FAZ 11.12.2025
07:00 Uhr

Biblis wird abgebaut: Ein Atomkraftwerk verschwindet


Zwei der Kühltürme des Kraftwerks Biblis sind schon niedergelegt, am Donnerstag wird der dritte ­abgerissen. Stück für Stück verschwindet Hessens einziges Atomkraftwerk.

Biblis wird abgebaut: Ein Atomkraftwerk verschwindet

Früher oder später ist die Statik im Eimer – und das ist in diesem Fall ganz im Sinne des Erfinders. Denn die Schlitze werden genauso mit voller Absicht in den Beton getrieben, wie die Stützen der Konstruktion ferngesteuert entfernt werden. Gelingt das nach Plan, wird der 80 Meter hohe und an der Basis 69 Meter breite und rund 7500 Tonnen schwere Kühlturm am Donnerstag irgendwann zwischen 11 und 13 Uhr in sich zusammenbrechen, genauso wie schon vor zehn Monaten zwei andere der insgesamt vier Bauten. Damit verschwindet eine der neben den Kuppeln der Reaktorgebäude prägenden Bauten des stillgelegten Atomkraftwerks der RWE am Rheinufer in Südhessen. Der Abriss der markanten Bauten ist spektakulär, aber verglichen mit anderen Herausforderungen des Abbruchs eines Atomkraftwerks Routine. Die beiden Kühltürme des Blocks B des Bibliser Kraftwerks sind nie mit radioaktivem Material in Berührung gekommen, sie unterscheiden sich nicht von ihren Brüdern an einem konventionellen Kohlekraftwerk wie zum Beispiel Staudinger in Großkrotzenburg. Ohnehin waren die beiden Kühltürme nie im Dauerbetrieb: Sie wurden nur dann genutzt, wenn das Wasser des Rheins in heißen Sommern oder bei niedrigem Pegelstand eine so hohe Temperatur erreichte, dass durch die direkte Einleitung des Kühlwassers Grenzwerte überschritten worden wären. Dass der Umgang mit dem Kühlwasser recht unproblematisch war, liegt an der Bauweise der beiden Blöcke des ehemaligen Atomkraftwerks, es handelt sich um sogenannte Druckwasserreaktoren. Die nuklearen Brennstäbe erhitzen in ihnen Wasser, ohne dass dieses wegen des hohen Drucks zu sieden beginnt. Die Wärme wird in einem Dampferzeuger an einen zweiten Wasserkreislauf abgegeben, erst der speist dann die Turbinen im Maschinenhaus. Material schwach radioaktiv Zu den Vorteilen dieser Bauart zählt, dass die Brennstäbe gleichmäßig mit Wasser benetzt bleiben, sich daher gut regeln lassen – und dass eben der zweite Kreislauf frei von Radioaktivität bleibt. Daher sehen auch die Reste der Kühltürme einer unbelasteten und nicht strahlenden Zukunft entgegen, wenn sie zermahlen und als Schotter wiederverwendet werden. Generell ist der Abriss eines Atomkraftwerks zu einem großen Teil eine konventionelle Angelegenheit. 55 Prozent des Materials außerhalb des sogenannten Kontrollbereichs kann direkt wiederverwertet oder deponiert werden, weitere 43 Prozent des Materials erhalten laut RWE eine uneingeschränkte Freigabe. Zur Erklärung: Zur Schutzzone zählen auch Einrichtungen und Anlagen, die keiner Strahlung ausgesetzt worden sind, wie zum Beispiel die Zentrale, von der aus die Reaktoren überwacht und gesteuert worden sind. Da das Atomkraftwerk alles in allem rund 1.000.000 Tonnen wiegt – das entspricht der Ladung von 25.000 Vierzigtonnern oder dem Gewicht von 5000 Blauwalen –, bedarf der größte Teil der Masse beim Abriss keiner besonderen Verfahren. Dennoch gibt es in der Region um einen Teil des (sehr) leicht radioaktiven Schutts einen Streit, konkret zwischen den Landkreisen Bergstraße und Groß-Gerau. Denn im Kreis Bergstraße, in dem Biblis liegt, gibt es keine Deponie für das Material, daher soll es nach Büttelborn gebracht werden, zumal auch keine andere Deponie in Deutschland das Material haben wollte. Stand jetzt muss Büttelborn 3200 Tonnen Beton, Ziegeln, Fliesen und Keramik, die „freigemessen“ und als unbedenklich eingestuft worden sind, annehmen. Biblis bleibt Zwischenlager Eine ganz andere Aufgabe ist es, die Anlagenteile abzubauen, die mit Radioaktivität in Kontakt gekommen sind. Die bei Weitem größte Strahlungsquelle sind dabei die Brennstäbe. Sie werden nach der Abschaltung des Reaktors einige Wochen noch dort aufbewahrt, bevor sie in ein Abklingbecken umgeladen werden. Schließlich werden sie in Lagerbehältern verstaut und spielen dann für den weiteren Abriss keine Rolle mehr. Die Antwort auf die Frage, wo die Brennelemente später einmal endgelagert werden, wird in Deutschland seit Jahrzehnten mit großem Aufwand und kleinen Fortschritten gesucht. Vorerst bleiben die Brennelemente in den sogenannten Castor-Behältern am Standort: Seit 2006 gibt es in Biblis ein Zwischenlager, eines von 16 in Deutschland, das zunächst bis 2046 genehmigt ist. Das übrige strahlende Material fällt in zwei Kategorien: aktiviert und kontaminiert. Im ersten Fall strahlt das Material selbst, im zweiten ist es mit radioaktiven Partikeln verschmutzt. Die kann man entfernen, zum Beispiel mit Dampfstrahlern werden sie von den Bauteilen abgespült, anschließend wird gemessen, ob und wie viel Strahlung sie noch abgeben. Liegen die Ergebnisse unter den Grenzwerten, dann gelten die Teile als „freigemessen“ und können konventionell entsorgt oder wiederverwertet werden. Wobei auch die Grenzwerte nicht unumstritten sind, der Umweltverband BUND zum Beispiel hält sie für zu hoch. Am schwierigsten ist der Umgang mit den aktivierten Teilen der Anlage, wie zum Beispiel dem Reaktordruckbehälter. Sie müssen zum Teil ferngesteuert zerlegt werden, eingesetzt werden unterschiedliche Verfahren. RWE nennt zahlreiche Beispiele wie Sägen, Fräsen, Trennschleifen, Scheren und Wasser-Abrasivstrahlschneiden, Brennschneiden, Plasmaschneiden und Lichtbogenschneiden. Der Aufwand ist hoch, der Anteil des radioaktiven Materials gemessen an der Gesamtmasse des Atomkraftwerks mit einem Prozent gering. Im Abriss von Atomkraftwerken haben Deutschland und die RWE Erfahrungen gesammelt, und das schon vor dem Atomausstieg. Viele der heute eingesetzten Techniken sind beim Abriss des Atomreaktors Kahl in Unterfranken, ganz in der Nähe von Hanau, gesammelt worden. 1961 ging dort das erste kommerzielle Atomkraftwerk Deutschlands ans Netz, bis 1985 wurde es betrieben, dann begann der Rückbau. Der sollte 25 Jahre dauern, erst 2010 fielen die letzten Gebäude. In Arbeit ist auch der Abriss des Kraftwerks im rheinland-pfälzischen Mülheim-Kärlich, das 1986 in Betrieb genommen worden war, aber wegen baurechtlicher Mängel schon 1988 wieder abgeschaltet werden musste. Beim Abriss des Kühlturms dort wurde ebenfalls nicht gesprengt, sondern die Reste wurden mit „Perforationsschlitzen“ und Baggern, die Träger zerstörten, niedergelegt. Läuft am Donnerstag in Biblis alles nach Plan, wird auch der letzte der vier Kühltürme nur noch kurze Zeit stehen: Er soll laut RWE im Januar fallen.