Wenn Antonia den Stall betritt, dann ist ihr Aufmerksamkeit gewiss: Alle Schafe und Lämmer wenden sich ihr zu, schließlich ist die schlanke Frau auf dem Kapellenhof für sie zuständig. Gerade allerdings treibt sie einige Tiere aus einem Anhänger in ein Abteil. Die waren von der Weide ausgebrochen. „Passiert immer wieder“, sagt Christoph Neizert. Wenn zum Beispiel ein Reh den Zaun gerammt und niedergelegt hat, schauen die Schafe nach, ob das Gras auf der anderen Seite nicht vielleicht besser schmeckt. Dann ist es Antonias Aufgabe, sie wieder einzusammeln – gut, dass ihr die Tiere vertrauen. Rund 300 Tiere leben derzeit auf dem Kapellenhof, direkt an der Hohen Straße von Frankfurt nach Leipzig im Hammersbacher Ortsteil Hirzbach. „Lacauna heißt die Rasse“, erläutert Neizert, „stammt eigentlich aus Südfrankreich.“ Gezüchtet werden sie wegen ihrer Milch, mit der Wolle ist dagegen nicht viel anzufangen, sie wird zum Düngen genommen. Aus der Milch wird auf dem Hofgut Käse. Neizerts Gut ist die einzige Bio-Schafskäserei im Rhein-Main-Gebiet. Bei Neizert gibt es Joghurt, Frischkäse, Camembert, Räucherkäse und sogar Eis aus Schafsmilch: „Die meisten denken bei Schafskäse an das Mittelmeer und ein bröckeliges Produkt, aber es gibt so viel mehr.“ Auch Wurst zum Beispiel, denn wer sich auf Milchwirtschaft einlässt, der wird auch zum Fleischproduzenten. Die Schafböcke, die nicht in die Zucht gehen, werden geschlachtet, bevor sie ein halbes Jahr alt sind, sonst wird der Geschmack zu streng. „Wer Käse will, der braucht auch Schlachtung“, erklärt Neizert. In drei Abteilungen ist einer der beiden Ställe auf dem Hof gegliedert. Ganz rechts ist die Säuglingsstation, dort sind die Mutterschafe mit ihren neugeborenen Lämmern einquartiert. Jede Familie hat ein eigenes Abteil, bis die Jungen nach etwa einer Woche von ihren Müttern getrennt werden. Das ist früh, hat sich aber als Erfahrungswert für die Gesundheit von Müttern und Lämmern bewährt: Werden die Lämmer größer, verbeißen sie die Euter. So aber erreiche man in der Herde eine hohe Überlebensquote, sagt Neizert. Das bestätigten auch die Fachleute der Universität Gießen, mit denen er zusammenarbeite: 96 Prozent der Lämmer kommen auf dem Hof durch – ein sehr hoher Wert. Nach der Trennung kommen die Jungen in ein eigenes Abteil, der quirligste Teil des Stalls. Rund 80 Lämmer blöken, toben und spielen dort gerade, Besucher werden bei aller Vorsicht neugierig beäugt. Das gilt auch für das mittlere Abteil im Stall, in dem Schafe und Böcke leben, um für Nachwuchs auf dem Kapellenhof zu sorgen. Die Lacauna-Schafe können zu jeder Jahreszeit werfen, auch das ist ein Vorteil der Rasse. Danach geben die Mütter für acht bis neun Monate Milch, etwa zwei Liter am Tag. Zum Vergleich: Bei Kühen rechnet man mit 35 Litern, einige Hochleistungsrassen können einen deutlich höheren Ertrag liefern. Zweimal am Tag werden die Schafe gemolken, deswegen leben die Milchtiere in den Ställen auf dem Kapellenhof und den direkt angrenzenden Weiden. 200 Hektar gehören zum Hofgut, von dort stammt auch das Biofutter für die Tiere. Verfüttert werden Gras und Heu, dazu gibt es für die Milchtiere eine Getreidemischung aus Weizen, Triticale, Mais, Erbsen und Ackerbohnen. Im älteren Stall werden die Tiere über ein Band versorgt, im neueren gibt es sogenannte Futtertische. Die haben den Vorteil, dass dort verschiedene Futtersorten angeboten werden können und man zum Beispiel den Anteil eiweißreichen Futters genauer steuern kann, während über das Band jeweils nur eine Sorte für alle Tiere im Stall verteilt werden kann. Zu Landwirtschaft und Schafzucht ist der heute 69 Jahre alte Rheinländer über Umwege gekommen, Neizerts beruflicher Hintergrund ist ein gänzlich anderer. Nach einer Banklehre hat er in Frankreich und in New York Betriebswirtschaftslehre studiert und danach unter anderem für Bankers Trust in Rio de Janeiro, Frankfurt und New York gearbeitet, bevor er für zwei internationale Unternehmensbeteiligungsgesellschaften deren Deutschlandgeschäft mit aufbaute. In der Private-Equity-Branche ist er bis heute als Partner und Mitgründer von Adiuva Capital in Hamburg aktiv. Der Weg ins hessische Hammersbach nahe Hanau führte über eine Anzeige im Immobilienteil der „Frankfurter Rundschau“, in dem Neizert nach seiner Rückkehr aus den Vereinigten Staaten fündig wurde. Von 1988 an renovierte er den historischen Hof und die namensgebende Kapelle, die zu den ältesten Sakralbauten in Hessen gehört. Zur Landwirtschaft kam Neizert, weil er die schwindende Artenvielfalt rund um seinen neuen Wohnort erlebte: „Früher hatten wir hier Rebhühner“, erinnert er sich. Sie seien inzwischen wie viele andere Arten auch verschwunden. „Die Landschaft geht vor die Hunde, und dagegen will ich etwas machen.“ Die schwindende Artenvielfalt ist aus seiner Sicht auch eine Folge der konventionellen Bewirtschaftung, die wenig oder keine Rücksicht auf Flora, Fauna und Landschaft nehme. Dem wollte er ein anderes Modell entgegenstellen. Mit zwei Hektar begann der Betrieb, doch selbst um diesen kleinen Einstieg musste er kämpfen. Denn das Reichssiedlungsgesetz aus den Tagen der Weimarer Republik räumte Vollerwerbsbetrieben Vorkaufsrechte ein. Nach drei Jahren setzte sich Neizert vor Gericht durch und begann 1998 zunächst mit dem Anbau von Feldfrüchten. Zum Konzept gehörte die Landschaftspflege, Blühstreifen und Hecken sind angelegt worden, für Greifvögel wurden Sitzstangen aufgestellt. Zu Neizerts Projekten gehört auch ein sechs Hektar großes Feuchtbiotop, das er zusammen mit Mitstreitern unter anderem vom Förderverein Hirzbacher Kapelle angelegt hat. Die Umstellung auf die Schafhaltung kam 2017: Man könne, so die Überlegung, dem Boden nicht nur laufend etwas entziehen, sondern müsse ihm auch wieder etwas zurückgeben – mit dem Dung der Schafe werden dem Grund Nährstoffe zugeführt. So soll der Grundgedanke von einer biologischen Land- und Kreislaufwirtschaft in die Tat umgesetzt werden. In den folgenden Jahren entstanden auf dem Kapellenhof, nur einen Steinwurf vom historischen Anwesen entfernt, Ställe, Melkstand, die Käserei, Hofladen und ein Hofcafé, das an Wochenenden geöffnet hat. Im Sommer ist es ein Anlaufpunkt zum Beispiel für Radfahrer, die die Regionalparkroute der Hohen Straße befahren. Vertrieben werden die Produkte des Kapellenhofs unter anderem über Handelsketten wie Tegut, Rewe und Alnatura, aber auch über Hofläden und Wochenmärkte in der Region. Einen eigenen Stand will Neizert auf ihnen nicht betreiben, das sei „zu aufwendig“. Etwa 20 Prozent der Waren würden direkt vertrieben, diese Quote sollte aus seiner Sicht eigentlich verdoppelt werden. Aber auch für den Kapellenhof ist das wirtschaftliche Umfeld herausfordernd, zumal nicht im sonst in der Landwirtschaft üblichen Modell eines Familienbetriebs gearbeitet wird. Alle zehn Mitarbeiterinnen – „Frauenquote 100 Prozent“ – sind angestellt, die Personalkosten sind im Vergleich also höher, obschon die Bezahlung branchenüblich niedrig ist. Aber wer auf dem Kapellenhof angestellt ist, der arbeitet dort auch aus der Überzeugung für die biologische und naturnahe Wirtschaftsweise. In den vergangenen Jahren arbeitete Neizert mit einem Betriebsleiter, „ich bin ja kein Landwirt“. Künftig könnte der Hof auch als Kollektiv geführt werden. Aber ein weiterer Aspekt der Zukunft des Hofs ist geregelt: Neizert, dessen drei Kinder den Betrieb nicht übernehmen wollen, hat eine Stiftung gegründet und ihr alles vermacht. Dadurch wolle er den Betrieb verstetigen und sicherstellen, dass dort auf Dauer ökologisch gewirtschaftet wird. Informationen im Internet finden sich unter der Adresse hofgut-kapellenhof.de
