FAZ 09.12.2025
12:30 Uhr

Biograph des Firmenchefs: „Palantir hat ein sehr düsteres Weltbild“


Michael Steinberger hat ein Buch über Alex Karp geschrieben, den Chef des umstrittenen Unternehmens Palantir. Hier erklärt der Autor, was Karp antreibt – und was diesen mit Trump verbindet.

Biograph des Firmenchefs: „Palantir hat ein sehr düsteres Weltbild“
Vielseitiger Populist: Hier trägt Hobby-Rennfahrer Filip Turek ein Regenbogen-Abzeichen am Mantel. Zu anderen Gelegenheiten beleidigt er Minderheiten. (Foto: Ondrej Deml/Imago/CTK Photo)

Palantir ist ebenso erfolgreich wie umstritten. Das amerikanische Unternehmen ist auf Software zur Analyse großer Datenmengen spezialisiert. Es wurde 2003 gegründet, und sein wichtigster Kunde ist die amerikanische Regierung. Die Geschäfte laufen derzeit glänzend, der Aktienkurs hat sich in diesem Jahr mehr als verdoppelt. Palantir wird oft vorgeworfen, sich mit seiner Software zum Werkzeug für staatliche Überwachung oder auch die Abschiebung von Einwanderern zu machen. Dieses Misstrauen hat auch in Deutschland eine Debatte darüber befeuert, ob hiesige Polizeibehörden die Software einsetzen sollten. Oft wird Palantir vor allem mit dem deutschstämmigen Investor Peter Thiel in Verbindung gebracht. Er hat das Unternehmen mitgegründet und steht bis heute an der Spitze des Verwaltungsrats. Aber Vorstandschef und damit verantwortlich für das Tagesgeschäft ist Alex Karp. Der amerikanische Journalist Michael Steinberger hat jetzt ein Buch über Karp mit dem Titel „Der Unsichtbare“ herausgebracht. Herr Steinberger, Sie schreiben, Alex Karp habe die Idee gefallen, Gegenstand eines Buches zu sein, weil Palantir in der Öffentlichkeit als Peter Thiels Unternehmen wahrgenommen wird. Ist er eifersüchtig auf Thiel? Ich denke nicht, dass er jemals eifersüchtig war. Aber ich glaube, nachdem er Palantir 2020 an die Börse gebracht hat, wollte er auch als Chefarchitekt des Erfolgs gesehen werden. Ich vermute, das war ein Anreiz für ihn, mit mir zusammenzuarbeiten – auch für ein Buch, das nichts beschönigt. Karp denkt also, Palantirs Erfolg ist vor allem ihm zu verdanken? Na ja, er ist seit den Anfangstagen Vorstandschef, Thiel war nie wirklich ins Tagesgeschäft involviert. Natürlich sprechen die beiden viel miteinander, und Karp hält Thiel für eine unschätzbar wichtige Quelle von Ratschlägen. Thiel hat ja während Donald Trumps erster Amtszeit angeboten, aus dem Verwaltungsrat zurückzutreten, weil er gemerkt hat, dass er dem öffentlichen Bild von Palantir schadet. Karp wollte davon aber nichts wissen. Trotzdem ist es Karp, der das Unternehmen führt. Und Sie meinen, er steht auch gerne im Mittelpunkt? Ja. Er sagt zwar, er sei introvertiert, und da ist auch etwas dran, er ist gerne allein. Aber er scheint sich auch im Rampenlicht ziemlich wohlzufühlen. Der Erfolg und der hohe Börsenwert von Palantir haben ihn noch selbstbewusster gemacht. Unter den Mitarbeitern scheint Palatir klar als Karps und nicht Thiels Unternehmen wahrgenommen zu werden. So wie Sie es beschreiben, klingt es fast nach einer Sekte. So wird Palantir auch öfters genannt. Karp ist sehr charismatisch. Die Mitarbeiter sind fasziniert von ihm und seiner Art, zu denken und zu sprechen. Und wie Sie schreiben, nennen ihn manche Mitarbeiter sogar „Dr. Karp“. Die Jüngeren machen das. Die himmeln ihn an wie einen Star. Er verlangt es nicht selbst, so angesprochen zu werden. Aber abgesehen von solchen Oberflächlichkeiten ist Palantir auch auf eine ganz fundamentale Art Karps Unternehmen. Inwiefern? Palantir ist von seiner Persönlichkeit und auch seinen Ängsten geprägt. Um ihn zu verstehen, muss man wissen, dass er von jungen Jahren an dieses Gefühl von Verwundbarkeit hatte. Er hatte einen weißen Vater, eine schwarze Mutter, war jüdisch und hatte eine schwere Leseschwäche, deshalb fühlte er sich im Nachteil und fand, die Welt ist kein freundlicher Ort für ihn. Ich denke, in gewisser Weise existiert Palantir, um die Welt sicherer für Alex Karp zu machen. Natürlich auch für andere, aber er nimmt diese Mission sehr persönlich. Palantir hat ein sehr düsteres Weltbild. Hier gibt es nichts von dem Techno-Optimismus anderer Unternehmen. Stattdessen heißt es: Die Welt ist chaotisch und gewalttätig, und unsere Software kann sie etwas weniger gefährlich machen. Es ist also eine persönliche Mission von Karp, die Palantir antreibt? Natürlich nicht nur. Palantir wurde ja nicht lange nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 gegründet, mit dem Zweck, der Regierung im Kampf gegen den Terrorismus zu helfen. Damals haben wir uns alle ziemlich verwundbar gefühlt. Es ist Palantirs Leitmotiv, dass der natürliche Zustand der Menschheit Gewalt und Chaos ist. Oft hat sich Karp als linksliberal beschrieben, wohingegen Thiel früh auf Trumps Seite stand. Ist das ein echter ideologischer Gegensatz oder auch ein Stück weit Legende? Ich denke, Karp hat sich wirklich selbst als linksliberal gesehen, das war nicht nur aufgesetzt. Aber natürlich war das nützlich für Palantir, weil Thiel so umstritten war. Dass da dieser Philosoph mit den wilden Haaren an der Unternehmensspitze war, der sich als politisch progressiv beschreibt, hat vielleicht manche Bedenken zerstreut. Es war eine Art Schutzschild. Inzwischen ist Karp aber viel näher an Thiel herangerückt, was die Meinung über Trump und Themen wie Einwanderung betrifft. Sie bringen Karps Abwendung von den Demokraten maßgeblich mit den Geschehnissen im Zuge des Angriffs der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 in Verbindung. Ja, wobei das vorher anfing. Schon die Proteste gegen Palantirs Arbeit mit der Einwanderungsbehörde ICE in Trumps erster Amtszeit haben ihn von den Demokraten entfremdet. Er fand auch, dass sich im linken Lager eine Besessenheit mit Identitätspolitik breitmachte, und er fand das toxisch. Aber der 7. Oktober brachte dann den entscheidenden Bruch. Das hat mit besagtem Gefühl der Verwundbarkeit zu tun. Seine jüdische Identität spielt für ihn eine zentrale Rolle, und das Massaker hat ihn zutiefst erschüttert. Und dann sah er die Proteste gegen Israel, die nach seiner Meinung von Antisemitismus durchsetzt waren. Aus dem jüngsten Wahlkampf hat sich Thiel stärker zurückgehalten, dafür hat Ihnen zufolge Karp stärker die Nähe zu Trump und seinem Umfeld gesucht. Steht Karp heute Trump näher, als Thiel es tut? Das ist wahrscheinlich so. Als ich im Frühjahr 2023 mit Thiel gesprochen habe, hat er gesagt, er habe mit Trump abgeschlossen und wolle, dass auch die Republikaner ihn hinter sich lassen. Karp war dagegen ziemlich überzeugt, dass Trump wieder gewinnen würde, und er dachte, es wäre nicht hilfreich für Palantir, wenn Trump wütend auf Thiel ist. Also wollte er die Wogen glätten und hat zum Beispiel versucht, Mitarbeiter von Palantir mit Leuten in Kontakt zu bringen, die in einer zweiten Amtszeit Trumps eine Rolle spielen könnten. Als Trump dann die Wahl gewonnen hat, hat Karp keine Gelegenheit ausgelassen, ihn mit Lob zu überschütten. Im Gespräch mit Ihnen hat Karp Sorgen um die Demokratie in den USA heruntergespielt – und wollte nicht beantworten, ob er Trump für einen Faschisten hält. Er redet nicht so gerne über manche besonders kontroversen Dinge. Und er findet Gründe, von Sorgen abzulenken, dass die USA in den Autoritarismus abgleiten. Im Weißen Haus soll die Botschaft ankommen, dass er an Bord ist. Aus einer wirtschaftlichen Perspektive kann ich verstehen, was er macht. Wer Geschäfte mit der Regierung machen will, muss freundlich zu Trump sein, weil er sehr rachsüchtig ist. Alle tun das, das hat man zum Beispiel auch bei Apple-Chef Tim Cook gesehen, der Trump im Oval Office ein kitschiges Geschenk aus Gold überreicht hat. Karp hat in Deutschland studiert und hier seine Doktorarbeit in Philosophie geschrieben. Woher kommt diese Affinität zu Deutschland? Die Familie seines Vaters kommt ursprünglich aus Deutschland, und er hat eine tiefe emotionale Verbindung zu Deutschland gespürt. Er hat sich hier wohlgefühlt. Dass er nach Deutschland kam, hat aber auch mit seinem jüdischen Hintergrund zu tun. Er wollte genauer verstehen, warum ein Musterland der Zivilisation so barbarisch werden konnte und so brutal mit seiner jüdischen Bevölkerung umgegangen ist. Das spielte auch in seiner Doktorarbeit eine Rolle. Heute spricht er freilich oft negativ über Deutschland, und er gibt sich frustriert von der europäischen Techszene. Das hat vermutlich damit zu tun, dass Palantirs Geschäfte hier viel schlechter laufen als auf dem Heimatmarkt. Er hat schon auch vertretbare Argumente, zum Beispiel dass europäische Länder zu wenig für ihre Verteidigung ausgeben. Aber ich würde meinen, seine Motivation dahinter besteht zum großen Teil darin, dass dort nicht genug Palantir-Software gekauft wird. Ihrer Beschreibung nach hatte Palantir früher starke ethische Grundsätze. Zum Beispiel hat es abgelehnt, mit Saudi-Arabien zusammenzuarbeiten oder auch mit Tabakkonzernen. Ist dieser moralische Kompass im Laufe der Zeit schwächer geworden? Das ist eine gute Frage. Es ist jedenfalls falsch, wenn Leute sagen, Palantir habe sich nie um Dinge wie Datenschutz oder Bürgerrechte geschert. Aber gerade jetzt, wo sie in den USA mit ICE zusammenarbeiten, stellt sich die Frage, wo eine rote Linie gezogen wird. Schon in Trumps erster Amtszeit sind üble Dinge mit Mi­granten passiert, zum Beispiel als Kinder von ihren Eltern getrennt wurden. Aber damals war Palantir noch nicht so eng in den Bereich von ICE involviert, der für Abschiebungen zuständig ist. Das ist heute anders? Ja, heute ist Palantir sehr eng eingebunden. Zum Beispiel mit der Entwicklung von Software, die ICE hilft, Fälle zu verfolgen, in denen Einwanderer freiwillig das Land verlassen. Palantir ist heute ein sehr wichtiges Element in Trumps Einwanderungspolitik. Es stellt sich die Frage, ob irgendwann einmal ein Punkt kommt, an dem das Unternehmen sagt, es macht nicht mehr mit. Zum Beispiel wenn Einwanderer nach ihrer Abschiebung gefoltert oder umgebracht werden. Karp sagt dazu nichts. Es liegt nicht in seinem Interesse, weil es Trump verärgern würde. Palantir kann enorm von Trumps zweiter Amtszeit profitieren. Wie kann man sich die Zusammenarbeit zwischen Palantir und der Regierung genau vorstellen? Es kursieren falsche Vorstellungen davon, was Palantir macht. Palantir sammelt keine Daten und verkauft sie nicht. Die Software von Palantir hilft Organisationen, ihre eigenen Daten besser zu nutzen. Aber das Unternehmen überwacht nicht, wie seine Kunden die Software einsetzen. Die Frage hier in den USA ist also nicht, ob man Alex Karp und Palantir vertraut, was den Umgang mit Daten betrifft, sondern ob man Donald Trump vertraut. In den Händen eines autoritären Regimes kann die Technologie von Palantir ein wichtiges Instrument sein.