Die diesjährige Buchmesse startete mit einer bemerkenswerten Definition von Demokratie: Demokratie ist die Freiheit, ein Jemand werden zu können. Dieser Satz trifft den Nagel auf den Kopf: Demokratie ist tatsächlich die Freiheit, ein Jemand werden zu können! Während die Worte noch nachhallen, berichten uns Medien von algorithmisch befeuerten Falschmeldungen, von Tech-Oligarchen mit politischem Einfluss und von einer ganzen Generation, die nicht mehr weiß, was sie wem glauben soll. In dieser fragmentierten Informationswelt, in der die Technologie der Freiheit Feind wird, in der Algorithmen darüber entscheiden, was wir sehen, und in der die Wahrheit sich aufzulösen scheint wie Zucker in Wasser, brauchen wir mehr denn je zwei verlässliche Institutionen: eine runderneuerte Bildung und einen Journalismus, der es wagt, wieder mit klarer Stimme zu sprechen und sich den Platz einer gesicherten Leitplanke zur faktenbasierten Orientierung der Gesellschaft zurückzuerobern. Die Herausforderung ist gewaltig. Nicht weil sie neu ist, denn Wahrheit, Freiheit und Bildung waren schon immer Kampfplätze, sondern weil die Waffen sich geändert haben. Wir erleben nicht nur einen medialen Wandel, sondern einen fundamentalen Bruch mit dem Aufklärungsversprechen, das die modernen Demokratien gründete. Und wir erleben zugleich ein Scheitern der Bildungsinstitutionen, deren Aufgabe es sein sollte, Bürgern das Wissen an die Hand zu geben, um diesen Bruch erkennen, durchschauen und eine Alternative gestalten zu können. Ohne reflektiertes und kritisches Denken wird es keine freiheitliche Zukunft geben. Der schnelle Weg der Falschinformationen Steven Brill, ein amerikanischer Autor, hat seinem Buch einen Titel gegeben, der wie ein Alarmruf wirkt: „The Death of Truth“. Darin beschreibt er ein Szenario, das heute nicht mehr dystopisch, sondern empirisch wirkt: Es gibt keine wirkliche Wahrheit mehr, die von allen geteilt wird. Macht entsteht nicht durch Ideen, die in demokratischen Prozessen zivilisiert diskutiert werden, sondern durch diejenigen, die das meiste Misstrauen für ihre eigenen Zwecke erzeugen. Dieses Misstrauen ist systematisch. Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston hat dokumentiert, dass der Twitter-(heute X-)Algorithmus so konstruiert ist, dass falsche Geschichten mit einer um 70 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit geteilt werden als wahre Geschichten. Es sind nicht einzelne böse Akteure, die hier am Werk sind, sondern die Geschäftsmodelle der Plattformen selbst, die darauf ausgerichtet sind, Polarisierung zu verstärken, Aufmerksamkeit zu maximieren, Bindung herzustellen, also das Böse zu nutzen, um Gewinne, kosten Sie, was sie wollen, zu erzielen. Der Soziologe Jürgen Habermas hat diese Entwicklung schon früh als Krise der kommunikativen Rationalität analysiert. Habermas zufolge können demokratische Prozesse nur dann funktionieren, wenn sie in einem „Geflecht kultureller Wertorientierungen“ eingebettet sind. Doch genau diese Werte werden durch die algorithmische Vermittlung von Kommunikation zersetzt. Was Habermas als eine „Verwandlung der Bürger in vereinzelte, selbst interessierte Monaden, die ihre subjektiven Rechte wie Waffen gegeneinander richten“ beschrieb, ist heute Realität. Die Plattformen haben nicht nur die Art verändert, wie wir kommunizieren. Sie haben die Bedingungen der Möglichkeit demokratischer Kommunikation selbst erschüttert. Schulen müssen freie Orte bleiben Das von den Tech-Giganten gegebene Versprechen einer liberalen Selbstregulierung wird nicht aufgehen. Die Plattformen haben kein Interesse daran, die „schlechten“ Meinungsäußerungen zu bekämpfen, weil genau diese ihrer Billionenwertung dienen. Das bedeutet: Der Staat sollte regulieren, der Markt wird es nicht tun. Die Technologiekonzerne sollten gezwungen werden, mit offenen Standards zu arbeiten, die eigenen, auf die Plattformen publizierten Inhalte sollten leicht an einen anderen digitalen Ort umziehen können, Übertragungswege und Inhalte sollten getrennt werden. Denn das „freie Internet“ ist von den Digitalkonzernen abgeschafft worden. Sie haben die Freiheit genutzt, um entstehen zu können, um dann zu definieren, was Freiheit für andere bedeutet. Doch ein starker Journalismus kann nur dann eine heilende Kraft entfalten, wenn es eine Gesellschaft gibt, die ihn zu lesen, zu verstehen und zu schätzen weiß. Und hier zeigt sich das zweite große Versprechen unserer Zeit als zerbrochen: das Versprechen der Bildung auf Entwicklung, auf Aufklärung und Humanismus. Schulen sollten Orte sein, an denen Menschen frei werden können, frei, ein Jemand zu werden. Doch was erleben wir stattdessen? Wir erleben Schulen, die zunehmend von außen gesteuert werden, von Algorithmen, von marktwirtschaftlichen Logiken, von einem Wirtschaftssystem, das Schüler früh in Konsumenten verwandelt. Schulen, in denen die Schüler nicht lernen, was es bedeutet, frei zu sein, sondern in denen sie trainiert werden, effizient zu sein, schnell zu entscheiden, sich dem Außen zu unterwerfen – und andauernd die Frage stellen, was denn wirklich für die anstehenden Prüfungen relevant sei. Nebenbemerkung: Auch an den Hochschulen sieht es nicht viel anders aus, wenn sie ihre Rolle der gesellschaftlichen Verantwortung ausschließlich darin sehen, Arbeitskräfte zu produzieren. Datenkontrolleure und Datenlieferanten So wird unsere Gesellschaft von einer neuen Form der Ungleichheit strukturiert. Nicht mehr die Unterscheidung zwischen Produktionsmittelbesitzern und Besitzlosen prägt sie, sondern die Unterscheidung zwischen denjenigen, die Daten kontrollieren, und denjenigen, die Datenlieferanten sind. Die Tech-Oligarchen, deren Gesichter wir bei der Inauguration des 47. Präsidenten der Vereinigten Staaten sahen, haben das Instrumentarium, die Menschheit als Ganzes als Lobby zu begreifen. Wir sind gleichzeitig Produzenten und Konsumenten: Prosumenten. Wir produzieren die Daten, die unsere Unterjochung ermöglichen. Dieses Geschäftsmodell dient nicht mehr allein dem Konsum, sondern der Beeinflussung unseres Willens, unserer Wahrnehmungen, unserer politischen Positionen. Lobbyarbeit funktioniert in diesem neuen Zeitalter anders, nicht durch Korruption von Politikern, sondern durch die Manipulation der Bevölkerung selbst. Nie war eine Kaufentscheidung politischer als heute. Und nie war der Wille selbst so sehr Ware wie heute. Wie behält der Mensch seine Freiheit? Schulen müssen auf diese neue Realität antworten. Sie müssen lehren, was es bedeutet, dass digitale Machtstrukturen unsere Wahrnehmung prägen. Es reicht nicht, oberflächliche Medienkompetenz zu vermitteln. Es braucht eine Sensibilisierung für die Systemlogik selbst, eine soziologische Perspektive, die zeigt, wie unsere Gesellschaft und der Mensch darin ein anderer wird. Und dieser andere wird nicht mehr in der Lage sein, sich die Freiheit zurückzuerobern. Es braucht Wissen über große gesellschaftliche Wandelprozesse, über die tektonischen Verschiebungen in unserer Gesellschaft. Und vor allem braucht es die Antwort auf eine zentrale Frage: Wie behält der Mensch seine Freiheit, um nicht zum gesteuerten Konsumenten zu werden, sondern ein Jemand zu sein? Die Antwort liegt in dem, was wir die „alten“ menschlichen Kompetenzen nennen könnten, die die Technologie nicht rauben kann. Interessanterweise werden diese heutzutage als Zukunftskompetenzen, als sogenannte Future Skills beschrieben. Beginnen wir mit der Beziehungs- und Bindungsfähigkeit. Beziehungen und Bindungen sind der soziale Klebstoff, der Verbundenheit unter Menschen schafft. Und diese Verbundenheit ist die Grundlage für den Mut, sich gegen Systeme zu stellen, die uns unterwerfen wollen. Eine erlebte Gemeinschaft ermöglicht es, schafft Selbstwirksamkeit. Und Selbstwirksamkeit ist der erste Schritt zur Freiheit. Dazu gehört auch Reflexionsfähigkeit, die Fähigkeit, über sich selbst nachzudenken, nicht nur das zu tun, was der Algorithmus empfiehlt, sondern die Fähigkeit, Kritik zu üben. Faktenbasierte Kritikfähigkeit ist in einer Welt von Fake News und Desinformation nicht weniger, sondern mehr notwendig als je zuvor. Es braucht auch eine Imaginationskompetenz, nicht nur die Phantasie, wie der Einzelne leben möchte, sondern die Kompetenz, sich Alternativen zur bestehenden Gesellschaft vorzustellen. Denn ohne diese Kompetenz können wir nicht anders agieren als so, wie es das System bereits vorsieht. Es braucht eine Kompetenz, Gemeinschaft und Gesellschaft mitgestalten zu wollen, und dafür wiederum eine Fähigkeit, mit Komplexität umzugehen. Wandel beginnt mit der eigenen Haltung Dies führt zu einem Punkt, der im gegenwärtigen Schulsystem (genauso wie in der digitalkapitalistisch getriebenen Gesellschaft) fast vollständig verloren gegangen ist: der Fähigkeit, Geduld aufzubringen. Diese Ungeduld ist der ideale Nährboden für Populismus, für einfache Lösungen, für Wut. Gerade dann, wenn Bedürfnisse nicht sofort befriedigt werden, wurden wir doch über die Marketingmaschinen entsprechend sozialisiert. Wut zerfrisst die Demokratie. Schulen könnten hier antworten, indem sie Beruhigung, Fokussierung und Empathie als didaktische Elemente in ihren Unterricht integrieren. Damit einhergehend braucht es eine besondere Haltung: Probleme als Geschenk wahrnehmen zu können. Was sollten wir Menschen sonst auf dieser Welt tun, wenn nicht an Lösungen arbeiten? Die Aufgabe vor uns ist keine kleine. Sie besteht darin, zwei zentrale Institutionen unserer Gesellschaft, Bildung und Journalismus, zu bewahren und zu erneuern in einer Zeit, in der mächtige ökonomische und technologische Kräfte danach streben, sie zu zerstören oder zu unterwerfen. Es braucht Schulen, die sicherstellen, dass sie der Hort freiheitlichen, menschlichen Denkens jenseits der Künstlichen Intelligenz und der digitalen Welt bleiben. Nur dann ist es möglich, dass ihre Zöglinge Gesellschaftsmitglieder werden, die auch einen Einwand, ein Stopp oder gar ein Nein einem übermächtig wirkenden System entgegenhalten können. Und es braucht Medien, die sich weigern, zu bloßen Zulieferern der Tech-Plattformen zu werden, die vielmehr an der Wahrheit festhalten und dem Leser helfen, sich eine fundierte Meinung zu bilden. Demokratie ist die Chance, den Staat zu vermenschlichen, wie Carlo Schmidt formulierte. Anders ausgedrückt: Das Gute ist nicht einfach in der Welt vorhanden. Man soll nicht sagen, es komme auf einen selbst nicht an. So vermehrt man nur die Dunkelheit. Mehr denn je ist der freie Mensch gefordert.
