FAZ 05.01.2026
09:15 Uhr

Blackout in Berlin: Sie sitzen um die Steckdosen, als wären es wärmende Lagerfeuer


In der zweiten Nacht ohne Strom kriecht unserer Autorin die Kälte in die Knochen. In der Notunterkunft ist die Hölle los – genauso wie im Restaurant und im Fitnessstudio.

Blackout in Berlin: Sie sitzen um die Steckdosen, als wären es wärmende Lagerfeuer

In der zweiten Nacht des Blackouts ist es deutlich kälter, nachdem die Wärme langsam aus dem Haus gewichen ist. Eine feuchte Kühle macht sich breit. Draußen vor der Tür sind es minus drei Grad, immerhin 15 Grad zeigt das Thermometer drinnen. Es kommt mir kälter vor, wahrscheinlich auch, weil es so dunkel ist, dass man nicht einmal Konturen erkennt. Bis zum Sonnenaufgang sind es noch zweieinhalb Stunden. Bis dahin gibt es nur den dicken hellen Kegel der Taschenlampe, eine kleine akkubetriebene Lampe und Kerzen, die wir allerdings noch nicht angezündet haben. Während eines flächendeckenden Stromausfalls, wie ihn der Südwesten Berlins seit Samstagmorgen erlebt, stellen sich ungewohnte Fragen, zum Beispiel, wann man das Dutzend Kerzen nutzen sollte, das man braucht, um einen stockdunklen Raum ein wenig auszuleuchten. Bläst man sie wieder aus, wenn man das Zimmer verlässt? Wie lange kann man es riskieren, eine Flamme unbeaufsichtigt zu lassen? Und wenn man den Blick etwas weitet: Wer ist von den Nachbarn eigentlich noch da? Wer hat die Flucht ergriffen, weil neben dem Strom auch noch die Heizungen ausgefallen sind? Die Schulschließung wird mit einer freundlichen Mail angekündigt In den Schulen ist jedenfalls niemand. Nach dem Brandanschlag auf das Berliner Stromnetz bleiben sie geschlossen. Angekündigt wurde dies durch eine freundliche E-Mail mit den besten Wünschen für das neue Jahr. „Dieses fängt ja recht ungewöhnlich an“, hieß es lakonisch. Gestern Nachmittag waren wir Stromlosen im funktionierenden Teil Zehlendorfs unterwegs, da haben wir einige unserer Leidensgenossen gesehen. Im Bürgersaal des Bürgeramtes Zehlendorf stehen jetzt Feldbetten bereit. Dort ist es voll, auch auf den Fluren. Alle sitzen um die Steckdosen herum, als wären es wärmende Lagerfeuer. Die Kapazitäten wurden mit Steckdosenleisten um ein Vielfaches erweitert, um all die Handys, Tablets und Akkus laden zu können, die man inzwischen braucht, um den Alltag bewältigen zu können. Dazu werden Kaffee und Tee gereicht, es gibt Nudeln mit Tomatensoße in Plastikschüsseln. Meine Teenager-Kinder werden bei der Reflexion über den Tag später sagen, der Stromausfall schärfe den Blick für das Wesentliche. Inzwischen suchten ihre Blicke jeden Raum sofort nach Steckdosen ab. Die Stimmung ist gedrückt Im Bürgersaal sitzen vor allem ältere Menschen, auch einige hochbetagte, zwischendrin Jugendliche, die schweigend durch ihre Insta-Accounts scrollen. Die Stimmung ist gedrückt. Ein Mann mit technischem Fachwissen ist mit seinem kranken Vater da. Er schildert, wie der Katastrophenschutz im Bezirk schon vor Jahren das Szenario eines flächendeckenden Stromausfalls auslotete. Damals wurde immerhin nach geeigneten Notunterkünften geschaut. Deshalb sitzen wir jetzt in dem leicht heruntergekommenen Bürgeramt. Vor rund hundert Jahren wurde es als erstes modernes Verwaltungsgebäude Berlins eröffnet. Wären Vertreter der linksextremistischen Vulkangruppe hier, die sich zum Brandanschlag auf das Berliner Stromnetz bekannt haben, würden sie jedenfalls vergeblich die „fossile Energiewirtschaft“ suchen, die sie mit ihrer „gemeinwohlorientierten Aktion“ zu treffen gedachten. Offiziell sind es jetzt noch 38.000 Haushalte ohne Strom. In der Notunterkunft befürchten manche, dass auch die Kräfte des übrigen Berliner Stromnetzes schwinden und bald weitere Bürger betroffen sein werden. Überall kommt es mir kälter vor als sonst Vom Bürgeramt gehe ich in das Fitnessstudio meines Vertrauens, das inzwischen ebenfalls zu einer Sammelstelle für Strom- und Heizungslose geworden ist. In der Lounge sitzen ungewöhnlich viele Menschen mit Computern um den großen Tisch. An den Geräten ist die Hölle los, vor den Damenduschen bilden sich Schlangen. Doch egal, wo ich mich aufhalte: Überall kommt es mir kälter vor als sonst. Zur Feier des Tages gehen wir essen. Keinen Hummer und Champagner, wie die linksextremistische Vulkangruppe vermutet, sondern Ente kross. Auf die Idee kommen viele, bei denen die Küche in diesen Tagen – nun ja – kalt bleibt; im Eingang drängelt es sich. Eine Stunde dauert es, bis das Essen kommt. Während wir warten, bemerken wir wieder viele Einsatzwagen der Polizei, die mit Blaulicht die Straße entlangrasen. Wir fragen uns, ob es klug ist, das eigene Zuhause so lange verwaist zu lassen, und brechen auf – vom funktionierenden Teil unseres Bezirks zurück in den nachtschwarzen. Während wir die unbeleuchtete Straße entlangfahren, an den dunklen Fenstern der schemenhaften Häuser vorbei, fragt meine Tochter, was eigentlich schlimmer ist: die Dunkelheit oder die Kälte. Wir müssen nicht lange nachdenken: Es ist die Kälte.