Nachbarschaft ein, da ahne ich noch nichts von dem nahenden Glück. Aber erst einmal warten sie. Sechs Stunden lang bei minus acht Grad. Dann kommt die Tiefbaufirma, rammt ein Loch in den Boden und lässt die Männer ans Werk. Manchmal zieht sich die Stromgrenze quer durch eine Straße Zu diesem Zeitpunkt ist noch völlig unklar, welche Häuser kurze Zeit später erleuchten werden – und welche nicht. Ich versuche, die Männer auszufragen, aber sie sind nicht von hier und wissen nicht, welche Häuser über den Stromkasten versorgt werden, den sie mit „unserem Stromaggregat“ verbinden. Sie arbeiten nur den Auftrag ab. Schon prophylaktisch spüre ich Stromneid in mir aufkommen. Davor hatte ich in den vergangenen drei Tagen schon Angst. Sukzessive kommen immer mehr Haushalte zurück ans Stromnetz, meist in Bündeln von mehreren Tausend. Erst waren 45.000 Haushalte betroffen, bis Montag sank die Zahl auf 27.000. Das lässt einige Häuser wieder warm werden, andere nicht. Manchmal zieht sich die Grenze quer durch eine Straße, in denen einige Häuser im Licht erstrahlen und andere weiter im dunklen Grau versinken. Ich frage mich, wie ich es meinen Kindern erkläre, sollten wir nicht unter den Auserwählten sein. Ich beschließe, es in diesem Fall nicht zu erwähnen. Meine Helden aus Flensburg strömen routinierte Gelassenheit aus, weder die Kälte noch der Schlafentzug scheinen ­ihnen etwas auszumachen. Solche Not­einsätze kennen sie schon, auch inter­national. Selbst in Schweden haben sie schon mal ausgeholfen, sechs Wochen lang. Dem Berliner Stromnetzbetreiber machen sie keine Vorwürfe. Auf einen ­solchen Brandanschlag sei das deutsche Stromnetz nicht vorbereitet, nirgendwo, sagt einer der Techniker. Es hätte Hamburg treffen können oder Frankfurt, völlig egal. Auch Notstromaggregate seien in keiner Region Deutschlands ausreichend vorhanden. Sein Fazit: „Das schafft man nur gemeinsam.“ Ich kann mein Glück kaum fassen Mich erstaunt, dass sie für das Berliner Krisenmanagement nur lobende Worte übrig haben. Einen Brandanschlag einer solcher Dimension in nur wenigen Tagen in den Griff zu bekommen, finden sie ­beachtlich. Gleichzeitig dämpfen sie meine Erwartung eines endgültigen Endes des eiskalten Alptraums: Das Notstromaggregat ist nur ein Provisorium. Bis der ver­heerende Schaden in der Kabelbrücke über dem Teltowkanal endgültig behoben ist, kann es noch dauern. Wie lange, weiß keiner. Ob das Provisorium so lange hält, auch nicht. Die Warterei in der Kälte treibt mich in den Wahnsinn, deshalb kündige ich an, bei Edeka Frühstück für die Mannschaft zu besorgen. Für eine konkrete Bestellung sind die Herren zu zurückhaltend. Sie lassen sich aber gerne überraschen. Ich ziehe los, an meinem dunklen Haus entlang, als plötzlich das Licht mit der Hausnummer aufflackert. Ich bleibe stehen und halte den Atem an, dann geht auch die Weihnachtsbeleuchtung in den Nachbarhäusern an. Ich renne los. Als ich die Wohnungstür aufmache, piepst auch schon der Kühlschrank. Ich kann mein Glück kaum fassen. Bevor ich den ersten Kaffee mit meinem neuen Flensburger Strom koche, besorge ich schnell Brötchen, Kekse und Donuts. Auch die Retter aus Schleswig-Holstein sind erleichtert. Eine kurze Frühstückspause noch, dann verteilen sie ­weiter Strom.