Auf die Frage, seit wann sie mit ihrem Essverhalten kämpft, kann Theresa, die ihre Geschichte unter einem anderen Namen teilt, keine klare Antwort geben. Für sie gebe es keinen Anfang ihrer Störung. Sie habe schon immer ein Verhältnis zum Essen gehabt, von dem sie wisse, dass es anders sei als das anderer Menschen. „So wie andere Menschen mit braunen Haaren auf die Welt kommen, so glaube ich, dass ich mit meiner Essstörung auf die Welt gekommen bin“, beginnt sie ihre Geschichte, „ich kenne mich nicht anders als essgestört.“ Schon als junges Kind isst sie regelmäßig über ihren Appetit hinaus, vor allem Süßigkeiten. Dafür gibt sie einen großen Teil ihres Taschengelds aus. Das, was sie sich davon kauft, isst sie heimlich in ihrem Zimmer. Zu Schulzeiten ist sie übergewichtig. Zu ihrem Körper hat stets jemand etwas zu sagen. Vor allem an Arztbesuche erinnert sie sich gut. „Ich wollte nie gewogen werden“, sagt sie. Ihr Übergewicht sei dort ein ständiges Thema gewesen. Mit 16 meldet sie sich in einem Fitnessstudio an, geht laufen und fängt mit der Selbstverteidigungskampftechnik Krav Maga an. Drei bis vier Stunden täglich verbringt sie mit Sport, an manchen Tagen mehr. Ihr Essen wiegt sie auf das Gramm ab, damit keine Kalorie unbeachtet bleibt. An manchen Tagen isst sie fast nichts. Sie verliert rasch an Gewicht. Freunde und Familie machen ihr Komplimente, loben ihre neue Figur. „Ich habe mich total überlegen gefühlt, als ich so viel abgenommen habe“, erzählt Theresa. „Es hatte für mich viel mit Kontrolle zu tun. Wenn ich Hunger hatte, habe ich mir gesagt: Ich zögere das noch eine Stunde hinaus, bis ich esse. Es war ein unglaubliches Machtgefühl.“ Auf jedes Abnehmen folgen Phasen, in denen Theresa wieder rasch an Gewicht gewinnt. „Zugenommen habe ich immer dann, wenn ich mich auf etwas anderes konzentrieren musste, etwa auf die Arbeit oder auf eine Beziehung“, sagt sie. So geht es hin und her, ihr Gewicht schwankt um bis zu 50 Kilogramm. Von Ende 20 bis Mitte 30 führt sie eine Langzeitbeziehung, die für sie zu einer großen Belastung wird. „Ich habe für ihn alle meine Routinen über Bord geworfen“, sagt sie. Sie hört vollständig auf, Sport zu treiben, konzentriert sich ganz auf die Beziehung und erlebt häufig depressive Phasen, in denen sie Essen zur Emotionsregulierung benutzt. Die regelmäßigen Essanfälle führen so zu einer starken Gewichtszunahme. Besonders erinnert sie sich an einen Moment: „Ich bin nach Hause gekommen, habe meine Jacke gar nicht ausgezogen, mich vor den Fernseher gesetzt und eine Tafel Schokolade nach der anderen gegessen.“ Rund 50 Kilogramm nimmt sie in der Beziehung zu. Sie wiegt so viel wie noch nie. „Ich fand es sehr schwer, mich selbst zu ertragen“, sagt sie, „es kostete mich täglich unglaublich viel Kraft, mich durch den Tag zu tragen, körperlich wie auch emotional.“ Sie hält in ihrer Geschichte kurz inne, dreht die Teetasse in ihren Händen. „Wenn ich das so erzähle“, sagt sie, „merke ich schon, wie mich die Scham wieder überkommt. Ich hätte mein Leben gerne mehr unter Kontrolle gehabt.“ Von einer Freundin hört sie erstmals von „Overeaters Anonymous“ (OA), einer Selbsthilfegruppe für Menschen mit Essstörungen, die nach dem Zwölf-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker arbeitet. Zunächst will sie davon nichts wissen. „Ich dachte, solche Gruppen seien nur etwas für Verlierer“, erinnert sie sich und fügt hinzu: „Ich hatte Angst, wenn ich dort einmal hingehe und zugebe, dass ich ein Problem habe, dann werde ich dieses Problem für immer haben.“ Trotz ihrer Bedenken entscheidet sie sich, ihre Freundin zu einer Sitzung zu begleiten. Bei dem OA-Treffen hört sie Menschen zum ersten Mal offen über Dinge sprechen, die sie selbst kennt. Während der Sitzung denkt sie: „Ich bin nicht allein mit meinen Problemen“, und zugleich: „Gott, ist das alles peinlich hier.“ Ihre Essstörung habe sie überwiegend im Verborgenen ausgelebt. Ihre Essanfälle hätten nur selten andere mitbekommen, vor allem die besonders schlimmen nicht. Anderen dabei zuzuhören, wie sie offen vor einer Gruppe über ähnliche Erfahrungen sprechen, ist für sie zunächst befremdlich. Sie selbst sagt in der ersten Sitzung nichts. Nach Hause geht sie völlig aufgewühlt. In der folgenden Woche geht sie abermals hin, danach jede Woche. Ihr Partner weiß von der Gruppe und kommt einmal mit, um sich selbst ein Bild zu machen. Es überrascht ihn, wie viel die Menschen dort von sich preisgeben – schambehaftete Dinge, über die man normalerweise mit niemandem spricht. „Eine Sucht kriecht in jede Ritze des Lebens“ Theresas Partner trinkt selbst missbräuchlich Alkohol. Auch deshalb zerbricht die Beziehung schließlich nach sieben Jahren. „Eine Sucht kriecht in jede Ritze des Lebens“, sagt Theresa. Für beide sei es nicht mehr möglich gewesen, die Beziehung zwischen seiner Alkoholsucht und ihrer Esssucht weiterzuführen. Es fällt ihr schwer, sich an ein Leben ohne Partner zu gewöhnen. „Er war immer bei mir“, sagt sie. „Damit klarzukommen, dass ich jetzt wieder allein bin, war nicht einfach.“ An den OA-Sitzungen nimmt sie weiterhin teil und beginnt zusätzlich, eine Selbsthilfegruppe der „Co-Dependents Anonymous“ zu besuchen, die ebenfalls nach dem Zwölf-Schritte-Programm arbeitet und Menschen mit Ko-Abhängigkeit unterstützt. „Lange Zeit habe ich gedacht, dass mir einfach die nötige Disziplin fehlt, um mit dem Essen aufzuhören“, sagt sie. Durch beide Gruppen erkenne sie schließlich, dass sie krank sei und ihre Essanfälle nicht allein kontrollieren könne. Das habe auch mit ihrer Beziehungsstörung zu tun, der Ko-Abhängigkeit. Sie habe dazu geführt, dass sie sich stark über andere Menschen definiert und deren Bedürfnisse über die eigenen gestellt habe. Die Esssucht und die Ko-Abhängigkeit seien die zwei zentralen Faktoren, die ihr Leben geprägt hätten, sagt sie. „Das eine lässt sich nicht ohne das andere denken. Ich stelle mir das wie eine Blume vor: Die Beziehungsstörung ist in der Mitte, zentral, sie ist der Grund für meine Probleme. Die Essstörung sind die Blütenblätter.“ Sie habe immer gedacht, wenn sie mehr leiste, so werde wie die Menschen in ihrem Umfeld sie haben wollten, dann würde sie mehr geliebt werden. Sie habe sich damit selbst extremen Druck gemacht, an dem sie nach und nach zerbrochen sei. Mit der Selbsthilfegruppe sei ihr bewusst geworden: Ein anderes Leben sei für sie möglich, eins, das sie selbst gestalte und in dem sie Kontrolle übernehme. „Ich war früher ein sehr passiver Mensch“, sagt sie, „mein Leben war etwas, das mir passiert ist, aber nicht etwas, das ich selbst gestaltet habe.“ Das Zwölf-Schritte-Programm und Sponsoren Das Format der Gruppensitzungen bei OA sei ihr zu Beginn sehr ungewohnt vorgekommen, sagt Theresa. Den Kern der Treffen bildet das „Teilen“. Das ist freiwillig, niemand muss sprechen, wenn er nicht möchte. Das Teilen geschieht in Form von Monologen: Die anderen hören zu, stellen keine Zwischenfragen und geben auch im Anschluss keine Kommentare ab. Die eigentliche Arbeit passiert außerhalb der Treffen, wenn die Teilnehmer die Schritte des Programms im eigenen Tempo durchlaufen. Zum Zeitpunkt des Gesprächs, in dem Theresa ihre Geschichte erzählt, befindet sie sich im vierten Schritt, der Inventur. Gemeint ist eine intensive Auseinandersetzung mit den eigenen Ängsten, Verletzungen und wiederkehrenden Mustern. Theresa hält all das schriftlich fest. Ein wichtiger Teil ihres Weges ist die Versöhnung mit anderen. Durch ihr Verhalten habe sie vielen Menschen wehgetan, sagt sie. Teil des Programms sei deshalb, auf diese Menschen zuzugehen und über Vergangenes zu sprechen, Fehler auszubügeln. Aber auch mit sich selbst habe sie einiges gutzumachen, sagt sie. „Ich habe mir und meinem Körper viel wehgetan“, sagt sie. Ein zentrales Element des Zwölf-Schritte-Programms sind die sogenannten Sponsoren: Menschen, die selbst im Programm sind und ihr Wissen und ihre Erfahrungen weitergeben. Theresa spricht etwa einmal wöchentlich mit ihrer Sponsorin, erzählt, wie es ihr geht, wie sie mit dem Programm vorankommt und was sie beschäftigt. Das Programm wird vollständig von den Betroffenen getragen, es gibt keine Leitung durch Therapeuten oder Psychologen. Alles basiert auf Freiwilligkeit, niemand muss an den Sitzungen teilnehmen oder die Schritte durchlaufen. Essanfälle hat Theresa mittlerweile deutlich seltener als früher, auch fühlt sie sich stabiler in zwischenmenschlichen Beziehungen. „Es gibt nichts, das sich für mich durch OA nicht verbessert hat“, sagt sie. Ein Leben ohne Essstörung oder Beziehungsstörung könne sie sich jedoch nicht vorstellen. „Für Süchte gibt es keine Heilung“, sagt sie, „aber es gibt Wege, damit umzugehen.“ Ihre Geschichte teilt sie, um andere auf das Zwölf-Schritte-Programm aufmerksam zu machen. In Frankfurt gibt es drei OA-Gruppen, die sich jeweils einmal wöchentlich treffen. Betroffene wie auch Angehörige seien herzlich eingeladen, sagt Theresa. An den Treffen könne man entweder begleitend zu einer Psychotherapie teilnehmen oder allein. Anonymität sei ein fester Bestandteil des Programms: Teilnehmer stellen sich nur mit ihrem Vornamen vor, und es werden keine Mitgliederlisten geführt. Binge-Eating-Störung ist die am weitesten verbreitete Essstörung Die Binge-Eating-Störung, auch Esssucht genannt, sei die am weitesten verbreitete Essstörung, sagt Melina Wickremasinghe vom Frankfurter Zentrum für Essstörungen. Sie finde gesellschaftlich aber wenig Beachtung. Vielen Betroffenen sei nicht bewusst, dass es sich um eine Krankheit handele. Sie dächten, ihnen fehle einfach die nötige Disziplin. „Eine Binge-Eating-Störung bedeutet nicht einfach, einen großen Appetit zu haben“, sagt Wickremasinghe. „Sie liegt vor, wenn Betroffene regelmäßig Essattacken erleben, bei denen sie das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren.“ Die Menschen äßen wie in Trance und könnten nicht aufhören, teils sogar trotz körperlicher Schmerzen. Oft wechselten sich diese Phasen mit Abnehmphasen ab, in denen Betroffene Gewicht verlören, indem sie hungerten oder viel Sport trieben. Deshalb hätten nicht alle Menschen mit Binge-Eating-Störung Übergewicht. Umgekehrt leide auch nicht jede übergewichtige Person an der Erkrankung. Am Äußeren allein lasse sich eine Essstörung nicht erkennen, hebt Wickremasinghe hervor. Individuelle oder seltsam erscheinende Essgewohnheiten müssten nicht auf eine Essstörung hindeuten, sagt Wickremansinghe. Solange die körperliche und psychische Gesundheit nicht darunter leide und Essen Freude bereite, seien sie kein Problem. Auch ein gelegentliches Belohnen mit Essen sei in Ordnung. „Problematisch wird es, wenn Essen dauerhaft zur Emotionsregulierung eingesetzt wird“, sagt Wickremansinghe. Warnzeichen für eine Essstörung könnten außerdem sein: akribisches Kalorienzählen, ständige gedankliche Beschäftigung mit Essen und Verlust von Interesse an früheren Beschäftigungen, kompensatorische Verhaltensweisen, schnelle Gewichtsschwankungen, depressive Symptome, Verlust sozialer Kontakte und das Vermeiden gemeinsamer Mahlzeiten. Es gebe zahlreiche Wege aus der Essstörung und Strategien, mit ihr umzugehen, sagt Theresa. „Für mich war OA das Richtige.“ Einige Menschen, die sie bei OA getroffen habe, hätten auch wieder aufgehört, an den Sitzungen teilzunehmen und hätten stattdessen andere Programme gewählt. Entscheidend sei es, einen Weg zu finden, der für einen selbst passe.
